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Kieler Steuer-Deal Wie viel Emotion verträgt die Politik?
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12:29 28.06.2016
Nach seiner Abschiedsrede brachen die Dämme: Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU), hier mit Arbeits- und Sozialminister Heiner Garg, konnte oder wollte seine Tränen nicht aufhalten. Pure Sentimentalität, Reaktion auf Machtverlust oder Zeichen großer Erleichterung? Quelle: Bodo Marks

Mag sein, dass Tränen nicht lügen. Wahrheit jedoch wird trotz ihrer Begleitung oft nicht klarer. In der Politik spielen Tränen eine extreme Rolle. Gerade dort entscheiden Glaubwürdigkeit und Authentizität über ganze Werdegänge. Für einen Politiker kann es verheerend sein, wenn sich Tränen als politische Tränen entpuppen. Tränen, die gezielt und inszeniert fließen, um politisches Handeln zu ersetzen, um politische Ziele zu erreichen.

 Die Geschichte zeigt, dass es der Wähler beim politischen Akteur mit vielen Tränen-Typen zu tun bekommen kann. Der deutsche Ex-Kanzler Helmut Kohl (CDU) etwa galt als „nah am Wasser“ gebaut. Seine Tränen allerdings flossen oft, wenn ihm Wähler und/oder Parteivolk huldigten, wenn er „von seiner eigenen Größe gerührt“ („Spiegel“) war. Das kam nicht überall gut an. Seine Tränen bei der Beisetzung seines langjährigen Weggefährdeten und Ex-Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Alfred Dregger, waren über alle Zweifel erhaben.

 Kohls Nachfolger Gerhard Schröder (SPD) weinte öffentlich, als er 2005 mit einem Großen Zapfenstreich aus dem Amt des Bundeskanzlers verabschiedete wurde. Diese „Abschiedsfeuchtigkeit“ ließen auch andere Polit-Größen erkennen, darunter der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) im April 2012 und der rheinland-pfälzische Landesvater Kurt Beck (SPD) im Januar 2013 nach ihren letzten Reden in den Landtagen. All diese Tränen konnten keine politische Wirkung mehr haben, zeigten große Erleichterung oder ein persönliches Problem mit dem Verlust von Macht, steigerten jedoch die Glaubwürdigkeit der Vergießer noch im Moment ihres Abgangs. Schröders feuchte Augen im September 2005 hingegen, als er als Kanzler mitten in einem TV-Duell seiner Frau Doris eine Liebeserklärung machte, glänzten in anderem Licht. Doch was bedeuteten Peer Steinbrücks jüngste Tränen beim Berliner SPD-Parteikonvert, als sich seine Frau Gertrud in einer Ansprache über ihn äußerte? Als NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) im Juli 2011 bei der Gedenkfeier für die Loveparade-Opfer die Tränen kamen, fand niemand Verdächtiges daran. Wie aber sollte man die Tränen eines gewieften Polit-Strategen wie dem italienischen Ex-Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi bewerten, als er im April 2006 der Ankunft der Särge getöteter Soldaten in Rom beiwohnte?

 In der psychologischen Forschung gelten vor allem drei Politiker-Attribute als vertrauensbildend, schildert Prof. Thomas Kliche, Politikpsychologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal, langjähriger Herausgeber der „Zeitschrift für Politische Psychologie“, zudem Vorsitzender der Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen. „Will ein Politiker Vertrauen gewinnen, muss er kompetent, wohlwollend und berechenbar auftreten“, sagt Kliche. Heißt: Brechen unerwartete Emotionen heraus, kann das den Eindruck von Berechenbarkeit schmälern. Aber es kann auch zu Einbußen in der Wirkung bei Kompetenz und Belastbarkeit kommen – trotz aller Authentizität.

 Laut Kliche beobachtet die Forschung trotz dieser Gefahren eine wachsende Emotionalisierung des Politischen. „Trotz schwerster Wirtschafts-, Schulden- und Bankenkrisen hören wir aus der Politik weniger konkrete Aussagen, weniger Lösungsangebote, weniger Visionen“, so Kliche. „Wenn eine Kanzlerin den Leuten nur vermittelt, „das kriegen wir schon alles hin“, dient dies allein der Angstbewältigung in der Bevölkerung.“ Eine Angela Merkel inszeniere sich somit rein emotional in einer mütterlichen Fürsorge-Rolle.

 Die Emotionalisierung hängt unmittelbar mit der gewachsenen Personalisierung des Politischen zusammen. Wenn Positionen durch Personen ersetzt werden, erhöht sich die Angreifbarkeit der politischen Individuen zwangsläufig. „Politische Talkshows werden mehr und mehr durch Häme und Beschimpfungslust geprägt“, berichtet Kliche. Auch politische Satire ziele immer stärker darauf ab, Personen zu zerstören. Es ist also zusehends eine Frage des dicken Fells, ob bzw. wann der Angegriffene emotionale Reaktion zeigt. Die Frage, wieviel Emotion die Politik verträgt, wird demnach an Bedeutung zunehmen. Kliche geht davon aus, dass in Deutschland schon in zwei, drei Jahren eine breite Diskussion darüber geführt werden wird, wie Politiker mit uns und wie wir mit den Politikern öffentlich umgehen sollen.

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