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"Ich bin kein Steuersünder"

Augenarzt Uthoff im exklusiven KN-Interview "Ich bin kein Steuersünder"

Wochenlang hat er öffentlich geschwiegen, jetzt schildert Detlef Uthoff seine Sicht der Dinge. Im Interview mit KN-Chefredakteur Christian Longardt und Lokalchef Bodo Stade wehrt sich der Mediziner gegen den Vorwurf, Steuersünder zu sein.

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Detlef Uthoff stellte sich in seiner Augenklinik den Fragen von KN-Chefredakteur Christian Longardt (links) und Lokalchef Bodo Stade.

Quelle: Oliver Krato

Kiel. Herr Professor Uthoff, haben Sie heute schon operiert?

Heute Vormittag waren es zwölf Operationen und heute Nachmittag geht es weiter. Schließlich ist Operieren meine Leidenschaft, meine Passion.

Das heißt, Ihre Tätigkeit als Augenarzt ist derzeit nicht beeinträchtigt.

Doch. Ich merke es an den Anmeldungen. Zum ersten Mal in den drei Jahrzehnten des Bestehens der Klinik haben wir einen Knick. Das Bild, das von mir in der Öffentlichkeit gezeichnet wird, schadet uns natürlich immens. Die Mitarbeiter sind verunsichert. Wir sind eine der größten und modernsten Augenkliniken Europas mit knapp 15000 Operationen pro Jahr. Dass ich als Mediziner Behandlungsmethoden entwickelt habe, die weltweit zur Anwendung kommen, meine wissenschaftlichen Tätigkeiten sowie Lehrtätigkeiten an verschiedenen Universitäten, all das tritt komplett in den Hintergrund.

Sie sagen, die Zahl der Anmeldungen geht zurück. Haben Sie Sorge um die Arbeitsplätze?

In der Augenklinik Bellevue arbeiten 150 Menschen. Wenn die Fallzahlen weiter zurückgehen, werden wir nicht mehr so wirtschaftlich arbeiten können wie bisher. Da mache ich mir natürlich große Sorgen. Aber ich werde um unsere Augenklinik kämpfen, sie ist mein Lebenswerk.

Bis Anfang September stand der Name Uthoff für eine angesehene Augenklinik. Nun steht er für Steuerschulden und einen politischen Skandal. Wie fühlt man sich dabei?

Für den politischen Skandal trage ich keine Verantwortung. Was die persönlichen Diffamierungen betrifft, muss ich sagen: Das ist einfach nur ungerecht.

Warum?

Weil ich in dieser Angelegenheit überhaupt nichts Unrechtes getan habe. Ich bin kein Steuersünder. Es lag doch nicht in meiner Hand, dass die Finanzbehörden jahrelang zu keiner Entscheidung gekommen sind.

Können Sie denn den Ärger vieler Bürger verstehen, die brav ihre Steuern zahlen, während Ihnen eine Steuerschuld in Millionenhöhe erlassen wird?

 Ich muss Sie korrigieren. Mir sind keine Steuern erlassen worden, sondern Gebühren und Zinsen, die zum größten Teil ohne mein schuldhaftes Zutun entstanden sind. Aber: Natürlich verstehe ich die Leute. Ohne Hintergrundinformationen ist dieser extrem komplizierte Fall ja auch gar nicht zu begreifen. Deshalb lautet die eigentliche Frage auch, wie diese Steuerschuld überhaupt entstanden ist. Von Gerechtigkeit ist da keine Spur. Im Gegenteil: Es ist eine Perversion eines extrem komplizierten Steuerrechts, dass in meinem Fall Gewerbesteuern in Millionenhöhe festgesetzt wurden, obwohl dem keine Gewinne gegenüberstanden. Wie wollen Sie das eigentlich den Menschen erklären? Ich habe doch selber Jahre gebraucht, um diese Problematik halbwegs zu begreifen.

Aber richtig ist doch, dass Sie in großem Stil in den 90er Jahren Tausende von Wohnungen gekauft haben.

Das war in der Zeit der Neuen Heimat, die bevorzugt an mich verkauft hatte. Ich hatte sowohl Objekte in Hamburg als auch in ganz Schleswig-Holstein gekauft, um sie in eine persönliche Vermögensverwaltung zu nehmen. Als Fehler erwies sich im Nachhinein der Kauf der Mundsburg-Tower in Hamburg, für den ich einen hohen Betrag bei den Banken aufgenommen hatte. Plötzlich gingen die Mieten runter, ich hatte Leerstände und meine Kreditlinien wurden gekürzt. Ich war gezwungen, alles zu verkaufen, ob ich wollte oder nicht.

Auch wenn Sie es als ungerecht empfinden: Nach Recht und Gesetz beläuft sich Ihre Gewerbesteuerschuld inklusive Zinsen und Säumniszuschlägen auf 7,8 Millionen Euro. Warum haben Sie die nicht gezahlt?

Gezahlt wurde nicht, weil ich es einfach nicht konnte. Die hierfür erforderliche Liquidität war nicht vorhanden. Deshalb habe ich 2009, als der Bescheid nach 15 Jahren rechtskräftig wurde, auch sofort das Gespräch mit der Stadt gesucht und einen Antrag auf Stundung gestellt.

Mit wem haben Sie damals gesprochen? Mit dem damaligen Oberbürgermeister Torsten Albig?

Herr Albig war zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Amt. Oberbürgermeisterin war Angelika Volquartz. Unser Ansprechpartner bei der Stadt war aber immer der Leiter des zuständigen Amtes für Finanzwirtschaft. Die entscheidende Besprechung fand am 4. September 2009 beim Finanzamt Kiel-Nord statt. Damals hat man uns seitens der Behörden, also auch der Stadt Kiel, eindeutig signalisiert, über Stundung oder Erlassregelungen reden zu wollen.

Das Finanzamt war nicht so entgegenkommend.

 Das ist richtig. Ich bekam am 27. Dezember vergangenen Jahres sowie Anfang 2013 die Zahlungsaufforderung betreffend Ertrag- und Gewerbesteuern aus den Jahren 1994 bis heute in Höhe von insgesamt 10,5 Millionen Euro – so, als ob dieses Geld liquide zur Verfügung stehen würde. Ich habe dann alle verfügbaren Mittel eingesetzt und Konten aufgelöst, um zumindest die Einkommensteuern zu bezahlen. Mehr war aber auch nicht drin. Wenn ich alles auf einmal hätte zahlen sollen, wäre mir nichts anders übrig geblieben, als Insolvenz anzumelden. Dann hätte ich nicht einmal mehr die jetzt getroffene Vereinbarung einhalten können.

Wenn Ihre Finanzen so knapp sind, wieso können Sie sich dann eine Jacht und ein Flugzeug leisten?

Das Sportflugzeug, ein Oldtimer Baujahr 1973, habe ich vor einigen Jahren gekauft. Momentan steht die Maschine reparaturbedürftig im Hangar und ist somit nur schwer verkäuflich. Das Gleiche gilt für die sogenannte Jacht, eine über 30 Jahre alte Sunseeker Tomahawk, die wir als Familie 1984 gebraucht gekauft haben und kaum nutzen.

Und was ist mit dem Reetdachhaus auf Sylt und Ihrer Villa in Düsternbrook?

Die Sylter Doppelhaushälfte haben wir 1989 gekauft. Heute dient sie vor allem als dingliche Sicherheit für die Bank, die im Grundbuch eingetragen ist. Bei einem Verkauf würde als erstes die Bank bedient. Es bliebe dann aber bestimmt nichts übrig, um Steuerschulden zu bezahlen. Unser Familienheim in Düsternbrook dient ebenfalls als dingliche Sicherheit bei den Banken, die 2009 den Ausbau der Klinik mitfinanziert haben.

Für eine große Jubiläumsfeier der Klinik mit Lichtshow war aber noch Geld vorhanden.

Ich hätte mir das nicht leisten können. Diese Feier hat 200000 Euro gekostet und wurde von anderer Seite finanziert.

Sie leben also nicht im Luxus?

Das ist doch ein Witz. Vergleichen Sie doch mal: Ich fahre einen geleasten BMW. Die ärztlichen Direktoren anderer Kliniken haben einen dicken Mercedes. Aber mir wird das angelastet .

Was sagen Sie zu den Vorwürfen, wonach sowohl Schuldforderungen als auch Vermögen auf Ihre Familie übertragen wurden. Haben Sie da getrickst?

Nein. Ich habe meine Nachfolgeregelung schon sehr früh in Angriff genommen und Gesellschaften gegründet. Im Mittelpunkt dieser immer wieder erhobenen Vorwürfe steht eine große Forderung, die aus der Finanzierung des Immobilienvermögens durch ein Bankenkonsortium resultiert. Als dieses Konsortium aufgelöst wurde, war es ein glücklicher Umstand, dass die Banken diese Forderung an eine von Teilen meiner Familie und uns nahestehenden Geschäftsfreunden neu gegründete Gesellschaft bereits im Jahre 2006 abtraten. Da wird also nichts versteckt. Die Forderung besteht rechtlich und tatsächlich und wird auch bedient.

Die Regelung mit der Stadt sieht vor, dass Sie ihre Gewerbesteuerschuld von 4,1 Millionen Euro in monatlichen Raten von 80000 Euro abzahlen. Wenn Sie das können, warum können Sie auf diese Weise nicht auch die gesamte Schuld in Höhe von 7,8 Millionen abtragen?

Es gibt eine einfache Erklärung. Ich muss dafür auf Rücklagen zurückgreifen, die für die Instandhaltung der Klinik und für neue Geräte gebildet wurden beziehungsweise zu bilden wären. Das heißt, ich verzichte auf Investitionen, die eigentlich in den kommenden Jahren weiter notwendig wären. Das geht aber nicht länger als drei bis fünf Jahre, weil sonst die Klinik ins Hintertreffen geraten würde und ihre eigentliche Aufgabe, nämlich den öffentlichen Versorgungsauftrag des Landes Schleswig-Holstein als Plankrankenhaus, nicht mehr in der notwendigen Weise sicherstellen könnte. Noch einmal: Ich kann diese Leistung durch meiner Hände Arbeit erbringen und ich bin gern bereit, die eigentliche Gewerbesteuerschuld, die ich zwar aus den genannten Gründen als ungerecht empfinde, abzutragen, damit diese unendliche Geschichte einmal zum Ende kommt. Dann muss es aber auch genug sein.

Wer Schulden hat, muss sich normalerweise von etwas trennen. Warum verkaufen Sie nicht Anteile der Klinik?

Das Gebäude gehört meiner Familie. Das einzige, was ich verkaufen könnte, wäre der Klinikbetrieb als mein Einzelunternehmen. Der Wert ist jedoch schwer zu bestimmen und sicherlich von meinem persönlichen Einsatz abhängig. Mein Ziel ist es aber, diese Klinik für Kiel zu erhalten. Das hat auch etwas mit sozialer Verantwortung gegenüber meinen Mitarbeitern und Patienten zu tun. Deswegen hatten wir der Stadt schriftlich auch angeboten, sich an der Klinik zu beteiligen. Das ist allerdings nicht angenommen worden, weil es aus rechtlichen Gründen wohl nicht möglich ist.

Haben Sie am Ende auf eine schnelle Entscheidung gedrängt?

Nein, unsere Steuerberater und auch ich waren überrascht, dass es eine Eilentscheidung gab.Wir waren davon ausgegangen, dass auch das Finanzamt und die Ratsversammlung beteiligt werden müssen. So hatte es uns die Stadtverwaltung schriftlich mitgeteilt.

Hat Ihre Hausbank Druck gemacht?

Die Förde Sparkasse hatte sicher ein Interesse an einer Lösung, die für mich auch darstellbar ist. Wäre es zu keiner Lösung gekommen, wäre sie davon ja auch betroffen gewesen.

Haben Sie mit der Oberbürgermeisterin vor oder nach der Entscheidung gesprochen?

Frau Gaschke habe ich bisher nur ein einziges Mal in meinem Leben getroffen, als wir bei Freunden zum Essen eingeladen waren. Da war sie gerade Oberbürgermeisterin geworden und ich hatte ihr dazu gratuliert. Ansonsten kenne ich sie überhaupt nicht. Sie war auch nie bei den Gesprächen dabei.

Werden Sie 2014 wieder auf der Kieler Woche als Tony Uthoff auftreten und Musik machen?

Nein, danach ist mir nicht mehr. Ich trete nicht mehr in der Öffentlichkeit auf. Das ist vorbei.

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Christian Longardt
Chefredakteur

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