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Sie versprach ein „Kiel-Gefühl“

Kieler Steuer-Deal Sie versprach ein „Kiel-Gefühl“

Als Oberbürgermeisterin wollte die Quereinsteigerin Susanne Gaschke frischen Wind in das Kieler Rathaus bringen. Am Ende hat die frühere Journalistin durch ihren Umgang mit der Steuer-Affäre einen Sturm entfacht – und ist darin untergegangen.

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Der Schwertträger vor dem Rathaus: Nach Wochen des Streits steht Kiel ein neuer Wahlkampf bevor.

Quelle: dpa

Kiel. Dabei hatte alles so hoffnungsfroh für die damals 45-Jährige begonnen: Zur Überraschung vieler in ihrer eigenen Partei setzte die „Zeit“-Redakteurin mit dem ausgeprägten Selbstbewusstsein ihre Kandidatur durch, zeigte Steher-Qualitäten vor allem im SPD-Wahlkampf, in dem sie sich – wenn auch nur knapp – gegen die von der Landesspitze favorisierte Landeswahlleiterin Manuela Söller-Winkler behauptete. Verheiratet mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Bartels, keine Verwaltungs- und Führungserfahrung, keine Ochsentour durch Parteigremien – mancher Genosse äußerte schon damals lautstark Zweifel an ihrer Eignung für diese Spitzenposition und fürchtete eine Alleinherrschaft des SPD-Politiker-Powerpaars in Kiel.

 Die promovierte Anglistin und Autorin baute auf die Macht der Worte und gewann, indem sie nicht nur ihre Partei, sondern auch in der Stichwahl gegen den CDU-Konkurrenten Gert Meyer „als Kielerin durch und durch“ überzeugte: „Es geht darum, wie sehr wir unsere Stadt gestalten, wie viel Heimat wir sein wollen“, propagierte Susanne Gaschke, eine politische Oberbürgermeisterin werden zu wollen. Das bedeutete für die Sozialdemokratin, den „Geist des Aufbruchs möglichst lange zu bewahren“, mit „verantwortungsvollen Menschen parteiübergreifend nach guten Kompromissen zu suchen“ und ein kooperativer Gegenpol zur Ratsversammlung zu sein. Als sie ihr Amt am 1. Dezember 2012 antrat, warb sie für ein „fröhliches Kiel-Gefühl“ und für mehr Stolz auf die Stadt, die wachse und im Aufbruch sei.

 In den ersten Monaten beherzigte die neue Verwaltungschefin die selbst gesteckten Ziele, schob mit Elan Initiativen für mehr bezahlbaren Wohnraum und Leseförderung an, ordnete das Wirtschaftsdezernat neu und übernahm dessen Leitung. Gaschke suchte die Nähe zur CDU, fasste ihre Visionen in intellektuell überlegte Sätze, scheute dabei aber nicht den Konflikt mit Verkehrsminister Peter Ramsauer, als sich die Krise am Nord-Ostsee-Kanal zuspitzte: Den stärksten Zuspruch bekam sie von den Kielern, nachdem sie dem Minister bei der Nationalen Maritimen Konferenz offen die Leviten gelesen hatte.

 Dass sie Klartext reden wollte, hatte Gaschke ebenso versprochen wie einen neuen Politikstil zu pflegen und alte Politikrituale aufzubrechen. Sie lud alle Akteure zum Runden Tisch Wohnen, regte an, bei der Flächenvergabe auch soziale Kriterien anzulegen und schrieb sich auf die Fahnen, beides – Wohnen und Wirtschaft – nach dem Abzug des Marinefliegergeschwaders 5 in Holtenau verwirklichen zu wollen. Kleiner Kiel Kanal, der Bau eines Kraftwerks, Stadtregionalbahn – alles kostenintensive, heiß debattierte Projekte, die Gaschke eigentlich nach der Sommerpause angehen wollte. Aber dazu kam es nicht mehr. Ob die frühere Journalistin nach acht Monaten im neuen Amt angekommen sei, fragten die Kieler Nachrichten, nur zwölf Tage bevor der Steuererlass am 22. August öffentlich wurde. „Absolut“, sagte Gaschke damals, natürlich sei das Rathaus eine andere Welt als die Redaktion. Aber inzwischen habe sie sich in die „ungeheure Themenvielfalt einigermaßen solide eingearbeitet – von Kraftwerk bis Krippe, von Städtebauförderung bis Grünflächenamt“, war sie überzeugt.

 Doch auch mit der Terminfülle, die das Amt an der Spitze einer Verwaltung mit 4400 Mitarbeitern mit sich bringt, tat sie sich als Verwaltungsneuling sichtlich schwer. Der Ärger über kurzfristige Absagen nahm schon vor der Steuer-Affäre unüberhörbar in und außerhalb des Rathauses zu, ebenso wie die Verunsicherung unter den Beschäftigten: Viele von ihnen hatten nach langer Vakanz, als Gaschkes Vorgänger Torsten Albig zum Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins gewählt worden war, auf klare Kursbestimmung gehofft. Während Befürworter im Rathaus Gaschkes Tatkraft und Frische lobten, kreideten ihr Gegner Unprofessionalität, Mangel an Selbstkritik und Beratungsresistenz an – Eigenschaften, die sie, da sind sich nicht nur Kritiker sicher, letztendlich ihr Amt kosteten. Spuren wird Gaschke nach elf Monaten im Amt nur wenige hinterlassen. Ihr Rücktritt entfachte aber eine Debatte darüber, was ein Kandidat oder Kandidatin unbedingt mitbringen muss, um Kiels Verwaltung führen zu können.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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