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Wärmeraum für erkaltete Seelen

Serie: Kirche im Wandel Wärmeraum für erkaltete Seelen

Die Anzahl der Besucher von Gottesdiensten ist gering, das Alter hoch. Oder ist das ein Vorurteil? Mit „Kirche im Wandel“ begeben wir uns in loser Folge auf Spurensuche. Ist Kirche nicht attraktiv genug? Mangelt es an Konzepten? Den Anfang macht die „Offene Kirche“ St. Nikolai in Kiel.

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Wie gut wird die Einheit der Christen gelebt?

„Entscheidend ist, dass eine Predigt den Bezug zu den Menschen herstellt“: Susanne Hansen ist Pastorin in St. Nikolai in Kiel.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Alle Jahre wieder. Am 24. Dezember stehen die Menschen am Alten Markt Schlange, um die Weihnachtspredikt in der Nikolaikirche zu hören und den Kieler Knabenchor, der immer so schön Stille Nacht singt. Die Sitzplätze sind schnell vergeben, Alt und Jung stehen dicht gedrängt in den Gängen. Weihnachten und Kirche, das ist ein Ritual auch für jene Bürger, die sich das nur einmal im Jahr gönnen. Wie in jedem Jahr wurden diese Besinnlichkeits-Romantiker auch im vergangenen Dezember nicht enttäuscht. Und ein Ereignis für sich war die Predigt von Matthias Wünsche. Der Pastor passt zum Konzept der Innenstadt-Gemeinde, er hat ja auch daran mitgewirkt. „Wo Kirche drauf steht, soll Kirche drin sein – in allen ihren Bezügen“, lautet ein Kernsatz. Als sogenannte City-Kirche ist St. Nikolai ein offenes Haus, das allen und jedem offen steht. Sie versteht sich als Begegnungsstätte für Fremde und als Wärmeraum für erkaltete Seelen. Der letzte Satz könnte auch so interpretiert werden, als wäre er auf jene Event-Christen gemünzt, die nur am Weihnachtstag über die Schwelle eines Gotteshauses treten und zum Teil gar nicht mehr der Kirche angehören. Auch für sie sprach Matthias Wünsche, und wer es schätzt, dass der Seelsorger politisch zu predigen versteht, der wurde nicht enttäuscht: „Die Weihnachtsgeschichte, die von Vertriebenen und Flüchtlingen handelt, ist unverändert aktuell. Was in den letzten Monaten in Kiel geleistet wurde, ist unglaublich. Wie der politische Mut, dass leerstehende Häuser jenen Menschen gehören, die sie brauchen. Chapeau, Hut ab.“

 Zweiter Sonntag im Januar, selber Ort, anderes Bild. Zum Gottesdienst in diesem Haus mit 900 Sitzgelegenheiten verlieren sich um 10 Uhr knapp 60 Besucher, davon fünf jünger als 30. Im Schnitt kommen mehr als 200. Eine der Ursachen solch geringen Besuchs, glaubt Pastorin Susanne Hansen, sei bezogen auf ihre Gemeinde die schwindende Tendenz junger Paare, ihre Kinder taufen zu lassen: „Diese Tradition hat an Bedeutung verloren, viele Eltern ziehen es vor, ihre Kinder später selbst entscheiden zu lassen.“ Austritte sorgen bei St. Nikolai dagegen nicht für Zukunftssorgen. „Menschen wollen sich nicht mehr binden, das geht anderen Organisationen genauso. Diesbezüglich stehen wir mit unserem Konzept der offenen Kirche sogar noch besser da “, glaubt die Pastorin.

 Susanne Hansen predigt über die Jahreslosung der Evangelischen Kirche Deutschland „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“. „Trost kann man nicht geben, Trost bekommt man“, sagt sie, doch Glaubenstrost sei kein Medikament mit unfehlbarer Wirkung. Und sie fragt: „Doch was ist dann Trost im Glauben?“ Solchermaßen reflektierend versteht sie es, auch weniger glaubensfeste Zuhörer in ihren Bann zu ziehen.

 Anschließend ist sie offen für ein Gespräch. In den Medien sind gerade die Silvestervorfälle in Köln und Hamburg das beherrschende Thema, hätte es da nicht nahe gelegen, als Frau in diesem Amt Stellung zu dieser Form von Gewalt gegen Frauen zu beziehen? Susanne Hansen gibt in ihrer Antwort einen tieferen Einblick in ihre Arbeit. Nach dem 11. September 2001, dem Tag, an dem das World Trade Center in New York für knapp 3000 Menschen zur tödlichen Falle wurde, hat sie als Polizeipfarrerin zu 500 Polizisten in Eutin gesprochen. Nach den Terroranschlägen am Freitag, den 13. November vergangenen Jahres in Paris, hat sie kurzfristig ihre fertige Ansprache entsorgt und bis tief in die Nacht eine neue verfasst. „Man kann politisch predigen, man kann sich entscheiden, auf Tagesgeschehen einzugehen“, sagt sie nun, „aber man kann es nicht immer tun.“ Entscheidend sei, dass eine Predigt den Bezug zu den Menschen herstelle.

 Das ist ihr am zweiten Januar-Sonntag in der spärlich gefüllten Nikolaikirche sehr einfühlsam gelungen, mit Worten, die ein größeres Publikum verdient gehabt hätten.

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