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Landpartie Geschichte voller Geschichten
Landpartie Geschichte voller Geschichten
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18:02 13.08.2015
Von Joachim Welding
 In voller Pracht entfaltet sich der Bordesholmer Altar mit handgeschnitzten Bibelmotiven. Quelle: Joachim Welding

Der Steinlöwe am Petri-Portal an der Seite schaut zwar etwas böse drein, aber wer eintritt, wird umgehend von einer erhabenen, friedvollen Stimmung erfasst. Das mag an der warmen Atmosphäre und der tiefen Stille liegen, ganz sicher aber auch an der imposanten Ausstattung: Die Kirche überrascht mit einer Fülle von farbenfrohen Kunstwerken, Malereien, Schnitzereien, 33 leuchtenden Kirchenfenstern und dem bis heute unglaublichen Bordesholmer Altar. „Diese reiche Ausstattung ist für evangelische Kirchen ungewöhnlich – ebenso wie die Dimension für eine Stadt wie Schleswig“, erklärt Reinald Schröder. Der Pastor in Rente führt Besucher herum und kennt die vielen Geschichten aus der langen Domgeschichte.
Klar, dass ein Bauwerk dieser Dimension nicht in ein paar Monaten entsteht: Die Errichtung der um das Jahr 1100 begonnenen romanischen Basilika zog sich über Jahrhunderte hin. Doch immerhin kann man stolz sagen, dass St. Petri anders als etwa der Kölner Dom fertig gebaut wurde. „Durch die lange Bauzeit findet man viele Baustile von der Romanik über die Gotik und die Renaissance bis hin zum Barock“, erzählt Schröder. Die vielen baulichen Veränderungen und die Kunstwerke spiegeln die geschichtliche Entwicklung und auch den Machtanspruch der weltlichen Führer wider.
So ruht König Friedrich I. von Dänemark, der bis 1533 auf Schloss Gottorf residierte, mit seiner Frau Sophie in der Fürstengruft des Doms – ganz in der Nähe des Bordesholmer Altars. Ende des 19. Jahrhunderts ließen sich Kaiser Wilhelm I. und II. für den Bau des überproportional hohen Hauptturms feiern: Der 1894 fertiggestellte Backstein-Turm gilt mit 112 Metern Höhe als dritthöchster Kirchturm Schleswig-Holsteins (nach Marienkirche und Dom in Lübeck). „Der Kaiser stiftete auch die 33 Farbglanzfenster, die die Kirche in ein sehr schönes Licht tauchen“, so Reinald Schröder. Kaiserin Auguste Victoria durfte sich ein ganz spezielles Fenster aussuchen. „Doch unglücklicherweise wählte sie das hinter dem Bordesholmer Altar, der es mit seinen zwölf Metern Höhe fast ganz verdeckt.“
Es war somit der politische und geistliche Führungsanspruch, der die imposante Dimension des Domes in der vergleichsweise kleinen Stadt Schleswig bewirkte. Auch wenn es die bescheidenen Nordlichter heute nicht groß erwähnen: Das Wahrzeichen Schleswigs gehört zu den bedeutendsten Bauwerken Norddeutschlands und dient als Bischofskirche für den Sprengel Schleswig. So feiert Bischof Gothart Magaard auch zu Heiligabend ab 23 Uhr die Christmette im Dom.
Bei einigen besonderen Gottesdiensten und den Taufen steht der Bordesholmer Altar mit der außergewöhnlich schönen Bronzetaufe von 1480 im Mittelpunkt: Als die bedeutendste Sehenswürdigkeit des an Kunstschätzen reichen Doms gilt der sieben Meter breite Flügelaltar von Hans Brüggemann – es ist ein Meisterwerk der europäischen Holzschnittkunst. Der Meister hatte ihn ursprünglich für die Augustiner-Chorherrenkirche in Bordesholm angefertigt. 1666 brachte man das epochale Kunstwerk in den Schleswiger Dom. Fast 400 plastische Eichenholz-Figuren erzählen in 22 Szenen die biblische Passionsgeschichte von der Gefangennahme Jesu bis zu Christi Himmelfahrt. Über der Kreuzigungsszene thront Maria als Himmelskönigin, und über allem schwebt Christus als Weltenrichter.
Wer sich in die Darstellungen vertieft, bemerkt die ausgeprägte, individuelle Darstellung der Gesichter und Körperhaltungen der Figuren – bis heute ist diese Arbeit aus Brüggemanns Werkstatt unerreicht. Von ihm stammt auch die über vier Meter hohe Christophorus-Figur am Eingang des Südchores. „Wer sich den Brüggemann-Altar genau anschaut, entdeckt, dass einige wenige Figuren abhandengekommen sind – darunter eine Hundefigur“, erzählt Schröder. Von besonderer Bedeutung ist ein Fach in der Mitte mit einer Jesusfigur hinter einem Gittertürchen, das rituell in besonderen Gottesdiensten immer wieder mit einem frischen Hemdchen versorgt wird.
Mit solchen Spezialitäten kann der Dom mehrfach aufwarten – so auch mit einer kleinen mittelalterlichen Skulptur nahe des Haupteinganges: „Sie zeigt einen kleinen Affen, der Dudelsack spielt“, erklärt Schröder schmunzelnd. Und auch der Schwahl, wie ein Prozessionsgang aus dem 14. Jahrhundert neben dem Dom genannt wird, bietet dem Auge Außergewöhnliches: Neben kostbaren Wandzeichnungen mit biblischen Szenen befinden sich an der Decke Fabelwesen, die teilweise recht furchterregend auf den Betrachter herabblicken.
Für das Auge ebenso wie für die Ohren eine Wohltat ist die große Marcussen-Orgel von 1963 mit heute 65 Registern auf vier Manualen. Erst vor wenigen Jahren hat eine Orgelbauwerkstatt die Restaurierung und Erweiterung des wohlklingenden Instruments abgeschlossen – beste Voraussetzungen also für stimmungsvolle Gottesdienste.

Gut zu wissen

St. Petri Dom: Evangelisch-Lutherische Domgemeinde Schleswig, Norderdomstr. 4, 24837 Schleswig, Tel. 04621/989857, www.schleswiger-
dom.de, Homepage mit virtuellem Rundgang durch den Dom. Kontakt: Domküsterei Tel. 04621/989595; Besuch des Hauptturms gegen eine Spende, 241 Stufen bis zur Aussichtsplattform in 60 Metern Höhe. Geöffnet: Oktober-April täglich 10-16 Uhr, Führungen nach Voranmeldung.
Eintritt: Erwachsene 3/Kinder 1,50 Euro.

Am Wegesrand

Holm: Die historische Fischersiedlung Holm ist der älteste Stadtteil Schleswigs und etwa so bekannt wie der Dom, der nur wenige Gehminuten entfernt liegt. Im Zentrum des Holms ist der Friedhof mit einer Kapelle von 1876. Rundherum stehen die Fischerhäuser mit unverfälschter Atmosphäre im Charakter vergangener Zeiten. Das Holm-Museum dokumentiert den Zeitenwandel mit historischen Fotos. Süderholmstraße 2, Tel. 04621/936820, www.stadtmuseum-schleswig.de/das-holm-museum. Geöffnet: täglich 10-18 Uhr, Eintritt frei.
St. Johanniskloster: Um das Jahr 1200 wurde das St. Johanniskloster von Benediktinermönchen an der Schlei angelegt und gilt als
besterhaltene mittelalterliche Klosteranlage Schleswig-Holsteins. Heute beheimatet es ein evangelisches Damenstift. Die Klosterkirche,
der gotische Kreuzgang einschließlich Kapitelsaal und die Stiftsgebäude bilden eine Einheit. Führungen nur in den Sommermonaten.
Am St. Johanniskloster 4, Schleswig, Tel. 04621/25853.

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