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Elbschiffer lieben Sommerschnee

Lauenburg Elbschiffer lieben Sommerschnee

„Das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten.“ So war es früher und hat vor allem Kindern den Museumsbesuch oft verleidet. Im Elbschifffahrtsmuseum in Lauenburg gilt genau das Gegenteil: Anfassen ist ausdrücklich erwünscht.

Elbstraße 59, Lauenburg 53.37044 10.55293
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Der Norden unter Strom

 Wie wohnt es sich auf einem Flussschiff, fragte sich Okar. Das Modell macht es sichtbar und kann per Knopfdruck in alle Richtungen bewegt werden.

Quelle: Sabine Spatzek

Lauenburg. „Sie wundern sich vielleicht, dass ich Sie hier begrüße…“ Da hat der Muskelmann, der als lebensgroßer Pappkamerad im Erdgeschoss die Blicke auf sich zieht, absolut Recht. „Aber es waren menschliche Muskeln, die jahrhundertelang dafür sorgten, dass Schiffe die Elbe hochgezogen wurden.“ Erst vor etwa 200 Jahren, lässt die Stimme uns wissen, befuhren die ersten Schiffe mit Dampfmaschinenantrieb den Strom, der auf seinem langen Weg von Tschechien in die Nordsee nur wenige Meter vom Museum entfernt an Lauenburg vorbei fließt. Jetzt fordert uns der Muskelmensch, den wir mit einem Knopfdruck zum Sprechen gebracht haben, auf, selbst die Muskeln spielen zu lassen. Dafür steht ein Trimmfahrrad bereit, und die beim Trampeln verbrauchte Energie dürfen wir aus dem ausliegenden Vorrat an Schokoriegeln sofort wieder ersetzen. Da sind sich die großen und kleinen Naschkatzen einig: Besser kann ein Museumsbesuch gar nicht beginnen!
Im Lauenburger Schifffahrtsmuseum, das früher einmal das Rathaus war, können viele Ausstellungsstücke direkt „begriffen“ oder in Aktion versetzt werden. Über Bildschirme lassen sich Hintergrundinformationen in Form von Fotos oder Filmen abrufen – jeder Besucher kann selbst entscheiden, was ihn interessiert und worüber er mehr wissen will. Im Raum „1000 Jahre Schifffahrt auf der Elbe“ stehen die im Maßstab 1:50 gefertigten Schiffsmodelle – vom Einbaum aus Eiche bis zur modernen Schubeinheit im Güterschiffsverkehr – zwar ganz klassisch in der Vitrine, aber selbst hier lässt sich immerhin die Beleuchtung von außen steuern.
Warum die im Herbst 2014 eröffnete Ausstellung „Mensch-Modell-Maschine“ heißt, wird vor allem im oberen Stockwerk klar: Es wird nicht nur Technik gezeigt und erläutert, sondern auch die dazugehörige Lebenswelt und wie beides zusammengehört: Dass technisches Verständnis die meiste Muskelarbeit in der Schifffahrt überflüssig gemacht hat, haben wir den findigen Köpfen von Ingenieuren und Maschinenbauern zu verdanken.
Ein Stück Eisenkette, 3,75 Meter lang, ist in den Fußboden eingelassen und macht uns klar, dass die Elbschifffahrt zwischen 1866 und 1930 nicht zu überhören war. Unter lautem Gerassel zogen die Kettendampfer sich und eine Reihe antriebsloser Kähne an der insgesamt 740 Kilometer langen, auf dem Grund des Stroms verankerten Eisenkette vorwärts. Kam Gegenverkehr, musste ein Dampfer aus der Kette, was ein stundenlanges Manöver bedeutete. Wir staunen aber auch über Alltägliches: etwa über die „Arschbackenbrühe“ – das sind geröstete, mit heißem Wasser übergossene Gerstenkörner als Kaffee-Ersatz. Und der „Sommerschnee“ war früher für viele Schifferfamilien ein Zusatzverdienst: Schwärme von Eintagsfliegen wurden angelockt, aufgesammelt und als Vogelfutter verkauft.
Im Keller wartet dann der atmosphärische Höhepunkt des Museumsbesuchs: Teils riesige, alte Maschinen, Dampfantriebe, Schaufelräder, Schiffsschrauben sind hier in geheimnisvolles, blaues und rotes Licht getaucht. Sie wirken unwirklich und wie nicht von dieser Welt. Um von diesen Ungetümen fasziniert zu sein, muss man ihre Funktion nicht unbedingt kennen oder verstehen.
Lauenburg hat aber noch mehr zu bieten als nur das Schifffahrtsmuseum. Ein Bummel durch die Elbstraße mit ihren schönen alten Fachwerkhäusern muss sein, auch der Gang direkt ans Wasser und an die Stelle, wo an einer Schauwand die Pegelstände der Elbe aus vielen Hochwasserjahren vermerkt sind. Wir pilgern zum „Rufer“, Lauenburgs Wahrzeichen, und spekulieren, welche Botschaft dieser Schiffer gerne loswerden würde, wäre er lebendig statt aus Metall. Der Aussicht wegen steigen wir hinauf zum ehemaligen Schloss der Herzöge von Sachsen-Lauenburg. „Askanierblick“ nennt sich die Stelle und bietet ein grandioses Stadt-Land-Fluss-Panorama: Die Elbe fließt in der Frühlingssonne glitzernd im Dreiländereck dahin; am gegenüberliegenden Ufer ist Niedersachsen und hinter der Landspitze neben der Hitzler-Werft beginnt Mecklenburg-Vorpommern.
Die Lauenburger behaupten übrigens, dass der Frühling in Schleswig-Holstein bei ihnen beginnt, weil das Klima hier kontinentaler geprägt sei als im Rest des Landes. Als Einstimmung darauf genießen wir schon mal einen Eisbecher – im Café gegenüber vom Museum mit Blick auf den Strom.

Gut zu wissen

Schifffahrtsmuseum Lauenburg: Elbstraße 59. Geöffnet Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 10-17 Uhr. Eintritt 5 Euro/Ermäßigungen/Familien 11 Euro. Tourist-Information im selben Haus. Infos Tel. 04153/5909219 und www.elbschiffahrtsmuseum.de
Raddampfer „Kaiser Wilhelm“: Die Saison für die Fahrgastschifffahrt auf der Elbe startet am 25./26. April mit dem Kurs Elbe.Tag. Vom 1. Mai bis 20. September fährt der Raddampfer ab Lauenburg, Anleger Ruferplatz, an zwei bis drei Wochenenden pro Monat nach Bleckede, Hitzacker oder zu Sonderzielen. Fahrplan und Infos: www.raddampfer-kaiser-wilhelm.de
Lauenburger Kultur- & Kneipennacht: Am Sonnabend, 7. März, mit Konzerten von Pop bis Klassik, Lesung, Comedy, Party und
mehr. Das Elbschifffahrtsmuseum ist ab 20 Uhr geöffnet, auf dem Raddampfer „Kaiser Wilhelm“ werden ab 20.30 Uhr 30er-Jahre-Schlager geboten. Einmaliger Eintritt für alle Veranstaltungen 8 Euro. Infos und Programm unter Tel. 04153/5909220 und www.lauenburg.de

Am Wegesrand

Geesthacht-Museum: Auch Schleswig-Holsteins zweite Elbstadt besitzt ein interessantes Museum. Themen sind die Erfindung des Dynamits und die Stadt als größter Energie- und Forschungsstandort Norddeutschlands. Infos: Krügersches Haus (auch Tourist-Info), Bergedorfer Straße 28. Geöffnet Mo-Sa 11-17 Uhr; ab April Mo-Fr 10-18, Sa/So 11-17 Uhr. Kontakt: Tel. 04152 / 835979, www.geesthacht.de
Schiffshebewerk Scharnebeck: Im 1975 in Betrieb gegangenen, seinerzeit weltgrößten Schiffshebewerk (Elbeseiten-Kanal, 15 Kilometer
südlich von Lauenburg bei Lüneburg) überwinden Schiffe einen Höhenunterschied von 38 Metern. Eine Rundtour mit dem Passagierschiff mit
Hebewerkdurchfahrt dauert 3,5 Stunden. 1. Mai bis 4. Oktober jeden Di, Do, Sa/So um 14 Uhr ab Anleger Ruferplatz. Kosten 16,50/erm. 11 Euro. Infos: Tel. 04153/592848, www.reederei-helle.de und www.schiffshebewerk-scharnebeck.de

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