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Der Norden unter Strom

Elektromuseum Rendsburg Der Norden unter Strom

Was mussten die Mütter schuften, bevor der Strom in Wohn- und Waschküche einzog! Damals, als weder Glühlampe noch Waschmaschine, Elektroherd, Kühlschrank oder Staubsauger das Leben leichter machten. Erst die elektrische Revolution in den Zwanzigern brachte einen Hauch Luxus ins traute Heim.

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Volle Fahrt ohne Kapitänspatent

Adenauers innenbeleuchtetes Stopfei: Der Wirtschaftswunder-Kanzler war auch Hobby-Erfinder.

Quelle: Joachim Welding

Rendsburg. Man stelle sich einmal vor: Telefon ist nicht. TV – nicht mal im Traum! Radio, Kaffeemaschine, Fön, Elektrorasierer – Fehlanzeige. Was Puristen und Naturburschen vielleicht als Paradies empfinden, muss Anfang des vergangenen Jahrhunderts ziemlich düster ausgesehen haben, vor allem an langen Winterabenden. „Zuerst bekamen die Haushalte in Schleswig-Holstein schönes weißes, elektrisches Licht – dank der Glühlampe, die nicht Edison erfunden hat, wie viele glauben, sondern der Hannoveraner Heinrich Göbel“, erzählt Winfred Fischera. Der Museumsführer fungiert als wandelndes Lexikon und Showmaster der Elektrifizierung: Mit witzigen Anekdoten und Vorführungen sorgt er beim Publikum im Rendsburger Elektromuseum für verblüffende Einsichten und gute Unterhaltung.
Zwar kamen die (wohlhabenden) Städter bereits um 1900 in den Genuss der neuen Energie – in Kiel ratterte zu der Zeit bereits die „Elektrische“, wie man die Straßenbahn nannte. Doch die Mehrzahl der Schleswig-Holsteiner sollte vom Fortschritt einstweilen ausgeschlossen bleiben: Man hielt es für unbezahlbar, das ganze Land inklusive der Inseln und Halligen an ein noch zu bauendes Stromnetz anzuschließen. Und es wäre noch viele Jahre dunkel geblieben in der Provinz, wenn nicht Friedrich Rogge (1867-1932), Landrat des Kreises Tondern, eine epochale Initiative gestartet hätte, aus der 1912 der Schleswig-Holsteinische Elektrizitätsverband hervorging. Der baute sich in Rendsburg ein schmuckes Jugendstil-Verwaltungshaus, das heute als Museum dient, und begann mit dem Bau des Stromnetzes.
„Es werde Licht!“ jubelte man 1925 bereits in 13 Städten, 425 Landgemeinden, auf 85 Gütern und in 27 Industriebetrieben. Den Strom lieferten die Stadtwerke Flensburg, Kiel und Neumünster mit dampfbetriebenen Kraftwerken. Die drei Städte und der Verband schlossen sich 1925 zur Gesellschaft der „Vereinigten Großkraftwerke Schleswig-Holstein GmbH“ zusammen, um gemeinsam 60000-Volt-Leitungen zu bauen. Daraus hervor ging 1929 die Schleswag (Schleswig-Holsteinische Stromversorgungs-Aktiengesellschaft) als sicherer Versorger für viele Jahrzehnte. Nicht alle wollten übrigens ans Netz: Ende der 1930er-Jahre widersetzte sich das Dorf Högel bei Bredstedt dem Anschluss, weil es seinen Strom mit dem eigenen Windrad erzeugen wollte. Doch irgendwann erkannte man den Sinn einer zuverlässigen Stromversorgung. Wie sinnvoll sie war, zeigt im Museum etwa das erhaltene Büro des ersten Schleswag-Chefs Rogge. „In neun Räumen zeigen wir, wie der technische Fortschritt dank der Elektrizität das Leben der Schleswig-Holsteiner veränderte – im Wohnzimmer ebenso wie in der Küche, im Kinderzimmer, in der Waschküche und im Musikzimmer“, erklärt Fischera.
Der Einzug der Elektrizität in die eigenen vier Wände entfachte den Erfindergeist der Pionierfirmen wie Siemens, AEG, Philips, Telefunken und anderen. Natürlich auch in der Ausstellung: das kleinste Röhrenradio der Welt, produziert in der Rendsburger Radiofabrik Wobbe Anfang der 1950er-Jahre. Im bürgerlichen Wohnzimmer der 20er-Jahre säuberte bereits der Vakuum-Sauger von Miele die Teppiche. Derweil konnte die lockengewickelte Hausfrau die Frisur mit einem „Fön“ in Form bringen – so nannte AEG die patentierte „Heißluftdusche“. Und falls „man“ Rasierpinsel und Schaum satt hatte, konnte er auf den rotierenden Rasierapparat von Philips zurückgreifen. Eines der ausgestellten Modelle mit einem einzigen Rasierkopf von 1948 gehörte tatsächlich dem Volksschauspieler Hans Albers. Damit das Strümpfestopfen nicht so mühsam vonstattengeht, sorgte ein gewisser Konrad Adenauer für Abhilfe: Der spätere Bundeskanzler der Wirtschaftswunderrepublik erfand 1938 das innenbeleuchtete Stopfei, das weltweit verkauft wurde. Der Elektrik-Tick erfasste die Deutschen nachhaltig: 1955 verfügten die Haushalte flächendeckend über elektrische Bügeleisen und Radios, die beliebtesten E-Geräte jener Zeit.
Die Nummer eins der Strom-Top-Ten bleibt aber das Licht. Überhaupt, die gute alte Glühbirne! Was man an ihr hatte, beweist ein verstaubtes Exponat: „Eine ältere Dame, die das Ding im Keller hatte, beschwerte sich über das funzelige Licht“, erzählt Fischera. Ein Techniker fand vor Ort heraus, dass die Birne von 1945 bis 1988 in Betrieb war. Angeblich funktioniert sie heute noch.

Gut zu wissen

Elektromuseum Rendsburg: Schleswig-Holstein Netz AG, Stormstr. 1, 24768 Rendsburg. Mit der Aufnahme des Museums in die „Deutsche
Technikstraße“ 2009 gehört die Sammlung zu den herausragenden bundesweit. Infos: Tel. 04106/629-2464 und www.elektromuseum-
rendsburg.de Öffnungszeiten: dienstags (außer am Feiertag) 10-12 Uhr und 14-16 Uhr, Gruppentermine nach Vereinbarung. Eintritt frei.
Veranstaltungen: Internationaler Museumstag am 17. Mai 2015; Sonderausstellung „Geschichte des Telefons: Vom Feldtelefon bis zum
Smartphone“, mit Filmvorführungen, Kaffee und Kuchen.

Am Wegesrand

Druckmuseum Rendsburg: Die Sammlung im Kulturzentrum Hohes Arsenal präsentiert auf 600 Quadratmetern die rasante technik- und
sozialhistorische Entwicklung der letzten 200 Jahre: von Gutenbergs Handsatz mit Winkelhaken, Kniehebel- und Abziehpresse über den
Maschinensatz mit Typograph und Linotype bis hin zum Foto- und Computersatz unserer Tage. Die gigantischen Buchdruckmaschinen sind
alle voll funktionsfähig, was bei Vorführungen unter Beweis gestellt wird. Infos: Arsenalstraße 2-10, 24768 Rendsburg. Geöffnet Di- Fr 10-18 Uhr, Sa/So 10-17 Uhr. Eintritt 4 Euro/Kinder 2,50 Euro. Infos Tel. 04331/331336 und www.museen-rendsburg.de
Rendsburger Schifffahrtsarchiv: Die Sammlung zeichnet die Welt des Schiffbaus und des Seehandels aus Rendsburger Sicht nach – in Original-Exponaten von Schiffsausrüstung und Nautik, 100 Großmodellen, Dokumenten, historischen Fotos und Gemälden. Porträtiert werden die bedeutenden Reedereien und Werften wie Nobiskrug und Kröger. Das 2007 eröffnete Schifffahrtsarchiv ist das Vermächtnis des 2014 verstorbenen Reeders Jens-Peter Schlüter. Infos: Königstr.5, 24768 Rendsburg. Geöffnet Mi 15-18 Uhr, Sa 11-13 Uhr, Gruppen und Führungen (25 Euro) nach Vereinbarung. Eintritt 3 Euro/erm. 2 Euro. Tel. 04331/4379376 und www.rendsburger-schifffahrtsarchiv.de

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