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Spannendes Sammelsurium

Landpartie Spannendes Sammelsurium

„Wo heute die Straße ist, war früher Wasser. Dort haben Schiffe festgemacht, bei Grabungen für die Fernwärme hat man als Beweis dafür noch zwei Dalben gefunden. “ Der Fahretofter Hans Werner Paulsen (87) deutet über die Folswarft hinweg in Richtung eines Großmastes, der als Denkmal an jener Stelle aufgebaut ist, wo sich einst der Schutzhafen befand. Früher: Das war vor über 600 Jahren, in der Zeit nach der ersten Mandränke 1362.

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Dorfleben, damals: Im Heimatmuseum in der ehemaligen Schule ist es bewahrt, unter anderem diese alte Schusterwerkstatt.

Quelle: Hilde Osberger; Grafik: Gunga

Fahretoft. Diese große Flut zerstörte die weiter westlich liegenden Dörfer Osewoldt, Spickebüll und Tocksbüll und ließ Fahretoft zu einer Hallig werden. Das blieb der in der Bökingharde gelegene Ort bis zur endgültigen Eindeichung 1690, nachdem die zweite Mandränke 1634 fast alle bisherigen Eindeichungsbemühungen wieder zunichte gemacht hatte.

 Wer mehr darüber erfahren möchte, ist in dem heimatkundlichen Museum, das der alte Mann auf seinem Grundstück Folswarft 1 in einem kleinen Gebäude eingerichtet hat, immer willkommen. „Jens-J.-Lützen-Haus“ hat er es nach dem ursprünglich dort lebenden Besitzer genannt: Einen Rest der Grundmauern des einstigen Lützen-Hauses bewahrt er dort unter Glas. Ein Museum im herkömmlichen Sinn ist dies allerdings nicht, sondern ein interessantes Sammelsurium, in das sich der Besucher vertiefen muss: Zu entdecken sind in dem bis unters Dach gefüllten Häuschen zum Beispiel Schwarz-Weiß-Fotos vom Dorfleben vor der Eindeichung des nahegelegenen Hauke-Haien-Kooges (1959), historisches Kartenmaterial, Spielzeug, Geschirr, Fotos von Sturmfluten, Spinnrocken, kunstvolle Muschelbilder – ja sogar ein altes Gefängnisfenster aus dem Christian-Albrechts-Koog.

 „Fahretoft liegt etwas abseits, man fährt immer vorbei“ bedauert Paulsen, der nach 25-jähriger Tätigkeit als Landwirt zum Krankenpfleger umschulte und 24 Jahre im Niebüller Krankenhaus auf der OP-Station gearbeitet hat. Das war ganz anders zu Zeiten von Fahretofts berühmtem Sohn Hans Momsen (1735-1811): Zu dem bäuerlichen Gelehrten kamen seinerzeit von weit her viele spätere Steuerleute und Kapitäne, um in dem Reetdachhaus auf der Gabrielswarft mathematisch-astronomisches Wissen zu erwerben. Der Autodidakt Momsen, aller Wahrscheinlichkeit nach Vorbild für Theodor Storms „Schimmelreiter“, war aber nicht nur ein brillanter Theoretiker der Rechenkunst, sondern auch ein Tüftler in Sachen Mechanik: Er baute unter anderem See- und Sonnenuhren, Teleskope, Bussolen (Magnetkompasse) – und eine Orgel für die Fahretofter Kirche, die er wieder ausbaute, als man seiner Forderung, zu ihrem Schutz das Kirchendach zu reparieren, nicht nachkam.

 Die Liebe zu diesem genialen Mann mit gesundem Eigensinn hat Hans Werner Paulsen mit einem anderen Einwohner von Fahretoft gemeinsam: dem früheren Dorfschullehrer Hans Otto Meier (77), Vorsitzender des Heimatvereins Dagebüll und Autor zahlreicher Bücher von der Dorfchronik bis zu Kindheitserinnerungen auf Plattdeutsch. Dass das von Momsen bewohnte Haus bereits 1980 unter Denkmalschutz gestellt und inzwischen mit EU-Mitteln, Unterstützung der Stiftung Deutscher Denkmalschutz sowie privaten Spendengeldern restauriert werden konnte, verdankt es nicht zuletzt diesen beiden engagierten Männern.

 Eine gemütliche Kaffeestube, ausgestattet mit antiken Möbeln, 950 vom Fahretofter Künstler Georg Bohnsack original nachgebildeten Delfter Fliesen und einem friesischen Bilegger-Ofen, wartet an Wochenenden auf Besucher. Zuvor haben diese vielleicht eine Führung entlang der verschiedenen Stationen des „Museumsparks“ mitgemacht und dabei unter anderem in der ehemaligen Hans-Momsen-Schule (heute Gemeindehaus) das von Hans Otto Meier seit 1973 angelegte, nach Themen (Fischerei, Torfstechen, Dorfleben, Kaufmann, Haushalt etc.) geordnete Heimatmuseum bewundert. Auch die St.-Laurentius-Kirche von 1703 wird für diese Tour aufgeschlossen: In ihrem Inneren befindet sich ein kostbarer spätgotischer Flügelaltar aus Tondern, den die Fahretofter geschenkt bekamen, als die Tonderner 1695 einen modernen Barockaltar für ihre Kirche anschafften.

 Am Endpunkt der Führung, im Momsen-Haus, zeigt dann Hans Werner Paulsen, der sich als Hausherr versteht, den kaffeedurstigen Besuchern gern noch den tiefen, halligtypischen Sodbrunnen aus der Zeit Hans Momsens. Der Brunnen war zugeschüttet und ist wieder freigelegt worden, ebenso wie der durch Anheben einer Holztreppe zugängliche Keller, in dem ein großer Teller von Zeiten kündet, als darin noch gesalzen und gepökelt wurde – wie alles andere hier Dorfgeschichte satt.

Gut zu wissen

Museumspark Fahretoft: Führungen zu den verschiedenen Stationen des dorfgeschichtlichen Wanderwegs nach Voranmeldung bei Hans Otto Meier (Tel. 04674/366) oder Melf Paulsen (Tel. 04674/962178). Vorzugsweise ab fünf Personen/3 Euro. Startpunkt ist die Hans-Momsen-Schule in Fahretoft. Prospekte gibt es in der Touristinformation Niebüll bzw. Dagebüll.

Hans-Momsen-Haus: Café an Wochenenden nachmittags geöffnet; Ansprechpartner sind Hans Werner Paulsen (Tel. 04674/203) oder Hans Otto Meier (s.o.).

Nachlass Hans Momsen: Der größte Teil des Nachlasses wurde bei einem Brand im Haus der Nachfahren Momsens in Bredstedt 1859 vernichtet. Einige Stücke (u.a. mathematische Utensilien, Globus, Brille, Kupferstiche, Bücher aus seiner Bibliothek) sind ständig zu sehen in zwei Vitrinen im Nordseemuseum Husum (Herzog-Adolf-Str. 25, geöffnet Di-So, 11-17 Uhr, Tel. 04841/2545). Zur alljährlichen Hans-Momsen-Preisverleihung (1. November) wird der Nachlass im Schloss vor Husum ausgestellt.

Am Wegesrand

Historische Großwarft Waygaard: Nur ein Kilometer von Fahretoft entfernt liegt die einzige in Schleswig-Holstein noch existierende Großwarft – ein wahres Bilderbuchidyll.

Naturschutzgebiet Hauke-Haien-Koog: In dem 1200 Hektar großen Gebiet mit zwei Süßwasserspeicherbecken bieten sich leicht erreichbar gute Beobachtungsmöglichkeiten für Vogelliebhaber. Während des Vogelzugs ist der zwischen Bredstedt und Leck direkt an der Küste gelegene Koog Rastplatz für viele Gänse- und Entenarten. Am Parkplatz in Schlüttsiel gibt es ein Infozentrum.

Einkehr: Die 1903 gegründete Gaststätte Bongsiel „Dat swarte Peerd“ in Ockholm bietet nicht nur ausgezeichnetes Essen, sondern mit über 150 Original-Bildern teils bekannter Künstler (u.a. bezahlte Emil Nolde hier seine Fischplatte mit Bildern). Urige Atmosphäre. Warme Küche Di-Sa ab 17 Uhr, So 11.30-14 und ab 17 Uhr; Tel. 04674/1445. Mit Blick auf Nordsee und Halligen speist man im modern gestalteten Fährhaus Schlüttsiel. Küche tägl. 11.30-20.45 Uhr, ab 27. Oktober Di, Mi Ruhetag; Tel. 04674/96260.

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Ein Artikel von
Hildegard Osberger
Kultur

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