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Waterkant im Binnenland

Schifffahrtsarchiv Rendsburg Waterkant im Binnenland

Es ist die Zeit, als Schiffe noch von Hunderten Hafenarbeitern mühsam mit Stückgut beladen wurden und Containerpötte noch nicht erfunden waren. Rendsburger Reedereien wie Schlüter, Zerssen und Entz schrieben Geschichte. Und die Werften Nobiskrug und Kröger erlangten mit ihren Neubauten Weltruhm.

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Buddelschiffe wie hier die „Gorch Fock“ dürfen in der Sammlung des Schifffahrtsarchivs in Rendsburg natürlich nicht fehlen.

Quelle: Joachim Welding

Rendsburg. Solche Geschichten und noch viel mehr Dokumente, Exponate und Wissen hatte der Reeder und Schiffskenner Jens-Peter Schlüter in einer privaten Sammlung zusammengetragen, die er den Rendsburgern 2007 ans Herz legte: Mit seiner Stiftung entstand das öffentliche Schifffahrtsarchiv in der Königstraße nahe des Paradeplatzes in einem historischen Fachwerkhaus, das der Unternehmer liebevoll restaurieren ließ. Auf 550 Quadratmetern Fläche über drei Etagen können Besucher seitdem ein ziemlich umfassendes Bild der örtlichen Schifffahrtsgeschichte erleben. Ebenso in der größten maritimen Fachbibliothek des Nordens.
Als „wandelndes Archiv“, Zeitzeuge, Fachmann und Museumsführer agiert dabei Alfred Gudd. Der frühere Kapitän führt Besuchergruppen herum und erzählt viele Geschichten aus eigenem Erleben. Auch ein Stück seines Lebens ist in der Ausstellung dokumentiert, wie alte Schwarzweiß-Fotos beweisen: „Als Schiffsjunge habe ich 1957 meine Ausbildung auf einem kleinen Frachter namens ‚Jan-Dirk‘ begonnen“, erzählt Gudd. „Und wie es der Zufall wollte, ist dieser Frachter noch immer als Oldtimer erhalten und Teil dieser Ausstellung. Denn Jens-Peter Schlüter gehörte zu den Eignern des Museumsschiffes.“
Gudd hat selbst den größten Umbruch der jüngeren Schifffahrtsgeschichte miterlebt – von den kleinen Stückgut- und Schüttgutfrachtern hin zu den Containerschiffen moderner Prägung. Historische Fotos aus den Rendsburger Häfen verdeutlichen dies: Noch in den 1950er-Jahren beluden die Hafenarbeiten mit Schubkarren einen Frachter. Für 400 Tonnen Ladung brauchten sie so über acht Stunden. Heute übernimmt ein Container-Verladekran diesen Job im Bruchteil dieser Zeit. „Damals war es üblich, dass ‚lebende Fließbänder‘ im Hafen in Aktion waren – die Ladung wurde von Mann zu Mann weitergegeben, um sie schließlich im Schiff zu verstauen“, zeigt Gudd anhand alter Bilder.
Aus dieser „guten alten Zeit“ stammt auch ein historisches Schiffsruder samt betagtem Magnetkompass – so werden die Besucher in der Ausstellung ermuntert, selbst einmal Hand anzulegen. „Was viele nicht wissen: Der Rudergänger steht am Ruder und nicht der Steuermann – der übernimmt leitende Aufgaben an Bord.“ Neben nautischem Gerät prägen große Schiffsmodelle wie etwa die Viermastbark „Pamir“ der Rendsburger Reederei Zerssen die Ausstellung im ersten Stock. Dazu kommen Schiffsgemälde, Dokumente wie alte Schiffspatente oder Konstruktionszeichnungen und Gerätschaften, die teilweise kurios anmuten – wie etwa das gewehrähnliche „Leinenschießgerät“ eines Tankers, das zur Rettung Schiffbrüchiger diente. Auch die großen Reeder der Stadt und ihre Schiffe haben in der Ausstellung ihren Platz.
Natürlich steht die Reederei des Museumsstifters im Mittelpunkt: Dessen Vater, der Kapitän Karl Schlüter, startete 1950 mit einem gebrauchten Marineversorger sein Geschäft als Reeder. Mit der „Heike Schlüter“ transportierte er hauptsächlich Holz ebenso wie mit den Nachfolgeschiffen gleichen Namens. Sein Sohn Jens-Peter Schlüter löste den Gründer in den 70er-Jahren an der Firmenspitze ab und gab den Neubau eines Containerschiffes in Auftrag. Damit begann der Aufstieg des mittelständischen Schifffahrtsbetriebs zu einem global tätigen Unternehmen. Als die Norddeutsche Reederei Holding 2007 die Reederei Karl Schlüter übernahm, fuhren 26 Containerriesen mit 500 Seeleuten über die Weltmeere. Seine Zeit nutzte Jens-Peter Schlüter, um das Schifffahrtsarchiv aufzubauen, ohne allerdings seine Leidenschaft als Kaufmann aufzugeben: Er gründete die „Reederei Jens-Peter Schlüter“ mit Sitz in Rendsburg. Der 69-jährige Unternehmer starb im August dieses Jahres.
Auch die Kröger Werft im benachbarten Schacht-Audorf hatte Schlüter mit Neubauten beauftragt. Die Traditionswerft, die heute als Lürssen Werft Megayachten baut, wird in der Ausstellung ebenso gewürdigt wie Nobiskrug – der Schiffshersteller gehört heute zur Werftengruppe Abu Dhabi Mar. Beide Schiffbauunternehmen haben in ihrer Geschichte über 1000 Neubauten abgeliefert und Rendsburg damit als Werftstandort seit über 100 Jahren geprägt. Wie eine von ehemals sieben Werften im Nachbarort Nübbel in den frühen Jahren aussah, zeigt ein Modell der Ohm-Werft.
Und dann wäre da natürlich auch noch die menschliche Seite der Seefahrt, wie alte Zeitungsartikel illustrieren: Klaus Mimietz, Kapitän des Rendsburger Frachters „Maja M.“ war Weihnachten Richtung Belgien unterwegs, um eine Ladung Magnesium nach Gent zu liefern. So weit weg von der Heimat wolle die Mannschaft aber doch ein wenig feiern, erzählte der Käpt’n dem Reporter über Funk: „Um 18 Uhr wird Truthahn serviert.“

Gut zu wissen

Schifffahrtsarchiv Rendsburg: Königstr.5, 24768 Rendsburg, Tel. 04331/4379376, www.rendsburger-schifffahrtsarchiv.de Geöffnet: Mi 15-18, Sa 11-13 Uhr, Gruppen und Führungen nach Vereinbarung. Ein Konferenzraum für 30 Personen steht für Feste zur Verfügung. Eintritt: 3/erm. 2 Euro/Gruppen und Führungen 25 Euro.
Bücher: Alfred Gudd: „Rendsburg, die Stadt an Eider und Kanal. Die maritime Seite der Stadt“ (2014); Gert Uwe Detlefsen: „Rendsburger
Schiffsregister“ (2006); Lange/Behling/Hackländer: „Kiel-Canal“ (nur noch antiquarisch).

Am Wegesrand

Eisenbahnhochbrücke mit Schwebefähre: Die 101 Jahre alte und fast 2,5 Kilometer lange Stahlkonstruktion überspannt den Nord-Ostsee-
Kanal. Während oben die Züge in 68 Metern Höhe rollen, bringt unten eine angehängte Schwebefähre kostenlos Fußgänger und Fahrzeuge
über den Kanal. Die Brücke wurde als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ ausgezeichnet. Info www.rendsburger-hochbruecke.de, www.brueckenbote.de
Schiffsbegrüßungsanlage: Neben der Hochbrücke liegt auf der Nordseite das Café und Restaurant „Brückenterrassen“ mit seiner Schiffsbegrüßungsanlage. Seefahrtkenner informieren über jedes vorbeifahrende Schiff und begrüßen es mit der Nationalhymne ihres Landes. Die Anlage ist im Winter an Wochenenden und feiertags von 10 bis 17 Uhr besetzt. Info Tel. 04331/57316, www.brueckenterrassen.de

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