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Volle Fahrt ohne Kapitänspatent

Schifffahrtsmuseum Flensburg Volle Fahrt ohne Kapitänspatent

Mit ehemaligen Schiffsmaschinisten fachsimpeln, Maschinenraumluft schnuppern und einen großen Pott durch die Förde in Flensburg steuern – all das bietet der Techniksonntag im Schifffahrtsmuseum Flensburg. Einmal monatlich erhalten Besucher dabei Einblick in den Bordbetrieb.

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 Schifffahrtsmuseum Flensburg: In der Technikabteilung sind auch zahlreiche ausgemusterte Ausbildungsmaschinen zu sehen.

Quelle: Katrin Heidemann

Flensburg. Das Wetter ist alles andere als gut. Es weht mit Windstärke sechs. Der Regen klatscht auf das Vordeck des Küstenmotorschiffs, das mit gut 20 Knoten Geschwindigkeit unterwegs ist. Die See ist unruhig, die Sicht schlecht. Das Schiff schaukelt. Kurzum: Gemütlich ist anders und der Weg nach Kiel noch weit. Am wolkenverhangenen Horizont taucht an Steuerbord gerade erst die Geltinger Birk auf.
Konzentriert ist der Blick nach vorne gerichtet. Zwischendurch schweift er auf den Bildschirm des Radargeräts ab. Als kleiner grüner Punkt ist dort ein auf Reede liegendes Frachtschiff zu erkennen. Eine Kursänderung ist angesagt. Beim Steuern zeigt sich, wie sensibel das Schiff ist. Schon die kleinste Bewegung des Steuerrads bewirkt mitunter eine größere Kursänderung als geplant. Erschwert wird das Manövrieren dadurch, dass das Schiff zeitversetzt reagiert. Geduld und vorausschauendes Handeln sind extrem wichtig. Wildes und ungeduldiges Hin- und Herdrehen am Steuerrad führt zum unkontrollierten Zickzackkurs. Nach dem geglückten Umschiffen des Hindernisses geht es auf direktem Kurs weiter auf der Flensburger Förde, Kurs offene See.
Immer noch herrscht Schietwetter. Eine Wetterbesserung ist nicht in Sicht. Das ist sicher. Warum? Ganz einfach: Am Schiffssimulator in der Technikabteilung des Flensburger Schifffahrtsmuseums gibt es Wetter auf Bestellung. Je nach Wunsch werfen die Simulatorkapitäne die Leinen im Flensburger Hafen direkt vor dem Museum bei Sonne und Flaute, Orkan und aufgewühlter See oder eben bei sechs Windstärken und Regen los. Außerdem ist der Schiffstyp wählbar. Bis wohin der Museumsbesucher am Simulator schippert, hängt von seiner Geduld und Zeit ab. Aber wer erst einmal das Steuer übernommen hat, gibt es oft nicht so schnell wieder aus der Hand.
Das beobachten die Mitglieder des Fördervereins des Flensburger Schifffahrtsmuseums, die den Besuchern beim Steuern helfend zur Seite stehen, häufig. Immer am ersten Wochenende im Monat geben sie während des Techniksonntags spannende Einblicke in den Bordbetrieb auf der Schiffsbrücke und im Maschinenraum. Etliche der Crewmitglieder sind selbst viele Jahre zur See gefahren, so auch die beiden ehemaligen Maschinisten Uwe Nissen und Hinnerk Jäger.
Während des Techniksonntags nehmen sie die Museumsbesucher mit auf eine Reise durch den Maschinenraum, zeigen, wie Dampfmaschinen und Dieselmotoren funktionieren und erzählen zwischendurch Erlebnisse aus ihrer Zeit auf See. Schnell ist ein Museumsbesucher gefunden, der das Steuerrad am Schiffssimulator während des Ausflugs in den „Maschinenraum“ übernimmt. Dann wird es technisch.
Es riecht nach Öl. Kolben bewegen sich auf und ab. An den Maschinen stehen Uwe Nissen und Hinnerk Jäger in Blaumann und Arbeitslatzhose, in der Hand das für Maschinisten typische Utensil, ein Tuch mit deutlichen Ölspuren. Es ist fast wie in einem echten Maschinenraum, nur ohne Schiff drumherum. „Auch das noch“, hätte einmal ein ehemaliger Kapitän beim Betreten der Ausstellung gesagt, erinnern sich Nissen und Jäger schmunzelnd. „Damit meinte er die Tatsache, dass man hier durch den ’Maschinenraum’ laufen muss, um auf die Brücke des Schiffssimulators zu kommen. Das würde ein Kapitän normalerweise nie machen“, erklärt Jäger, der sich selbst im Maschinenraum auf See immer am wohlsten gefühlt hat. „Das war eine feine Zeit“, sagt er über die Jahre als Maschinist, und Nissen nickt bestätigend.
Uwe Nissen, der in seiner Anfangszeit als Maschinist noch mit Dampfmaschinen gearbeitet hat, greift einen kleinen Hebel und zeigt die Funktionsweise eines Zweizylinder-Viertakt-Schiffsdieselmotors. „Wir können die Maschine hier leider nur per Hand bedienen“, bedauert er. In Kiel sei der Motor 1934 gebaut worden, ergänzt er und zeigt auf ein Messingschild. „Deutsche Werke Kiel“ steht darauf und „PS 50, Umdrehungen pro Minute 375“.
„In der Regel werden solche Motoren als Hilfsmotoren für den Generatorantrieb zur elektrischen Stromversorgung eingesetzt. Dieser Motor wurde als Ausbildungsmaschine an der Staatlichen Ingenieurschule Flensburg genutzt. Als er ausgemustert wurde, bekam ihn das Schifffahrtsmuseum“, sagt Nissen. Auch der Schiffssimulator war ursprünglich ein Ausbildungsgerät.
Zurück geht es auf die Schiffssimulatorenbrücke, wo ein junger Museumsbesucher das Kommando übernommen hat und mit voller Fahrt durch die Förde steuert. Nach wie vor klatscht der Regen auf das Vordeck. Ziemlich realistisch, denn auf dem Weg von der Technikabteilung über den Museumshof zum Ausgang im Hauptgebäude regnet und windet es auch. Realitätsnäher hätte die technische Crew das Wetter am Schiffssimulator kaum aussuchen können.

Gut zu wissen

Flensburger Schifffahrtsmuseum: Schiffbrücke 39, 24939 Flensburg. Infos Tel. 0461/852970, www.schifffahrtsmuseum.flensburg.de
Öffnungszeiten: Di-So 10-17 Uhr. Eintritt: 6 Euro/erm. 3 Euro/Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren frei. Techniksonntag: Immer am ersten
So im Monat von 14-17 Uhr gibt die technische Crew des Museums Einblicke in die Arbeit an Bord von Schiffen und erklärt Dampfmaschinen,
Dieselmotoren und den Schiffssimulator. Anfahrt mit dem Auto: über die A 7, Abfahrt Flensburg, weiter Richtung Hafen. Parkmöglichkeiten: Auf der Schiffbrücke oder Parkhaus Segelmacherstraße, mit öffentlichen Verkehrsmitteln: mit der Bahn nach Flensburg, weiter mit Buslinie 1 oder 7 bis zum Flensburger ZOB und zu Fuß am Wasser entlang.

Am Wegesrand

Museumsberg: Stadtmuseum auf dem Museumsberg 1, Flensburg. Das Museum behandelt die Kunst- und Kulturgeschichte im Landesteil
Schleswig vom 13. bis zum 20. Jahrhundert, regelmäßige Sonderausstellungen. Geöffnet Di-So 10-17 Uhr, Do bis 20 Uhr. Tel. 0461/
852317 und /852811, www.museumsberg.flensburg.de
Phänomenta: Norderstraße 157-163, Flensburg. Interaktive Experimentierstationen zu Phänomenen aus Naturwissenschaft und Technik.
Geöffnet Di-Fr (von Juni bis Oktober auch montags) 10-18 Uhr, Wochenende 12-18 Uhr. Eintritt 11 Euro/erm. 8 Euro/Kinder 3 Euro. Infos Tel. 0461/144490 und www.phaenomenta-flensburg.de
Flensburger Kapitänsweg: Der maritime Rundgang führt zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt und folgt einem Flensburger Kapitän aus der
Zeit der Segelschifffahrt im 19. Jahrhundert auf seinem Landgang. Start ist am Schifffahrtsmuseum, wo das Begleitheft mit Streckenplan und
Kapitänsgeschichte erhältlich ist.

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Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)

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