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Mini-Eiland aus Trümmerresten

Landpartie Mini-Eiland aus Trümmerresten

Zu einer Insel, die auf keiner Landkarte verzeichnet ist, führt die naturkundliche Exkursion mit dem Motorschiff „Hyla“ rund um die Südspitze der Travemünder Halbinsel Priwall. Ist sie das, dort hinten in Ufernähe, dieser winzige Fleck aus Steinen und Gestrüpp? Sie ist es – die Seeschwalbeninsel, ein Mini-Eiland aus Trümmerresten, das Lübecker Naturschützer 2009 in einem Pilotprojekt so hergerichtet haben, dass die Flussseeschwalbe dort wieder brüten kann.

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Spannendes Sammelsurium

Auf geht’s zur Exkursion mit Svenja Tidau. Links der Travemünder Leuchtturm und das Hotel Maritim, in der Mitte die vier Masten der „Passat“.

Quelle: Sabine Spatzek

Travemünde.  Nur lässt sich gerade in diesem Moment keine blicken, ganz egal, wie angestrengt Exkursionsleiterin Svenja Tidau an Bord des Motorschiffs „Hyla“ durch ihr Fernglas schaut. Dafür fliegt ein Schwarm Kiebitze von der Geröllinsel auf. Dass es sich bei den etwa 200 Vögeln, die unser kleines Schiff soeben aufgescheucht hat, um Kiebitze handelt, können auch Laien an den Kiwitt-Rufen leicht erkennen. Der Schwarm nutzt die Pötenitzer Wiek, das Gewässer östlich der Halbinsel Priwall direkt an der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern, als Station auf der Durchreise in Richtung Wattenmeer.

 Eine gute Stunde zuvor sind elf Exkursionsteilnehmer im Priwallhafen auf die „Hyla“ geklettert, zu Svenja Tidau und dem Bootsführer Heinz Riekhof. Die Leiterin der im Juni vom Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer eröffneten Naturwerkstatt Priwall ist fürs Naturkundliche zuständig, ihr ehrenamtlicher Kollege fürs Steuer und den Schnack über Land und Leute.

 Nach dem Ablegen steuert Heinz das Stahlboot auf der Trave in Richtung Süden, vorbei an der Siechenbucht, wo ein Ausflug in die Sagengeschichte eingelegt wird: Ein menschenfressender Wassermann namens Roggenbuk soll einst hier gehaust haben, und der Ritter, der ihn tötete, verlangte als Gegenleistung für diese Heldentat die Einrichtung eines Hauses für Siechende und Bedürftige. Ein solches gab es an der Stelle, wo jetzt große Fähren und Frachtschiffe liegen, bis zum Bau des Hafens tatsächlich. Von der kleinen „Hyla“ aus betrachtet wirken die Pötte am Skandinavienkai riesig – eine ungewohnte Perspektive.

 Svenja Tidau erinnert daran, dass Lübeck Mitte der 70er-Jahre den Hafen weiter ausbauen wollte, mit erheblichen Auswirkungen auf die Natur am angrenzenden Dummersdorfer Ufer. Um das zu verhindern, wurde der Verein gegründet und erreichte, dass der Abschnitt 1979 unter Schutz gestellt wurde. Wie inzwischen auch das Gebiet Südlicher Priwall mit seinen vielfältigen Lebensräumen für seltene Tiere und Pflanzen, unter denen die Zug- und Küstenvögel wie etwa die akut vom Aussterben bedrohte Zwergseeschwalbe eine wichtige Gruppe bilden.

 Bevor wir an der Seeschwalbeninsel auf die Kiebitze treffen, macht uns Svenja Tidau noch mit ein paar in der Tiefe verborgenen Dauerbewohnern der Pötenitzer Wiek bekannt: Mit einem Metallgreifer, assistiert von Teilnehmern, holt sie zwei Bodenproben vom Grund. Die erste kommt aus vier Metern Tiefe und enthält neben viel schwarzem Matsch Miesmuscheln, auf denen Seepocken sitzen sowie mehrere kleine Strandkrabben. In dem Boden aus acht Metern Tiefe regt sich dagegen nichts, ein unangenehmer Geruch liegt in der Luft. „In dieser Tiefe gibt es hier nach derzeitigem Stand keinen Sauerstoff mehr. Bis auf ein paar Würmer ist der Boden tot“, so Tidau. Das könnte sich ändern, wenn der Verein ein langfristig angelegtes Projekt verwirklichen kann: Die Seeschwalbeninsel soll eine „große Schwester“ bekommen, eine Düneninsel. Entstehen könnte sie vor der Südküste des Priwalls aus dem beim Ausbaggern der Trave-Mündung anfallenden Baggergut. Gespräche mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt und anderen Beteiligten gebe es bereits.

 Wie gravierend Landschaften durch den Eingriff des Menschen verändert werden können, zeigt der Priwall mit seiner wechselhaften Geschichte: Die zunächst durch natürliche Sandanspülungen entstandenen Strandwälle wurden 1909 zu einem der ersten Seevogelschutzgebiete an der deutschen Ostseeküste erklärt, kurz darauf nahm ein Flugplatz den südlichen Priwall und die zentrale „Große Wiese“ in Beschlag. Zwischen den Weltkriegen flog die Deutsche Lufthansa von dort aus zu Zielen wie Oslo, Stockholm und Moskau. Nach Kriegsende und der deutschen Teilung versank die Halbinsel lange in einen Dornröschenschlaf. Aktuell steht die nächste große Veränderung an, mit Millionen-Investitionen in neue touristische Infrastruktur.

 Nach der mehr als zweistündigen Bootstour ist es gut, sich die Beine zu vertreten. Auch die Land-Perspektive hat ihren Reiz auf dem Südlichen Priwall. Viele ausgeschilderte Spazier-, Rad- und Wanderwege durchziehen die Halbinsel, am Wegesrand steht der Sanddorn mit seinen orange-gelben Früchten und an der Südspitze führt ein Steg durch das Uferschilf ans Wasser.

Am Wegesrand

Ostseestation Priwall: Kombination aus Aquarium mit heimischen Meerestieren und Umweltbildungsstätte. Etwa alle 30-40 Minuten beginnt eine neue Führung. Am Priwallhafen 10. Geöffnet Di-So 10-17 Uhr (Nov-März Do-So 10-16 Uhr). Eintritt 6, erm. 4 Euro. www.ostseestation-priwall.de

Museumsschiff „Passat“: Die 1911 in Hamburg vom Stapel gelaufene Viermastbark liegt seit 1960 im Priwallhafen vor Anker. Die Bord-Ausstellung zur Geschichte des „Flying P-Liners“ wurde vor kurzem erneuert. Geöffnet täglich 10-17 Uhr, ab 28. September bis Saisonende am 31. Oktober täglich 11-16.30 Uhr. Eintritt 4/erm. 2 Euro. www.luebeck.de/tourismus/sightseeing/passat/

Seebadmuseum Travemünde: Die gut gemachte Ausstellung über die bewegte Geschichte des einstigen Fischerdorfes dokumentiert mehr als nur die Entwicklung des Badelebens. Im Gesellschaftshaus, Torstraße 1. März-Dezember Di-So 11-17 Uhr, Eintritt 5/erm. 2,50 Euro. www.travemuende-tourismus.de/entdecken/sehenswuerdigkeiten/seebadmuseum

Gut zu wissen

Fahrt mit der „Hyla“ zur Seeschwalbeninsel: Jeden Sonntag bis einschließlich 20. September nach vorheriger Anmeldung unter Tel. 04502/9996465. Abfahrt 11 Uhr, Dauer ca. 2-3 Stunden. Treffpunkt: Travemünde, Passathafen auf dem Priwall, Passatbrücke (am Ende des Stegs zum Museumsschiff). Kosten: keine, Spende erbeten.

Weitere Angebote der Naturwerkstatt: Dünen-Führungen am Priwall-Strand jeden Sonnabend bis einschließlich 26. September; Vogelkundlicher Spaziergang jeden Sonnabend im Oktober. Start jeweils 10 Uhr an der Naturwerkstatt, Fliegerweg 5-7. Kosten: keine (Spende erbeten), Anmeldung nicht erforderlich.

Anreise auf den Priwall: Von Travemünde mit der Personenfähre von der Travepromenade zum Priwallhafen oder mit der Pkw-Fähre vom Hafenvorplatz zur Mecklenburger Landstraße. Alternativ mit dem Auto über Lübeck/Selmsdorf/Dassow (B104/105). Infos: www.dummersdorfer-ufer.de.

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