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Landtagswahl 2012 Der Eigenwillige: Smart, aber herzlich
Landtagswahl 2012 Der Eigenwillige: Smart, aber herzlich
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17:45 17.04.2012
SPD Spitzenkandat Torsten Albig h?lt sich in seiner Freizeit gerne am Tiessenkai in Kiel-Holtenau auf. Quelle: fpr: Frank Peter
Kiel

Er hat es nicht ausgesprochen. Aber irgendwie merkte man es ihm doch oft an, dass ihn der Vorwurf, seine Stadt nach nur drei Jahren im Stich zu lassen, getroffen hat. Fast schon demonstrativ betonte Torsten Albig immer wieder, er wolle bis zur letzten Minute Kiels Oberbürgermeister bleiben. Danach geht er in die Landespolitik. So oder so. Im für ihn besten Fall als Regierungschef, im für ihn schlechtesten Fall als Oppositionsführer. Und bis dahin zelebriert er sein Kieler Amt geradezu.

 Für das Gespräch mit den Kieler Nachrichten hat der 48-Jährige sich den Tiessenkai in Holtenau ausgesucht. Das passt. Der Ort gehört, wie er findet, zu den verborgenen Schönheiten der Landeshauptstadt. Hier kann man aufs Wasser schauen, am Kanal entlangschlendern und im Schiffercafé sitzen, wo im Sommer Tango getanzt wird. Und hier steht der alte Leuchtturm, in dem der Standesbeamte Albig gern Trauungen vollzieht.

 Der Mann, der die SPD zur stärksten Kraft machen will, lässt sich nicht treiben. Von niemandem. Einige Genossen sprechen von einer „Schlafwagen“-Strategie, mit der er die Wahl gewinnen will. Kaum scharfe Töne, kaum Attacken gegen den politischen Gegner. Umgekehrt lässt er die Angriffe gegen seine Person an sich abperlen. Er spricht lieber über den Stil, mit dem man Schleswig-Holstein regieren sollte. Über den Dialog mit den Bürgern, der dazu notwendig sei. Über die Verantwortung des Landes gegenüber den Kommunen, denen er ihr Geld zurückgeben will. Und natürlich über gute Haushaltspolitik, die in Bildung investiere, und schlechte Haushaltspolitik, die bei der Bildung kürze und damit gigantische Sozialkosten produziere.

 Dabei legt der Spitzenkandidat eine große Portion Lässigkeit und Souveränität an den Tag, wie sie nur wenige Landespolitiker besitzen. Diese Eigenschaften hat er offenbar auf dem Berliner Parkett, als Sprecher des damaligen Bundesfinanzministers Peer Steinbrück, verfeinert. „Lautstärke ist kein Argument“, ist von ihm oft zu hören. Seine Art macht die Konkurrenz nervös. Da drängt jemand in die Landespolitik, der sich die „Spielregeln“ nicht diktieren lässt, sondern sein eigenes Ding macht.

 Mit dieser Strategie ist der Jurist bisher gut gefahren. Er meisterte den OB-Wahlkampf in Kiel locker, warf Amtsinhaberin Angelika Volquartz im Frühjahr 2009 im ersten Wahlgang aus dem Amt. Selbstbewusst begründete er auch seinen Überraschungscoup vom September 2010: „Ich glaube, dass die SPD mit mir als Spitzenkandidat breitere Schichten ansprechen kann als mit einem Spitzenkandidaten Ralf Stegner“, sagte Albig nach dem Neuwahl-Urteil des Landesverfassungsgerichts und eröffnete ein innerparteiliches Wettrennen, das spannender war als ein „Tatort“. Die SPD-Basis, die sich im Mitgliederentscheid klar zu dem Mann der Mitte bekannte, gab Albig mit seiner Einschätzung schon mal recht. Dass er kurz nach seinem Sieg den Schulterschluss mit Stegner suchte, erschien zunächst paradox. Aber offenbar war das der einzig gangbare Weg, um den Landesverband zu befrieden.

 Oft wurde die Vermutung geäußert, der Spitzenkandidat arbeite sich zielstrebig auf der Karriereleiter nach oben und habe längst mehr im Sinn als „nur“ Regierungschef von Schleswig-Holstein zu werden. Solche Vorwürfe weist Albig mit einer Note von Empörung zurück. Ziel Bundeskanzler? „Das ist doch absurd!“ Oder jedenfalls Bundesminister? „Ich wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn ich das Amt des Ministerpräsidenten aufgeben würde, um Innen- oder Finanzminister in Berlin zu werden.“ Manche Leute hätten die falsche Vorstellung, dass Politiker in einem Masterplan festlegten, was sie wann werden wollten. „Mein Leben war nie so“, sagt der Vater eines Jungen und eines Mädchens. „Es haben sich einfach Türen geöffnet.“ So sei es auch gewesen, als er mit 29 Jahren Fraktionschef in Lütjenburg wurde. Das war nach dem in der SPD üblichen Weg durch die Ortsvereine sein erster politischer Job.

 Die Genossen pokern hoch: Sie haben ihren Wahlkampf vollständig auf die Person Albig ausgerichtet. Aber hat der Oberbürgermeister – der zumindest noch vor einigen Monaten in Husum, Schleswig oder Wedel ein Unbekannter war – wirklich das Zeug, seine Partei weit nach oben zu ziehen? Er zeigt sich sicher: „Es wird Rot-Grün geben.“ Mit oder ohne SSW. Wenn er die Wahl gewinnt, will er sich selbst mit einem kleinen Geschenk belohnen: einem Buch, einer CD oder, wie er es als Kiels Kämmerer nach der Verabschiedung des Haushalts gemacht habe, einem Füllfederhalter. Und wenn er doch verliert? Dann, sagt Albig, sei er einige Tage geknickt – und kaufe sich ebenfalls ein kleines Geschenk.

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