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Landtagswahl 2012 Der Mann für alle Fälle
Landtagswahl 2012 Der Mann für alle Fälle
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17:46 17.04.2012
Jost de Jager will Ministerpräsident werden. Quelle: pae
Kiel

Lila kennt das schon. Wenn Herrchen nach Hause kommt, dann geht es an die frische Luft. An der Steilküste von Eckernförde entlang. Dort, wo einem der Wind ins Gesicht bläst, der Blick über die Ostsee streifen kann und Jost de Jager im wahrsten Wortsinn durchatmen kann. Die Spaziergänge mit dem munteren Familienhund, der nicht durch Zufall genauso heißt wie die Tochter von Kate Moss, sind für den 47-Jährigen Entspannung pur und gerade jetzt – im Wahlkampf – der einzige kleine Luxus, den er sich mal gönnt.

 Das sagt schon mal eine ganze Menge aus über den Mann, der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein werden will. Nein, Jost de Jager gehört nicht zu den schillernden Typen im Politikbetrieb. Er pflegt keine ausgefallenen Hobbys, ist für schrille Aktionen nicht zu haben. Der Pastorensohn steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden, lebt mit Frau und Tochter seit vielen Jahren in Eckernförde und bezeichnet sich gern als den „letzten Substanzpolitiker“ – vor allem dann, wenn er gerade mal wieder mit der Frage konfrontiert wird, ob er denn wirklich so bieder sei, wie gern behauptet wird.

 Die Unaufgeregtheit, die den gebürtigen Schleswig-Holsteiner auszeichnet, ist derzeit ganz hilfreich. Denn de Jager kann sich vor Terminen kaum retten. Als Wirtschafts- und Wissenschaftsminister führt er ein Riesenressort, dessen Zuständigkeit von Straßenbau und Tourismus über Hochschulen und Universitätsklinikum bis hin zur HSH Nordbank und der Energiepolitik reicht. Als Spitzenkandidat und CDU-Landesvorsitzender soll er nun auch noch dafür sorgen, dass seine Partei am 6. Mai mit Abstand stärkste Kraft im Norden wird und die nächste Landesregierung führt – mit welchem Koalitionspartner auch immer.

 Gedrängt hat sich Jost de Jager danach nicht. Seine Lebensplanung war eine andere. Und die Planung der Partei eigentlich auch. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen hatte schon früh auf Christian von Boetticher gesetzt – und damit auf einen, der so ziemlich das genaue Gegenteil von de Jager war. Während Wissenschaftsminister de Jager voller Kabinettsdisziplin tapfer die Sparpläne der Koalition verteidigte und dafür die Prügel von Lübecker Studenten und Professoren einsteckte, schwärmte der Lebemann von Boetticher via Facebook von edlen Weinen auf Sylt.

 Doch dann kam der Sommer. Eine längst beendete Liebesbeziehung zu einer 16-jährigen Schülerin machte von Boettichers Ambitionen zunichte. Der „Kronprinz“ musste gehen. Und die Christdemokraten besannen sich in dieser Lage fast automatisch auf de Jager. Er bot sich als neuer Hoffnungsträger geradezu an, weil er plötzlich alles verkörperte, wonach sich die Partei sehnte: geordnete Verhältnisse, Ehrlichkeit, Solidität. Der stille Leistungsträger im Kabinett stand plötzlich ganz vorn, mitten im Rampenlicht. Im Handstreich wurde er neuer Landesvorsitzender und Spitzenkandidat. Viel Zeit zum Nachdenken oder Abwägen blieb ihm da nicht. Wozu auch? Die Partei brauchte ihn. Und man sah ihm an, dass er auch ein bisschen stolz darauf war, dass nun alle auf ihn setzten.

 Natürlich spürt er die Verantwortung, die jetzt auf ihm lastet. „Zur Verantwortung gehört aber auch immer die Bereitschaft, sie zu tragen. Ich trage sie gern. Ich schlafe immer gut und stehe jeden Morgen gern auf“, sagt er dazu. Das klingt bemerkenswert locker für jemanden, der die ganz große Bühne gar nicht so recht gesucht hatte. Geboren in Rendsburg, macht de Jager 1985 am Gymnasium Kronshagen sein Abitur, leistet seinen Wehrdienst ab, studiert in Kiel Geschichte, Anglistik und Politologie. Es folgte ein Volontariat beim Evangelischen Pressedienst. Nebenher Politik. Junge Union, Landesvorstand der CDU, stellvertretender Kreischef in Rendsburg-Eckernförde. De Jager ist immer dabei, aber nie in der ersten Reihe. 1996 gelingt ihm der Sprung in den Landtag, wo er sich als Bildungspolitiker einen Namen macht. 2005 wechselt er als Staatssekretär ins Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium. Für viele ist das überraschend. Doch de Jager fuchst sich ein, gewinnt an Statur. 2009 wird er Minister. Und wächst wieder mit seinen Aufgaben. Er berät sich, ist fleißig, immer gut vorbereitet. Und wer dem geschickten Redner im Landtag genau zuhört, erkennt: Der Mann hat sogar Sinn für Humor.

 Um seine größte Aufgabe zu lösen, kann ihm das nur nutzen. Denn der Mann, der mit seinem Hund an der Steilküste spazieren geht, hat noch was vor. Der Mann für alle Fälle will zeigen, dass er auch ein Macher ist – so wie der Jost de Jager, der ihm überall auf den Plakaten begegnet.

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