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Landtagswahl 2012 Querdenker unter Druck
Landtagswahl 2012 Querdenker unter Druck
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17:20 17.04.2012
Robert Habeck - Spitzenkandidat der Grünen zur Landtagswahl Quelle: Schaller
Kiel

Er strahlt Selbstbewusstsein aus wie eh und je. Doch etwas hat sich in den vergangenen Monaten verändert. Die absolute Leichtigkeit, mit der Robert Habeck alles und jedes anging, ist nicht mehr so recht spürbar. Auf dem 42-Jährigen scheint ein Gewicht zu lasten. Kein Wunder, die Stunde der Wahrheit naht. Natürlich wäre es nicht sachgerecht zu behaupten, das Wahlergebnis der Grünen hänge ganz an der Person Habeck. Nein, ganz bestimmt nicht. Aber doch zu einem großen Teil. Dass er bei nur einer Gegenstimme auf einem Parteitag im November 2011 zum Spitzenkandidaten gewählt wurde, hat es – so paradox dies klingen mag – nicht eben einfacher für ihn gemacht. Damals sagte er, das Ergebnis sei „schmeichelhaft“ und ein „Vertrauensvorschuss“, bedeute aber auch eine riesige „Verantwortung“.

 Habeck hat den Landesverband wohl wie kein Zweiter geformt, ihm seinen Stempel aufgedrückt – erst als Parteichef ab 2004, dann als Vorsitzender der Fraktion ab 2009. Ihm gelang es, seinen Leuten nach neun Jahren Rot-Grün und dem gescheiterten Experiment einer Minderheitsregierung den Übergang in die Opposition zu erleichtern, sie mit neuem Selbstbewusstsein auszustatten und auf einen Kurs der Eigenständigkeit einzuschwören. Der Querdenker und promovierte Philosoph scheute sich nicht, den Begriff Heimat neu zu definieren und damit ein linkes Tabu zu brechen. Er zog gegen „Ausschließeritis“ und „Lagerdenken“ zu Felde und beschrieb die Endzeit der rot-grünen Koalitionen im Bund und im Land in den düstersten Farben. Es sei kalt gewesen im Wahlkampf 2005 in Schleswig-Holstein, der Ärger über Gerhard Schröder, Otto Schily und Wolfgang Clement habe seine Partei belastet, die Arbeitslosenzahlen stiegen, die Visa-Affäre brachte die Stimmung ganz in den Keller.

 Diese lebendigen Schilderungen des Schriftstellers – der bis zu seiner Wahl in den Landtag zusammen mit seiner Frau Andrea Paluch Bücher schrieb – trugen wohl viel zu dem Eindruck bei: Er will den als links geltenden Landesverband letztlich auf Schwarz-Grün polen. Jetzt, nachdem seine Partei wieder eine klare Präferenz für Rot-Grün – zur Not zusammen mit dem SSW – erkennen lässt, betont der Fraktionschef: „Ich habe doch nie einen Zweifel daran gelassen, dass die inhaltlichen Schnittmengen zwischen uns und der SPD am größten sind.“ Die Frage, ob er zu der Fast-Koalitionsaussage habe gedrängt werden müssen, wehrt Habeck ungeduldig ab. Er habe immer nur eine Neuauflage der Sprachlosigkeit, wie sie in der Endzeit von Rot-Grün herrschte, verhindern wollen. Stimmt, beides hat er immer wieder gesagt. Es stimmt aber auch, dass man beides leicht überhören und – angesichts seiner langen Ausführungen über „Ausschließeritis“ und „Lagerdenken“ – auf andere Gedanken kommen konnte. Die CDU hat wohl nicht ganz ohne Grund lange Zeit auf die Grünen als Partner gehofft. Und tut dies immer noch.

 Die Partei ist nach wie vor getragen von einer Woge der Sympathie. Dennoch, die Zeit der Höhenflüge nach Fukushima und der Baden-Württemberg-Wahl scheint erst einmal vorbei zu sein, der Aufwärtstrend durch den Reinfall bei der Landtagswahl in Berlin gebrochen. Und nun machen auch noch die Piraten den Grünen zu schaffen. Habeck weiß, dass Klagen nichts bringt. Dass CDU und SPD so viel höhere Umfragewerte haben, findet er allerdings schon „ungerecht“. So viel will der Spitzenmann dann doch anmerken. Schließlich habe seine Partei eine viel bessere „Leistungsbilanz“ vorzuweisen. Vergleicht man die Arbeit der Fraktionen, muss man ihm irgendwie recht geben. Es vergeht kaum eine Landtagssitzung ohne Gesetzesinitiativen der Grünen. Sie bilden eine schlagkräftige Truppe, die es rhetorisch und inhaltlich mit allen aufnehmen kann.

 Trotz des Drucks, der auf ihm lastet, hat Habeck ausgerechnet durch seine politische Arbeit Freiheit hinzugewonnen. „Ich weiß meine Freizeit, meinen Feierabend zu schätzen.“ Joggen gehört da zum Beispiel ins Programm, am liebsten durch die Marienhölzung in seiner Stadt Flensburg. Früher habe er Laufen stets mit einem festen Ziel betrieben. Das hieß entweder Trainieren oder Abnehmen. Inzwischen kann er genießen, sich treiben lassen, jetzt ist das Joggen Selbstzweck. Und so geht es ihm in vielen Bereichen, etwa im Umgang mit seinen vier Söhnen. „Es musste immer etwas angeblich Sinnvolles sein, zumindest Sport, an den Strand fahren, etwas bauen. Nun habe ich sogar Gefallen an Gesellschaftsspielen gefunden.“

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