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Wortreich am Wähler vorbei

Politsprache Wortreich am Wähler vorbei

Bandwurmsätze, Fremdwörter und Fach-Chinesisch: Die Wahlprogramme der Parteien in Schleswig-Holstein sind ungefähr so einfach zu lesen wie eine politikwissenschaftliche Doktorarbeit.

Kiel. Dabei verschenken viele Parteien die Chance, ihren (potenziellen) Wählern klar zu machen, wofür sie eigentlich stehen. Zu diesem Ergebnis kommt die Analyse von Kieler Text-Profis in Zusammenarbeit mit der Universität Hohenheim und dem Institut für Verständlichkeit in Ulm.

Sie tun es immer wieder. Ob links oder rechts, grün oder gelb: Die Parteien mixen in ihren Wahlprogrammen, Pressemitteilungen und Internet-Auftritten munter zusammen, was die deutsche Sprache so hergibt. Und nicht nur die. Ob die Schleswig-Holsteiner das verstehen oder nicht, scheint dabei nicht so wichtig zu sein. Wie sonst ließe sich erklären, dass Wortungetüme wie „Landesinformationsfreiheitsgesetz“ oder „Bundesergänzungszuweisungen“ mit Anglizismen wie „Redox-Flow-Batterien“ oder „Gender-Mainstream“ zu gestelzten Sätzen gedrechselt werden, die kein Ende nehmen? Oder dass die Wahlversprechen von aufgeblasenen Begriffen wie „Volatilität“, „Generationsbilanzierung“ oder „Basisfallwert“ nur so wimmeln? „So fühlt der Bürger sich nicht ernst genommen“, sagt Texterin Vera Baastrup von der Kieler Werbe- und Marketingagentur New Communication. Man könne nicht davon ausgehen, dass jeder Bürger sich mit politischen Fachbegriffen auskenne.

„Verständlichkeit geht alle etwas an“, betont Baastrup. Noch bis zur Landtagswahl am 6. Mai ist die Analyse der schleswig-holsteinischen Parteisprache unter www.textmonitor.de im Internet zu lesen. Sie basiert auf einer Software mit 80 Kriterien, die Verständlichkeits-Forscher der Uni Hohenheim entwickelt haben. Dort können Interessierte die „Verständlichkeits-Noten“ der einzelnen Parteien abfragen. Aktueller Klassenprimus mit einem Wert von 6,34 Punkten auf einer Skala von null (unverständlich) bis 20 (sehr verständlich) ist die Linke, gefolgt von den Grünen mit 6,11 Punkten. Schlusslicht ist mit 3,09 Punkten die FDP. Zum Vergleich: Die Bild-Zeitung kommt auf 16,8 Punkte, eine Doktorarbeit auf 4,75 Punkte. Mit anderen Worten: Laut Experten haben auch Menschen mit Universitätsabschluss bei der Lektüre des FDP-Wahlprogramms Probleme. Und auch die anderen Parteien könnten allein mit ihrer Sprache keinen Blumentopf, geschweige denn eine Wahl gewinnen.

Vera Baastrups Tipp für alle Parteien klingt simpel: kurze Sätze, einfacher Sprachstil, Fachbegriffe erklären. Der amerikanische Präsident weiß das auch schon. Laut Baastrup lässt Barack Obama jede seiner Rede nach diesem Prinzip analysieren.

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Ein Artikel von
Carola Jeschke
Lokalredaktion Kiel/SH

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