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„Ich bin gekommen, um zu bleiben“

Daniel Günther „Ich bin gekommen, um zu bleiben“

„Den Daniel“ habe er schon lange nicht mehr gesehen, sagt der Fitnesstrainer am Empfang, schaut aber noch einmal in den Computer und muss sich korrigieren.

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Ein Job von 7 bis 23 Uhr ohne Sport? „Da würde ich sagen: Ohne mich!“, sagt CDU-Spitzenkandidat Daniel Günther.

Quelle: eis - Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Drei Wochen zuvor war der CDU-Spitzenkandidat das letzte Mal im „Kiel’s“ am Grasweg angemeldet. Auch wenn sein Brustkorb unter dem orange-türkisen T-Shirt aufgepumpter sein könnte und er mit definierten Oberarmen vielleicht mehr Sexappeal hätte: Wer sich wie Daniel Günther – 1,83 Meter groß, Kampfgewicht 86 Kilo – das Laufband auf zwölf Stundenkilometer einstellt und von dort auch nach einer Viertelstunde noch locker Interviews geben kann, muss eine Top-Kondition haben.

Bewusst hat sich der 43-Jährige zum Interview den Ort ausgewählt, an dem er Freizeitgefühle entwickelt. Zwei- bis dreimal in der Woche Jogging sei ihm ein Lebenselixier. Ein Job von 7 bis 23 Uhr ohne Sport? „Da würde ich sagen: Ohne mich! Und am Ende wollen die Leute doch einen, der fit ist, und nicht einen, der aus dem letzten Loch pfeift.“ Im Sommer schnappt sich Günther zwischen zwei Terminen oft die Laufschuhe und rennt durch die Gegend, um im Studio zu duschen und kurz in der Sauna zu verschwinden. Man ist diskret im Fitnessclub.

Ohnehin dürfte ihn nicht jeder erkennen. Laut Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap hat der CDU-Mann Nachholbedarf. Es ist ein Wechselbad der Gefühle: Mal sind die Umfrageergebnisse für die CDU vielversprechend, dann niederschmetternd; entsprechend ist Günthers Gemütszustand. „Man ist ja kein Kühlschrank.“ Nach dem überraschenden Rücktritt des glücklosen Ingbert Liebing stieg der Landtagsfraktionschef im November über Nacht zum Parteivorsitzenden auf und wurde fast automatisch Spitzenkandidat. Nicht nur in der Partei sagen viele, dass der Karrieresprung für ihn ein paar Jahre zu früh kam. Was musste sich Günther wegen seiner jugendlichen Erscheinung schon alles anhören. Ob er nicht eine markantere Brille aufsetzen und sich nicht einen Bart wachsen lassen könnte, um gesetzter zu wirken. „Bringt jetzt nichts mehr“, sagt Günher und klingt fast trotzig. Auf Inszenierungen habe er keine Lust. „Ich treibe nun mal gerne Sport und male mir ganz bestimmt keine Falten auf.“ Politiker präsentieren sich gern im sportlichen Umfeld. Kürzlich hielt SPD-Hoffnungsträger Martin Schulz im Holstein-Stadion vor überrumpelten Zuschauern eine Rede, bevor das Spiel angepfiffen wurde. Günther, als langjähriger Handballspieler und begeisterter Freizeitkicker regelmäßig unter den Holstein-Fans, fand den Auftritt blöde. Es gehöre da einfach nicht hin. Allerdings räumt auch der 43-Jährige ein, dass Fotos aus dem Fitnessstudio seinen dynamischen Wahlkampf unterstreichen sollen. Sport sei massentauglich und wende sich an Menschen, die dem Leben aufgeschlossen gegenüberstünden.

Entschlussfreudig und fokussiert sei er, „absolut konfliktfähig“, aber geradeheraus. „Ich bin ein emotionaler Mensch und kann auch launisch sein – auch wenn ich das gut überspielen kann.“ Wie der Parteichef in Drucksituationen agiert? „Ich werde bestimmt und versuche, alles an mich zu ziehen.“ Wäre er nicht in der Politik gelandet, würde er in der Unternehmenskommunikation arbeiten.

Mit seiner Leistung im vergangenen Wahlkampf sei er nicht besonders glücklich. 2012, nach geplatzter Großer Koalition und zweieinhalb Jahren Spardiktat mit der FDP, hatte die CDU auf ein Bündnis mit den Grünen gesetzt. „Das war falsch.“ Am Wahlabend stand man ohne Partner da, weil die Öko-Partei mit SPD und SSW koalierte. „Wir haben die FDP unterschätzt“, sagt Günther. „Und wir hätten stärker auf uns selbst setzen sollen.“ Gegenüber seinem Eckernförder Weggefährten Jost de Jager habe er ein schlechtes Gewissen. „Er hätte das Zeug zum Ministerpräsidenten gehabt und würde uns in der Politik noch immer gut tun.“ De Jager hatte keinen Wahlkreis und erhielt aufgrund der vielen direkt gewonnenen CDU-Sitze trotz Listenplatz 1 kein Landtagsmandat. Kein Parteifreund wollte für ihn verzichten.

Früher sei er ganz oft rot geworden, sagt Günther. „Ich bin von Natur aus der Zurückhaltende und nicht der Welterklärer.“ Für einen Mann sei er ein guter Zuhörer, was in der Politik eine ungewöhnliche Eigenschaft sei. Wenn in geselliger Runde ein Kerl große Töne spucke und übersehe, dass auch andere etwas zu erzählen hätten, schäme er sich. Nun sagt man dem Alt-Ministerpräsidenten nach, dass er gern die Aufmerksamkeit auf sich ziehe. Peter Harry Carstensen habe er nicht gemeint, sagt Günther. „Peter Harry kann einen Tisch unterhalten. Aber er kann auch gut zuhören.“

Ja, er sei ein anderer Politikertypus, und nein, er sei kein Landesvater. Ist das nicht ein Nachteil in unsicheren Zeiten, in denen sich viele nach einem starken Mann sehnen? Der Albig-Herausforderer widerspricht. Er könne sich gut durchsetzen. „,Starker Mann’ heißt doch nicht, einen auf dicke Hose zu machen. Solche Typen widern mich eher an.“

Wer in der Politik nicht über sich lachen kann, sollte das Metier wechseln, stellt Günther fest. Torsten Albig jedenfalls spreche er diese Eigenschaft ab. SPD-Chef Ralf Stegner dagegen habe eindeutig Humor, Grünen-Spitzenkandidatin Monika Heinold auch und SSW-Chef Lars Harms auf jeden Fall. Und FDP-Mann Wolfgang Kubicki? „Dem fällt es zumindest nicht leicht.“

Bedanken will sich Günther noch bei seinem Team, vor allem aber bei seinem besten Freund Thomas und dem Erdkundelehrer. Die zwei hatten auf den Spitzenkandidaten in einem Werbe-Video Lobreden gehalten. Doch wie es so ist in diesen Tagen: Gleich nach dem Dreh hatte der Dienstwagen gewartet, um zum nächsten Termin abzurauschen. Günther konnte sich bei beiden bislang nur am Handy bedanken.

Man weiß nur wenig über Günthers Privatleben. Er wohnt in Eckernförde, ist mit einer Ärztin verheiratet und hat eine kleine Tochter. Er braucht sieben Stunden Schlaf, legt das Handy ab 22 Uhr in die Schublade, isst wenig süß und gönnt sich während des Wahlkampfs am Abend höchstens zwei alkoholische Getränke. „In mein Haus kommt keine Kamera – auch nicht, wenn ich Ministerpräsident bin.“ Was geschieht, wenn es am 7. Mai mit dem Einzug in die Staatskanzlei nicht klappt? „Dann wäre ich persönlich enttäuscht“, sagt Günther. „Aber als Sportler würde ich meinem Mitbewerber fair gratulieren und dann Oppositionschef bleiben.“ So viel stehe fest: „Ich bin gekommen, um zu bleiben.“

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
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