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Landtagswahl Schleswig-Holstein Wo der Friese zum Partylöwen wird
Landtagswahl Schleswig-Holstein Wo der Friese zum Partylöwen wird
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08:00 13.04.2017
Von Christian Hiersemenzel
Sein Zuhause ist Husum, aber er singt auch gerne auf Cran Canaria mit Engländern: SSW-Fraktionschef Lars Harms. Quelle: Ulf Dahl

Hier hat er als 14-Jähriger bei einer Springflut Sandsäcke geschleppt. Hierhin kommt der 52-Jährige im Sommer selbst dann noch, wenn es dunkel ist, um je nach Tide baden zu gehen. Heute aber ist es hier diesig und kalt.

Lars Harms mummelt sich in seine Wetterjacke und setzt sich auf die Bank, die hier oben erst seit ein paar Jahren steht. Braungebrannt ist der Spitzenkandidat des Südschleswigschen Wählerverbands (SSW), und das kann zu dieser Jahreszeit auf gar keinen Fall von der Gartenarbeit kommen. Über Silvester sei er wieder auf Gran Canaria gewesen, wo er seit vielen Jahren regelmäßig Sonne tanke, und zwar mit Vorliebe an der Playa de Inglés, dem wilden Partyzentrum der Insel. Ja, und die Restbräune komme vom Solarium. Wer hätte das gedacht: Der stets so kontrollierte, nüchterne Lars Harms, fleißigster Redner im Kieler Landtag und anerkanntermaßen einer der reflektiertesten, tummelt sich mit Vorliebe unter Engländern und Holländern und grölt mit ihnen Lieder wie „When I’m 64“. Frisia non cantat – Friesland singt nicht? Diese römische Erkenntnis hält Harms für einen historischen Irrtum.

Aus der Tourist-Info in den Landtag

Es gerate öfter in Vergessenheit, dass der SSW 1948 nicht nur von vier Dänen gegründet wurde, sondern auch von drei Friesen. Das Volk der Nord-, Ost- und Westfriesen hat eine eigene Sprache und Kultur, „der nächste Verwandte ist eben nicht das Deutsche, sondern das Englische“. Das sei einer der Gründe dafür, warum er auf den Kanaren ausgerechnet bei den trinkfesten Engländern und Holländern auftaut. Der Diplom-Betriebswirt hatte bis zu seinem Einzug in den Landtag im Jahr 2000 die Heider Tourist-Information geleitet, und wahrscheinlich würde er in diesem Bereich noch immer arbeiten, wenn es mit der Politik nichts geworden wäre.

„Politik macht Laune. Die Birne kommt in Bewegung“: Lars Harms, der noch heute seinen Knopfohrring aus den 80er Jahren trägt, wirkt auf seltsame Weise aus der Zeit gefallen. Dabei halten ihn sechs Kinder im Hier und Jetzt. Tjark Sören, Niels Morten, Nann Lennart, Boi Lasse, Friis Momme und Nesthäkchen Stine Riike sind 14 bis 26 Jahre alt und leben teils allein, teils bei ihrer Mutter. Friis Momme wächst bei Harms und seiner zweiten Frau in Husum auf.

Verbindlich und knapp

Einen Großteil der Fragen beantwortet der Spitzenpolitiker keinesfalls unverbindlich, aber knapp. Wie ein Leben ohne Handy wäre? „Geil!“, sagt er. „Privat brauche ich das nicht.“ Sein Eindruck beim Blick in den Spiegel? „ Ich muss darauf achten, nicht zu dick zu werden. Dabei esse ich so gern.“ An Sauerfleisch mit Bratkartoffeln könne er kaum vorbeigehen, auch nicht an gebratener Leber und schon gar nicht an Nudeln. Herzlich lachen könne er über Dick & Doof. Und er vertrage Scherze auf seine eigenen Kosten. Was er in der Rückschau anders machen würde? „Ich würde meinen Körper mehr geschont haben. Dann würde ich noch immer Fußball spielen.“ Mit 19 Jahren waren beide Knie ramponiert und seine rechte Kniescheibe fast gerissen.

Bloß kein Karneval

Wofür er sich geschämt habe, kann Harms allerdings nicht beantworten. „Wenn mir etwas peinlich wäre, würde ich es nicht tun.“ Doch, eines fällt ihm nun ein: Er würde sich niemals für Karneval verkleiden. Etwas darzustellen, was nicht seiner wahren Identität entspricht, sei nun einmal nicht seine Welt. Bedanken müsse er sich unbedingt bei seinen Eltern. „Das haben die doch ganz gut hinbekommen.“ Lob und Anerkennung gebührten auch den Mitarbeitern im engen SSW-Stab. „Sie arbeiten eben für die Sache.“

An dieser Stelle könnte das Gespräch enden, und man stellt ohne Vorwurf fest, dass Harms Vorschlag, sich am Deich zum Interview zu treffen, offenbar ein großes Zugeständnis an die öffentliche Neugier gewesen ist. Der Husumer nickt. Er könne Dinge gut für sich behalten und sei „ganz bestimmt nicht der Typ, der im Landeshaus losläuft und die meisten Gerüchte verbreitet“.

In Kiel gilt der Chef der dreiköpfigen SSW-Gruppe längst als ministrabel. Nach der bevorstehenden Pensionierung von Justizministerin und Parteifreundin Anke Spoorendonk am Ende dieser Legislatur könnte Harms noch einmal die Karriereleiter hinaufklettern. Diesen Gesprächsteil würde Harms am liebsten komplett aus dem Protokoll streichen. „Es macht für mich überhaupt keinen Sinn, über Positionen zu spekulieren, wenn wir das Wahlergebnis noch nicht kennen.“

Unterstützung für Eltern als Herzensangelegenheit

Reden wir über politische Inhalte: Ein Herzensanliegen ist ihm, dass Eltern unterstützt werden, indem man die Betreuungsbeiträge in Kindergärten und Krippen weiter senkt, am liebsten aber komplett streicht. Als sechsfacher Vater spreche er aus Erfahrung. Zum Glück habe er seine Rechnungen immer bezahlen können. „Aber für einen Maurer mit mehreren Kindern wird das schon schwieriger.“ Zweitens müsse dringend ein erweitertes Angebot von Ganztagsangeboten für Schüler auch in den Ferien her. „Kein Vater und keine Mutter kann sich zwölf Wochen Urlaub nehmen.“ Und dann hat Harms noch ein Anliegen, das „klein, aber fein“ sei, wie er sagt: Das Land müsse das Ehrenamt in Tierheimen stärker unterstützen. Länder wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg machten das vor.

Bleibt die Frage, ob nach der ersten Regierungsverantwortung die Fünf-Prozent-Hürde nicht auch für den SSW gelten müsste? Der Spitzenkandidat schüttelt den Kopf. Unter diesen Voraussetzungen hätte seine Partei den Sprung ins Parlament seit den 50-er Jahren nicht mehr geschafft. Es gehe um Integration von Minderheiten. Noch immer kann er sich über die Junge Union ereifern, die vor ein paar Jahren mit einer Klage gescheitert war und auch den SSW der Fünf-Prozent-Klausel unterwerfen wollte. „Steinzeitdenken“ sei das, engstirnig und kleinkariert, sagt Harms. Ganz Europa bestehe aus Minderheiten, und das werde ausgerechnet von einer politischen Nachwuchsorganisation angezweifelt? „Da sind wir Älteren so viel weltoffener.“

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