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Die kleinen Geschichten am Rande

Wochenmärkte in Kiel Die kleinen Geschichten am Rande

Wochenmärkte stecken voller Geschichten. In der Serie Marktforschung stellen wir einige vor. In diesem Artikel haben wir notiert, wie beeindruckend das schnelle Kopfrechnen der Marktbeschicker ist, was uns eine junge Existenzgründerin, eine Kräuterhexe und der städtische Marktaufseher aus ihrer Praxis erzählt hat.

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Muna Darwich vom Demeterhof Wittschap kann auf dem Wochenmarkt auf dem Kieler Exerzierplatz viel über ihre Produkte erzählen.

Quelle: Uwe Paesler

Start up

Kiel. Stephanie Abel ist eine der Existenzgründerinnen, die seit Anfang des Jahres auf dem Markt ihre Zukunft suchen und die auch ein Teil der Zukunft für die Kieler Wochenmärkte. Mit ihrem Törtchenmobil lädt sie die Besucher zum Verweilen ein. Die gelernte Konditorin hatte schon während der Lehrzeit die Idee, ein Kaffee zu eröffnen. „Aber es ist ein ziemlich großes Risiko, einen Laden aufzumachen. Hier auf dem Markt, da kommen die Leute vorbei, bleiben stehen, schauen und wir kommen ins Gespräch. Ich sehe sofort, was geht und was nicht“, so die Konditorin. Ob die Menschen sich für ein kleines Törtchen in einen Laden wagen würden, wagt sie zu bezweifeln. „Ich bin selber ein begeisterter Marktgänger, weil die Atmosphäre locker ist und das Publikum bunt gemischt“, sagt sie. Ihre kleinen Kunstwerke entstehen in ihrer Produktion auf dem Gut Wulfshagen. Dort backt sie die kleinen Törtchen und herzhaften Miniquiche in Bioqualität. Die Küche dort und der Verkaufsanhänger, das waren schon Investitionen, die einen Mikrokredit bei weitem überstiegen haben. Obwohl die ersten Monate auf den Winterwochenmärkten ganz schön hart waren, bereut sie ihren Schritt nicht. „Mit dem Törtchenmobil ist schon ein Traum für mich wahr geworden und ich bin begeistert, wie herzlich ich hier von den anderen Marktkaufleuten aufgenommen worden bin“, so Abel. Inzwischen kommen schon die ersten Kunden, die für Feiern und Hochzeiten die kleinen Törtchen in groß bestellen. „Damit bin ich hier auf dem Markt auch die beste Werbung für mich selbst“, weiß sie und lächelt.   

Marktaufseher

"Wir sind hier schon human“, erklärt Florian Kriening. Er ist seit sechs Jahren Marktaufseher der Stadt Kiel und bereits um 4 Uhr morgens unterwegs. Seine erste Amtshandlung ist, die Flächen,auf denen der Markt stattfinden soll, frei zu räumen. Auf dem Exer und dem Blücher kommt das Abschleppunternehmen ohne Vorbestellung. „Ich erleben es zwei Mal im Jahr, dass hier kein Auto weg muss“, so Kriening. Die Autobesitzer können ihre Schmuckstücke auf dem Wilhelmplatz oder in der Feldstraße wieder abholen, müssen aber die Abschleppkosten von 145 Euro bezahlen. „Wenn die Leute eine Telefonnummer in ihr Auto legen, dann rufe ich vorher an, damit sie einen Chance haben, ihr Fahrzeug noch wegzufahren, denn wir wollen ja niemanden ärgern“.

Kopfrechnen

„Das macht dann 14,60 Euro“, ruft der Gemüsemann und der Marktbesucher staunt, die Tasche mit dem Gemüse in der Hand. Die Handelsleute müssen flink im Kopfrechnen sein, das ist klar. Sie haben keine Registierkasse, und viele brauchen noch nicht einmal Zettel und Bleistift, genau Bleistift, denn im Winter wenn es richtig kalt ist, dann funktioniert auch ein Kugelschreiben nicht mehr, um ihre Beträge zusammen zu rechnen. Die Könner unter den Marktbeschickern sind wahre Zahlenhelden, selbst wenn man mal nachfragt, um sie ein wenig zu irritieren. „Wie, 14,30 Euro? Ist das nicht zu viel?“, durchzuckt es den Kunden. „Also 4,50 für die Orangen, 3,60 für die Kartoffeln, 2,70 der Porree, 3,60 für den Kohlrabi, das macht 14,60 Euro“, der Gemüsemann lächelt, wie ein Zehnjähriger, der seine Mathelehrerin gerade in Erstaunen versetzt hat. „Man hat hier gleich das Geld in der Hand und weiß, was man verdient hat“, ist die Erklärung. Marktbeschicker sind eben ganz praktische Menschen. Leider ist mit dem Kopfrechnen in zwei Jahren Schluss. Dann sind alle Marktbeschicker verpflichtet, eine Registrierkasse zu führen.

Fundsachen

„Gucken sie mal hier, ein Schirm. Und kaum ist der weg, hängt hier der nächste“, sagt Ralf Schmitt und lacht. Die Schirme an dem Stand, das sind Fundstücke. „Was die Leute hier alles vergessen, das glaubt man nicht. Wir finden Schlüssel, Portemonnaies, Handschuhe, Einkaufstaschen. Manch in Kunde kauft hier eine Sache und lässt sie liegen. Einmal hat jemand bei uns richtig viel Fleisch vergessen. Das war vor einem Feiertag und Fleisch für eine große Gesellschaft. Wir haben bis zum Ende des Marktes gehofft, dass derjenige wiederkommt, kam er aber nicht“, so Schmitt. Auch Marktaufseher Florin Kriening kennt das Dilemma. Viele Fundstücke werden bei ihm abgegeben. Eigentlich habe ich fast jede Woche ein prall gefülltes Portemonnaie, das auf seinen Besitzer wartet, und Autoschlüssel, bei denen man den Verlust doch eigentlich schnell bemerken müsste“, sagt er.

Kräuter

Betörende Düfte ziehen über den Markt. Der dazugehörige Stand ist zentral platziert und zieht die Kunden magisch an. Minze, Salbei, Oregano: grün leuchten die Blätter verführerisch in der Sonne. Die Kräuterhexe hinter den Tischen kann eine Szene immer wieder beobachten. Ein Pärchen schlendert heran. Dann blitzschnell zückt meistens der weibliche Teil des Paares eine Pflanze und stopft sie mit dem Befehl „Riech mal“ dem zweiten, meist männlichen Teil des Paares ins Gesicht. „Das kenne ich schon“, lacht die Kräuterhexe und findet diesen Reflex witzig. „Das gute ist ja, dass man die Pflanzen nicht wegriechen kann“.

Wir

Eine Woche lang haben wir uns auf den Wochenmärkten in Kiel herumgetrieben und eine Menge erlebt. Wir lernten, was Junghenneneier sind, dass Marktkaufleute gut Kopfrechnen können, immer den passenden Spruch auf Lager haben, aber gar nicht erst ihren Stand aufbauen, wenn sie keine frische Ware bekommen und dass es um vier Uhr morgens romantisch einsam, aber auch bannig kalt sein kann.

Was uns aber am meisten beeindruckt hat, ist die liebenswerte, offene Art, mit der uns ausnahmslos alle Marktbeschicker empfangen haben. Egal ob Gemüse-, Fisch-, Brot-, Eier- oder Kaffeeanbieter: jeder Händler hatte viel Interessantes zu erzählen. Wir sind uns sicher: wer auf dem Markt steht, der ist Beschicker mit Leib und Seele - auch und gerade, wenn die Woche mehr als 40 Arbeitsstunden hat und der Tag immer sehr früh anfängt.

Wer auf den Markt geht, der bekommt nicht nur gute, frische Ware und fachkundige Beratung. Die Marktbeschicker sind gute Schnacker und schlagfertig noch dazu. Sie nehmen sich auch gerne mal selber auf die Schippe. Wenn man seine Ohren spitzt, gibt es eine Menge aufzuschnappen. „Wir sind so gegen 19 Uhr zu Hause und dann packen wir noch den Wagen für den nächsten Morgen“, berichtet ein Gemüsehändler in der Runde. „Also ich bin erst um 20 Uhr zu Hause“, toppt die Fleischverkäuferin die Erzählung. „Ja, so ein Auto hatte ich auch mal“, entgegnet der Gemüsehändler entwaffnend - und hat die Lacher auf seiner Seite.

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Wer auf einem der Wochenmärkte in Kiel Waren anbieten will, muss sich bei Ingrid Hamann schriftlich bewerben. Die Marktmeisterin schaut dann, ob das neue Angebot auf den Markt passt. mehrKostenpflichtiger Inhalt

Überall, wo Menschen siedelten bildeten sich Plätze zum Kaufen und Verkaufen von Waren.Seit Beginn der Städtebildung im 10 Jahrhundert gibt es auch zentral gelegene und historische belegbare Märkte. Zu den ältesten verbrieften Märkten gehören der Markt in Esslingen am Neckar, den Karl der Goße um 800 gründete und der Trierer Hauptmarkt der 958, also vor mehr als 1.000 Jahren als Wochenmarkt angelegt wurde. mehrKostenpflichtiger Inhalt

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Wochenmärkte in Kiel
Foto: Stephanie Abel vom Törtchenmobil sorgt für die süße Note auf dem Exerzierplatz. Bei ihrem exklusiven Gebäck greifen die Kunden gerne zu.

Bummeln, schauen, schnacken und nebenbei den heimischen Kühlschrank mit regionalen Produkten füllen. Die Kieler können sich an jedem Tag der Woche auf einem anderen Markt versorgen. Für unsere Serie haben wir uns auf den Kieler Märkten umgesehen. An dieser Stelle: der Exerzierplatz.

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