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Ein Blitz, der das Leben veränderte

Meine gute Nachricht Ein Blitz, der das Leben veränderte

Wer eine große Gefahr übersteht, sieht die Welt mit anderem Blick. So ist es mir mit 69 Jahren in diesem Sommer gegangen. Die gute Nachricht: Das Leben geht weiter, und es geht mir gut.

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Anders als sonst war die Bergsteigerin Roswitha Söchtig nicht optimal auf ihre Tour vorbereitet. Fast wäre ihr diese Nachlässigkeit zum Verhängnis geworden.

Quelle: Rainer Surrey

Braunschweig. Eigentlich wollten mein Bergkamerad Leo und ich im September auf die Dufourspitze steigen, mit 4634 Metern die höchste Erhebung der Schweiz. Einem Freund zuliebe, der sich anschließen wollte, verlegten wir den Termin spontan auf Juli vor. „Keine gute Idee“, meinte ich. Es fehlte die Höhenanpassung, und Joggen im Harz war zu wenig Training für den Monte Rosa. Trotzdem fuhr ich am 19. Juli von Braunschweig in die Alpen. Vom Treffpunkt bei Zermatt aus wanderte ich am nächsten Tag – wie seit 50 Jahren mit rotem Filzhut – mit Leo und dem jungen Hanspeter los zur Monte-Rosa-Hütte. Steigeisen an, Steigeisen aus. Über Gletscherspalten, einen Klettersteig hoch. Nach einem Ruhetag auf der Hütte gab es das nächste Frühstück nachts um 2 Uhr, um zeitlich nicht in Verzug zu kommen. Stirnlampen leuchteten den Weg. Das Ziel, der Gipfel, versteckte sich hinter dem vereisten Grat. Einmal rutschte ich ab und prallte auf den Rücken. Das Atmen fiel in der dünnen Luft schwer, die fehlende Höhenanpassung machte sich nun bemerkbar.

 Ein Gewitter zog auf, in der energiegeladenen Luft standen meine Zöpfe nach rechts und links ab. Donner und Blitz waren vorhergesagt worden. Wir hatten gehofft, die Tour bis dahin zu schaffen, waren aber langsamer als geplant voran gekommen. Nun half es nichts: Zwei Meter unterhalb des Grates kauerten wir uns auf einem Vorsprung auf unsere Rucksäcke, den Biwaksack über dem Kopf. Es regnete, hagelte und schneite im Wechsel, es krachte und blitzte um uns herum. „Soll ich beten?“, fragte Hanspeter. Meine Antwort: „Wenn du meinst, dass es nützt.“ Über uns schlug ein Blitz in den Fels ein. „Ich bin doch erst 30“, wimmerte mein Bergkamerad. Doch auch ich wollte leben: „Eigentlich will ich 80 werden.“

Stunden saßen wir schon bewegungslos auf dem Felsvorsprung. Ich sah zum schneebedeckten Lyskamm hinüber. Plötzlich raste ein silberner Ball auf uns zu, vielleicht 40 Zentimeter groß, am Rand strahlte er rosa. So ein Naturschauspiel hatte ich noch nie gesehen. Der Blitz schlug unter uns ein, der Fels bebte. Fließstrom traf Leos Handy, Hanspeters Körper kribbelte.

Kindheitserlebnisse zogen an meinem inneren Auge vorbei: Wenn es nachts gewitterte, standen wir alle auf. Die Großmutter nahm die Kassette mit den Papieren, angezogen harrten wir in der Stube aus. Jetzt warteten drei Menschlein auf einem Felsvorsprung in 4600 Metern Höhe. Erst am frühen Abend färbte der Himmel sich wieder blau, wir stiegen die letzten Meter zum Gipfel auf. Dann ging es ans Abseilen. „Ruf auf der Hütte an, dass wir heil sind.“ Das Telefon funktionierte nicht. Mir tat alles weh. Hanspeter zog mich hinunter über den flachen Gletscher. Es wurde dunkel. Das Matterhorn wurde anlässlich der Erstbesteigung vor 150 Jahren angestrahlt. Über uns leuchteten die Sterne. Über dem Weißhorn bis zum Matterhorn leuchtete das Wetter. Der Donner rollte nun weit entfernt. Doch an der schwierigen Gletscherspaltenzone war meine Kraft am Ende. „Ich kann nicht mehr, ich gehe da jetzt nicht mehr durch.“ – „Wir gehen weiter!“ – „Ohne mich. Morgen früh könnt ihr mich holen.“ Gerade dem Gewitter entronnen, wollte ich nun nicht in eine Spalte stürzen. Die anderen ließen sich überzeugen, die Nacht auf dem Gletscher zu verbringen, wieder Rucksack als Unterlage, Biwaksack über uns. Klein machen, um die Wärme zu halten. An Schlaf kaum zu denken, bis 6 Uhr morgens harrten wir aus. Es war der 23.Juli.

Wir sprangen über Gletscherspalten, weiter und weiter. Vom Ende der Spaltenzone ging Hanspeter strammen Schrittes Richtung Hütte weiter, Leo mit großem Abstand hinterher, ich ganz am Schluss. Angesichts der Erschöpfung klang das plötzliche Knattern eines Hubschraubers über uns wie eine Erlösung. Ich wollte nur noch nach Hause. Da lief uns jemand von der Bergwacht entgegen. „Packen Sie Ihre Sachen zusammen. Sie werden nach Zermatt geflogen.“ War ich froh! Der Hubschrauber landete, ab zur Hütte und dann ins Tal. Das Glas Wasser für jeden war eine Wohltat. Und vor allem: Wir leben – Leo, Hanspeter und ich.

In Braunschweig wurden Prellungen und ein Rippenbruch diagnostiziert. Es kam eine Rechnung der Bergwacht, zum Glück bin ich gut versichert. Die Lehre für die Zukunft: nie ohne Höhenanpassung solche Berge besteigen. Hoch zu den Gipfeln soll es aber auch mit über 70 noch gehen. Der Blick auf die Welt von ganz oben ist einfach zu schön.

Von Roswitha Söchtig, aufgezeichnet von Gabriele Schulte

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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