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Und plötzlich bin ich Theaterautor

Meine gute Nachricht Und plötzlich bin ich Theaterautor

Arbeitslos, ausgegrenzt: Keine Chance auf einen Job. Jedenfalls dann, wenn man schon 60 Lenze auf seinem Buckel hat. Nun war ich, Bernd  Honig, in den Hartz IV-Bezug gerutscht. Hmm, so´n Schiet! Da sind die Chancen, wieder in Arbeit zu kommen, realistisch gesehen gleich null.

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Geograph, Weltenbummler, ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer, Kieler Ortsbeiratsmitglied: Bernd Honig (60) hat viele Talente - und findet dennoch keinen Job. Durch das Schreiben seines Theaterstücks hat er wieder Hoffnung geschöpft.

Quelle: "Sonja Paar sp, Sonja Paar"

Kiel. Missmutig, niedergeschlagen und frustriert marschiere ich – nein, ich wanke mehr – zum für mich zuständigen Jobcenter. Und wenn ich ehrlich zu mir bin, muss ich sagen: Wo gibt es schon eine Arbeitsstelle für einen Geographen, der zwar seine Füße schon auf alle Erdteile gesetzt hat, vier oder fünf Sprachen einigermaßen flüssig beherrscht, aber sonst eigentlich nichts kann? Zumindest nach Jobcenter-Logik.

 Die Computer, die einem die Arbeitsangebote aussuchen, sind halt dumm. Sie spucken lediglich nach ein oder zwei Begriffen sortierte Offerten aus. Ich könnte auch noch andere Sachen: Berichte und Zeitungsartikel schreiben, Flüchtlingen Sprachunterricht erteilen und vieles mehr. Aber dazu fehlen mir die nötigen Papiere aus Lehre und Studium – jedenfalls nach der Logik des Computers. Auch wenn mir das eher als Unlogik erscheint…

 Na ja, ich betrete das Jobcenter in Kiel. Gerade will ich die Treppe hochgehen und eine Wartenummer am Automaten ziehen, was meine Laune nicht gerade verbessert. Aber: Ich mache auf dem Absatz kehrt. In meinem Augenwinkel erspähe ich ein Plakat. Es geht um Theater für Arbeitslose. Das ist toll, das könnte ich! Jetzt frohen Mutes gehe ich zu meiner Integrationsfachkraft (so technokratisch heißen Arbeitsvermittler neuerdings). Ich erzähle von dem soeben Gelesenen. Die nette Dame stimmt zu: „Ja, das wäre was für Sie.“ Lange Rede kurzer Sinn: Es wurde meine Aufgabe, ein Theaterstück zum Thema Hartz IV zu schreiben.

 Zu Hause setze ich mich gleich an meinen Schreibtisch. Die Zeilen, die Dialoge fließen nur so aus meiner Feder. Mein Stück handelt von Flaschensammlern. Da kenne ich etliche persönlich. Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Pfandflaschen und -dosen. Meistens ganz genau geplant und mit fester Laufroute, mit „guten" Abfalleimern und Mülltonnen. Habe ich auch schon gemacht - als Hartz IV-Aufbesserung sozusagen.

 Ich schildere, wie ein Flaschensammler sich zu seiner Situation, zu seiner miesen Lebenslage bekennt. Sein Bekannter ziert sich, hält die Maske seiner Bürgerlichkeit aufrecht, traut sich nicht, „Pfandobjekte" zu sammeln, obwohl er das gerne möchte. Ist ja bares Geld, dass auf der Straße oder im Müll liegt. Aber die Nachbarn könnten ihn sehen. Der schöne Schein wäre dahin. Na ja, letztlich überredet der „bekennende" Flaschensammler seinen Kumpel. Beide ziehen gemeinsam los. Flaschen, Pfanddosen ahoi! Und über die hämisch-verächtlichen Blicke und Bemerkungen einiger spießiger Besserwisser, wie man nur so tief fallen und Flaschen aus dem Dreck sammeln könne, haben beide nur ein Über-den-Dingen-stehen-Lächeln übrig.

 So wurde ich – und das ist meine gute Nachricht 2015 – vom Hartz IV-Empfänger zum Stückeschreiber. Ich fühle mich gut dabei, auch wenn es für meine Autorenschaft kein Geld gibt. Mitstreiter in dem Projekt haben vor kurzem, ergänzt durch weitere Szenen, mein Stück in einem Laientheater auf die Bühne gebracht. Und ich hoffe, im nächsten Jahr einen Job, der meinen Fähigkeiten, Interessen und Sprachkenntnissen entspricht, zu finden. Das wäre ein großartiges Weihnachtsgeschenk für mich. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht klappen sollte!

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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