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Herrenmagazin: In der Seele geblättert

Orange Club Herrenmagazin: In der Seele geblättert

Schöner Familienabend mit der Indierockband Herrenmagazin im Orange Club. Nicht nur, weil ihr neues Album „Sippenhaft“ heißt, sondern auch, weil die Hamburger Brillenträger-Rocker schon nach wenigen Songs eine Glocke der Melancholie über den Saal legen, unter der man gemeinsam eine Etappe auf dem Weg zu sich selbst bewältigt.

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Die Hamburger Indierockband Herrenmagazin traten gestern im Kieler Orange Club auf.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Schon im bärenstarken (Un-)Glaubensbekenntnis „In den dunkelsten Stunden“ legen Sänger und Gitarrist Deniz Jaspersen nebst Kollegen den Grundstein für Zweifel: „Ich glaube ja doch an die Hoffnung, aber nicht an eine bessere Welt. Ich glaube an das schlechte Gewissen, ich glaube an den Untergang“, lässt sich Deniz in die Karten schauen. „Und in den dunkelsten Stunden wirft der Schatten das Licht. Löscht das Feuer die Brände, schweigt man sich aus über dich“; so klingt das Trostpflaster auf den letzten Akkorden des Songs. Den hat Deniz mit schrammelnder Rhythmusgitarre vorangetrieben, König Wilhelmsburg hat in bester Indie-Manier mit knackig-cleanem Sound die zweite Gitarrenmelodie dazu gepfiffen, darunter haben Paul Konopacka und Rasmus die Bassgitarre knurren und das Schlagzeug gekonnt im Uptempo scheppern lassen.

Als fünfter im Bunde sitzt Albrecht Schrader am Keyboard und steuert gelegentlich die dritte Gitarre oder Percussion bei.

Sänger Deniz erzählt zwischen den Songs Amüsantes von der ersten Bandbuspanne auf dem Weg nach Kiel, die allerdings die Frage aufwirft, ob die Jungs nicht in der Lage sind, einen Reifen zu wechseln. Kommt auf die Busgröße an. Auch das Mädchen, das so gern bei einem vorherigen Kiel-Konzert „Früher war ich meistens traurig“ singen wollte, statt des Textes aber nur ein aufgeregtes Kreischen hervorbrachte, ist den Jungs in launiger Erinnerung geblieben.

Die Band bereist alle bisher erschienenen Alben, die Songs vom Debüt „Atzelgift“ wie „Lichter der Stadt“ oder „Geht nicht über Nacht“ werden besonders gefeiert. Herausragend ist das Liebeslied „Ehrenwort“ mit einem in der Popwelt gern genutzten, weil harmonisch wundervollen chromatischen absteigenden Refrain und auch das eindringliche „Sippenhaft“, in das sich gespenstisch ein Gitarrenfeedback schleicht, bleibt sofort hängen in einer Vielzahl von poplastigen Indiehymnen. Aber irgendwann, spät, aber nicht zu spät, öffnet König Wilhelmsburg mit seiner Wasserflasche ein Bier, nimmt Deniz die Brille ab und die Gitarren werden weiter aufgedreht, der Rock`n Roll bricht sich Bahn. „Lnbrg“, Abgesang auf eine Stadt, „Alle sind so“, „Regen“ mit tropfendem Bass bringen den Saal zum Kochen und die Band zum Schwitzen. Das Konzert endet mit dem Griff zur Akustikgitarre und dem letzten vereinten Einstimmen in „Keine Angst“. Etappenziel erreicht, die Suche geht weiter.

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