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Ein Gesang voller Geheimnisse

Lisa Bassenge Ein Gesang voller Geheimnisse

Man könnte Lisa Bassenge die Verlässliche nennen. Seit zwanzig Jahren ist die Sängerin im deutschen Jazz eine Konstante. Ihre Stimme verfügt ebenso über absoluten Wiedererkennungswert wie ihre lakonisch-melancholische Art, sie einzusetzen. Am Sonnabend trat sie im Kulturforum in Kiel auf.

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Lisa Bassenge im Kulturforum in Kiel.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Man könnte Lisa Bassenge aber auch die Umtriebige nennen, die mal mit Chanson und Neuer Deutscher Welle liebäugelt, auf einem Album in englischer Sprache Mainstream-Jazz präsentiert und auf dem nächsten auf Deutsch Annett Louisan Konkurrenz macht. Mitverantwortlich zeichnete bei alledem bisher stets ihr langjähriger Bassist und Ideengeber Paul Kleber. Auf ihn hat die Sängerin für ihr aktuelles Album Canyon Songs verzichtet und sich stattdessen mit dem amerikanischen Bassisten und Produzenten Larry Klein eingelassen. Wer die CD hört, erkennt auf ihr schnell jenes routiniert zwischen Jazz, Folk und Erwachsenenpop angelegte Erfolgsrezept wieder, das der Ex-Mann Joni Mitchells auch schon amerikanischen Starsängerinnen wie Madeleine Peyroux oder Melody Gardot verordnet.

Zum Glück verfügt Bassenge wie diese über genug Format, sich auch von einem solchen Coach nicht ausstechen zu lassen. Und dass sie bei ihrem Konzert im Kieler Kultur-Forum nur ihr eigenes Quartett und nicht noch Streicher, Bläser und Studio-Profis dabeihat, verleiht der Musik zusätzliches Profil. So kann sich die Aura der Sängerin im dicht besetzten Saal rasch entfalten. Viel Raum zwischen den Noten bleibt in ihrer Interpretation von Elliot Smith’ Angeles, der zugleich das Leitmotiv von Canyon Songs auf den Punkt bringt. Das Werk versammelt Stücke rund um die Stadt Los Angeles, wobei Bassenge in ihren informativ-ironischen Ansagen keinen Zweifel darüber lässt, dass es ihr mit diesem Konzept selbst nicht übertrieben ernst ist. Nichtsdestotrotz knüpft ihre Band mit entrückten Gitarren und holzigen Drums deutlich hörbar an den klassischen Westcoast-Sound an, dessen sonnendurchflutete Weltverlorenheit Bassenge hörbar liegt.

Musikalisch geht es live weniger defensiv zu als auf dem Album. Im Gegensatz zu ihren Musikern habe sie „nur dieses kleine Stimmchen, das nicht lauter geht“, merkt Bassenge nach den ersten Stücken an und bittet erfolgreich um etwas mehr Volume auf Monitor und Mikro. So ganz stimmt das nicht, denn sie kann ja durchaus auch aufdrehen, ist sogar eine versierte Scatterin und auch um einen echten Shout nicht verlegen. Aber gerade dass Lisa Bassenge im Gegensatz zu vielen Kolleginnen mit allem Extrovertierten so sparsam umgeht, macht den Reiz ihres Gesangs aus, der stets genauso viele Geheimnisse für sich behält, wie er preisgibt. Mit diesem Ansatz wuppt sie sogar eine so zentnerschwere Vorlage wie Riders on the Storm von den Doors, die angenehm chillig durch das Kultur-Forum klingt. Das Publikum ist von alledem unmittelbar angetan, taut in der zweiten Programmhälfte ebenso wie Bassenge und ihre Band aber auch immer noch weiter auf. Der Applaus zum Finale macht deutlich, dass das jetzt ruhig noch eine Weile so weitergehen könnte. Doch schon sind alle Stücke der neuen CD abgearbeitet und zur Zugabe tönt der Mitreißer Lass die Schweinehunde heulen vom Vorgänger durch das Kultur-Forum – der einzige Moment des Konzerts, in dem Lisas Nacht plötzlich ein bisschen wie Inas klingt.

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Ein Artikel von
Oliver Stenzel

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