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Die brüderliche Riesengeige und der Pultstar

SHMF Die brüderliche Riesengeige und der Pultstar

Genau so haben wir uns die „achtsaitige Riesengeige“ von Brahms immer vorgestellt und gewünscht. Wir haben sie aber nicht oft so zwingend zu hören bekommen wie unter Pultstar Yannick Nézet-Séguin am Freitagabend im doch noch voll besetzten Kieler Schloss. Der Franzose Gautier Capucon legt vor ...

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Drei imposante Musiker werden gefeiert (v.li.): Cellist Gautier Capucon, Dirigent Yannick Nézet-Séguin und Geiger Renaud Capucon.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Der Cellist lässt sein Instrument derart imposant knurren und eindringlich summen, dass schon in den ersten Takten von Johannes Brahms’ abgeklärtem a-Moll-Doppelkonzert op. 102 jeder Vorwurf des Akademischen absurd erscheint. Renaud Capucon krönt den urwüchsig satt vibrierenden Korpussound der „Riesengeige“ dann mit auffällig nobel aufstrahlenden Violintönen. Der Dialog zwischen den ungleichen französischen Brüdern, zwischen Dionysos und Apoll, bleibt tatsächlich das ganze Werk über fesselnd. Und der kanadische Star am Pult, die in Philadelphia wirkende New Yorker Met-Hoffnung Yannick Nézet-Séguin, hat sichtlich Freude daran, das ekstatische Feuer und die sittliche Schönheit in Motorik und Harmonie aufzugreifen.

Schon die vorgeschaltete Haydn-Ouvertüre zur Oper L’isola disabitata hat Schwung. Doch wirkt der Beitrag zum Komponistenschwerpunkt im direkten Vergleich mit der stilkundigen Haydn-Spritzigkeit der Radiophilharmonie Hannover unter Manze wenige Tage zuvor doch recht ölig großsinfonisch. Überhaupt hält das Orchester aus Rotterdam dem Vergleich mit internationalen Spitzenorchestern oder den NDR-Ensembles nicht stand. Da gibt es im Bläsersatz zu viele Unreinheiten, in den Streichergruppen inhomogene Unwuchten. Der rechte Flügel weiß nicht immer genau, wann der linke etwas und was der hintere gerade genau tut.

Immerhin: Die Niederländer folgen ihrem scheidenden Chefdirigenten trotz technischer Defizite ausdrucksstark ins Extrem. Zu einem derart behutsam raunenden Pianissimo wie in der Zugabe ( Ases Tod aus Griegs Peer Gynt) muss viel Bereitschaft zu Hochspannung im Kollektiv vorhanden sein. Davon profitiert Jean Sibelius’ beliebte Zweite Symphonie zuvor allemal auch. Deren unwiderstehliche Sog ins Finale mit seinen überwältigenden Choral-Fanfaren gelingt sozusagen mit hochgekrempelten Hemdsärmeln bestens. Und dann ist auch weniger wichtig, dass schon der Beginn durch fehlende Trennschärfe (etwa im Vergleich mit Mariss Jansons’ BR-Symphonikern) irritierend schwammig bleibt oder das rasende Vivacissimo zum Einstieg in den letzten Satz nicht von jeder Geige zur selben Zeit absolviert wird. Geschenkt außerdem, dass ein Leonard Bernstein einst noch deutlich abgründigeren Ernst in der Partitur aufgedeckt hat, die als leidend bissiges finnisches Freiheitsfanal empfunden wurde: Nézet-Séguins emotionale Klangregie, seine schlagtechnische Eleganz und seine blitzartigen Signale ins Orchester sind beeindruckend – und locken großen Beifall und viele Bravo-Rufe hervor.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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