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Zu früh auf einen Täter festgelegt?

Großbrand in Altenholz Zu früh auf einen Täter festgelegt?

Vor 21 Monaten brannte die Ladenzeile in Altenholz nieder. Die Brache prägt seither wie eine offene Wunde den Ortsteil Stift. Seit Montag steht ein 23-jähriger Altenholzer wegen schwerer Brandstiftung vor dem Schöffengericht Kiel. Nach dem ersten Prozesstag scheint fraglich, ob er der Täter ist.

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Am 26. November 2014 brannte die Ladenzeile in Altenholz nieder.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel. Mitte Dezember 2014 war der Angeklagte verhaftet worden. Grundlage waren damals unter anderem belastende Aussagen seiner Freundin und eines Kumpels sowie das Motiv Liebeskummer gewesen. Der Angeklagte bestritt, den verheerenden Brand durch das Anzünden von Müllcontainern verursacht zu haben. Sein Verteidiger warf den Ermittlern vor, sich frühzeitig auf einen Verdächtigen festgelegt „und nicht links und rechts geguckt“ zu haben.

Die Aussagen am ersten Prozesstag stützen diesen Eindruck. Am Ende fragte die Richterin sogar einen damals ermittelnden Polizisten, ob das Vorgehen im Licht der aktuellen Erkenntnisse nicht „tendenziös“ erscheine. „Klar hätte man den einen oder anderen vernehmen müssen“, räumte der Beamte ein. In der Gesamtschau sei den Ermittlern der Tatverdacht gegen den damals 21-Jährigen aber „sehr schlüssig“ erschienen.

Zweifel hatten zum Prozessauftakt schon die Aussagen der damaligen Freundin des Altenholzers gesät. Die heute 16-Jährige hatte den Angeklagten belastet, indem sie erklärte, er habe sie am 26. November nicht auf ihrem Schulweg morgens am Bahnhof abgeholt. Am Vorabend sei Schluss mit der Beziehung gewesen. Später änderte sie diese Aussage. Auch am Montag widersprach sie sich teils und konnte sich an Vieles nicht mehr erinnern. „Fakt ist, sie haben bei ihrer ersten Aussage gelogen“, stellte die Richterin fest. „Ja“, erklärte die 16-Jährige. Ihr Freund habe sie abgeholt, so wie er es gegenüber der Polizei angegeben hatte. Man sei gemeinsam im Bus nach Altenholz gefahren, sie habe auf seinem Schoß gesessen.

Für die Richterin hörte sich das nicht nach Trennung an. Auch der Vater des Angeklagten hatte am Vorabend des Brandes keine Anzeichen für Liebeskummer beim Sohn bemerkt. Laut seinen Aussagen schlief dieser sowohl um 1 Uhr als auch um 4.15 Uhr in der gemeinsamen Wohnung. Er habe auch die Wohnungstür nicht wahrgenommen: „Die würde ich hören.“ Das laute Geräusch habe er einem Polizisten vorgeführt, „aber das hat den nicht interessiert.“ Dieser Ermittler sagte aus, am Brandmorgen hätte ein Trio unter den Schaulustigen ihm den Hinweis auf den Tatverdächtigen gegeben: Der müsse es sein, weil er vorher schon Feuer gelegt habe. Die Vorsitzende Richterin Elisabeth Bellmann hielt dem Beamten vor, er habe es nicht für nötig gehalten, den Vater des Angeklagten zu vernehmen: „Kann es sein, dass Sie sich schon eingeschossen hatten?“

Bei einem Großbrand in Altenholz-Stift ist am Mittwochmorgen ein Millionenschaden entstanden. Aus bisher ungeklärter Ursache geriet in der Nacht zunächst ein Müllcontainer in Brand.

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Auch ein Kumpel des Angeklagten hatte bereits gezündelt, so die Richterin. Als dessen Alibi platzte, benannte er den Angeklagten als Brandleger. Er selbst geriet nicht ins Visier der Ermittler, weil er keiner sei, „der alleine rausgeht“, erklärte der Kripo-Beamte. „Wegen ihrer Wahrnehmung eines selbst Verdächtigen?“, fragte die Richterin. Die Konzentration auf den Angeklagten und fehlende Ermittlungen in andere Richtungen seien sehr auffällig, kritisierte sie: „Das hat einen Beigeschmack.“ Zudem habe er den Beschuldigten in der Vernehmung mit Angaben unter Druck gesetzt, die sich später als falsch herausstellten. Dieser Umstand führte auch dazu, dass im Mai der Haftbefehl aufgehoben wurde. Alles, was sein Mandant gesagt hatte, habe sich als richtig erwiesen, betonte der Verteidiger: „Obwohl er massiv in die Mangel genommen wurde.“

Zum Sachschaden durch den Brand kommt ein hoher ideeller Schaden durch den Verlust des früheren Treffpunktes im Ort. Mehrere Ladenbetreiber halten Stift seither unter belastenden Arbeitsbedingungen die Treue. Über einen neuen Supermarkt wird noch verhandelt.

Am Mittwoch, 24. August, startet um 9 Uhr vor dem Schöffengericht in Kiel (Deliusstraße 22) der zweite Verhandlungstag.

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Ein Artikel von
Kerstin von Schmidt-Phiseldeck
Redaktion Lokales Kiel/SH

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