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Zeugen erheben Vorwürfe gegen die Polizei

Ladenzeile Altenholz Zeugen erheben Vorwürfe gegen die Polizei

Auch der zweite Verhandlungstag im Prozess um den Brand der Ladenzeile in Altenholz vor einem Schöffengericht in Kiel warf ein schlechtes Licht auf die Ermittlungen der Polizei. Gleich zwei Zeugen erklärten, ihre den Angeklagten belastenden Aussagen unter Druck gemacht zu haben.

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 Im Prozess um den Brand der Ladenzeile in Altenholz gab ein 22-Jähriger zu, den Angeklagten mit einer Falschaussage belastet zu haben.

Quelle: Rainer Pregla/Archiv

Altenholz/Kiel. „Ich habe keinen anderen Ausweg gesehen als ihn zu belasten. Ich hatte Angst und wollte da raus“: Diese erschütternde Aussage machte ein früherer Kumpel des Angeklagten am Mittwochmorgen. Der heute 22-Jährige gilt als Computerfreak. Blass sieht er aus, wirkt schüchtern. Auch er hatte schon mal gezündelt. Als er das nach dem Ladenzeilenbrand in einer Vernehmung zugab, seien die Beamten lauter und unfreundlicher geworden: „Da habe ich Angst bekommen.“ Nachdem er dann den Angeklagten beschuldigt hatte, seien die Polizeibeamten ruhiger und freundlicher geworden, plötzlich lag sogar Schokolade auf dem Tisch.

Doch tatsächlich habe er in der Brandnacht zu Hause bis zum Morgen am Computer gespielt, erklärte der 22-Jährige nun. „Ich wollte die Wahrheit sagen, weil mir das auf der Seele liegt. Man hat mir bei der Kripo nicht geglaubt.“ Seine Aussage trug mit zur Verhaftung des Angeklagten bei: „Er war über Weihnachten in Haft“, hielt die Richterin dem Zeugen vor. „Es tut mir wirklich leid“, entschuldigte sich dieser mehrmals bei seinem früheren Kumpel. Der nahm das zur Kenntnis. Doch das Angebot, die Hände zu schütteln – nein, das lehnte er nach all dem Geschehenen doch ab. Der 23-Jährige bestreitet, den verheerenden Brand gelegt zu haben. 

Sein Verteidiger Urs-Erdmann Pause nannte die damalige Aussage eine „Riesensauerei“. Doch das Ganze zeichne auch ein „Bild von den Vernehmungstechniken der Polizei“, betonte er. Nach der Verhandlung bezeichnete er das Vorgehen auch als „skandalös“. Denn: „Ein Polizist sollte wissen, dass er eine Falschaussage produzieren kann, wenn er einen labilen Menschen vor sich sitzen hat.“ Doch das ganze Agieren der Polizei zeige, „unter welchem Druck man dort stand“. 

Als zweiter Zeuge war am Mittwoch der Wortführer im Trio von damals eingeladen – das ganze Gegenteil seines Vorgängers im Auftreten. Stämmig, selbstbewusst – einer, der andere auch mal „zur Sau“ macht, wie der 26-Jährige selbst sagte. Auch er belastete damals den Angeklagten. „Weil ich so unter Druck gesetzt wurde“, sagt er heute über die Vernehmung.

 Er sei fast zusammengebrochen, habe „etwas Panik“ bekommen. „Ich habe denen erzählt, was die hören wollten, weil ich nach Hause wollte.“ Die belastenden Aussagen „waren eher rausgezwungen“. 

Tatsächlich sei er überzeugt, dass der Angeklagte nicht für das Feuer verantwortlich ist. Er kenne den 23-Jährigen seit seiner Kindheit und würde merken, wenn dieser lügt. Doch „er ist ja sofort ins Radar geraten“, kritisierte er die Ermittlungen. Danach sei nicht mehr viel passiert, alles sei nur noch gegen den damals 21-Jährigen gegangen. Man habe einen gefunden, „der fertiggemacht wurde“. 

Drei Zeugen haben damit Aussagen widerrufen, die den Angeklagten belastet hatten. Und unklar ist mittlerweile auch, ob der Brand überhaupt von einem Müllcontainer ausging, wie es in der Anklage heißt. Ein Chemiker des Landeskriminalamtes berichtete am Mittwoch als Sachverständiger. In Bezug auf die Mülltonnen hatte er keine eigenen Erkenntnisse. In einer Brandschuttprobe habe man Spuren von brennbaren Flüssigkeiten gefunden. Das Spurenbild weise darauf hin, dass der Brand im Bereich der Schuppen entstanden sei. 

Oberstaatsanwalt Axel Bieler wollte sich am Mittwoch nicht zum laufenden Verfahren äußern. Man sehe auch „keinen Anlass, die Beweisaufnahme zu schließen. Die wesentlichen Zeugen werden noch gehört“.

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Ein Artikel von
Kerstin von Schmidt-Phiseldeck
Redaktion Lokales Kiel/SH

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