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20 Flüchtlinge sind manchmal zu viel

Altenholz 20 Flüchtlinge sind manchmal zu viel

Der Garten und Doppelbungalow der Krautwursts haben etwas von einer Burg, mit den Lamellenzäunen, die ihn umgeben. Er ist Zuflucht für die kranke 56-jährige Maike Krautwurst. Doch vor Kurzem erfuhren Maike und ihr Mann Carsten Krautwurst, dass im Nachbarbungalow bis zu 20 Flüchtlinge einziehen sollen.

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Das kleine Reich von Maike und Carsten Krautwurst in Altenholz: Aus Sicht des Ehepaars ist ihr Zufluchtsort bedroht. Direkt nebenan (links) sollen 20 Flüchtlinge untergebracht werden.

Quelle: Sonja Paar

Altenholz. Verzweifelt knetet Maike Krautwurst das Taschentuch in ihrer Hand, ringt um Fassung. Und wirkt doch kämpferisch. Sie hat schon viel Schlimmes erlebt, sagt die Mutter zweier Töchter. So Schlimmes, dass die Nähe vieler Menschen mittlerweile für sie ein großes Problem bedeutet. Sie hat Angst vor ihnen. Ob es nun Flüchtlinge oder andere Menschen sind. Sie leide an posttraumatischen Belastungsstörungen, habe vielschichtige Probleme. Um Menschen zu meiden, geht Maike Krautwurst zum Beispiel nur am frühen Morgen einkaufen.

Im Gewerbegebiet am Kronsberg kaufte sich das Ehepaar vor vier Jahren den Bungalow aus den 80er-Jahren mit kleinem Garten. Finanzierbar für die frühere Erzieherin, die Erwerbsminderungsrente bezieht, und den Arbeiter. Sie haben viel Herzblut ins Haus gesteckt, es schön hergerichtet. Doch dann erwarb eine ortsansässige Baufirma das direkt angrenzende Nachbarhaus, renovierte es und vermietet es nun an die Gemeinde.

Der Bürgermeister räumt Fehler ein

Altenholz habe bei der Unterbringung von Flüchtlingen keine Wahl, sagt Bürgermeister Carlo Ehrich (SPD): „Die Leute stehen hier vor der Tür.“ Ehrich lastet sich allerdings an, nicht gleich die Krautwursts im Nachbarhaus informiert zu haben, als er sich die künftige Gemeinschaftsunterkunft anschaute. Bis zu 20 Menschen in einem Bungalow mit Souterrain: Das ist möglich, weil die Vorschriften für die Unterbringung von Flüchtlingen gelockert wurden. Im Prinzip, erklärt Ehrich, könne das auch in reinen Wohngebieten so passieren. Größtenteils mietet Altenholz bisher allerdings dezentral Wohnungen an.

„Es gibt Menschen, die damit entspannt umgehen können – ich nicht“, sagt Maike Krautwurst. Man könne ihr nicht nachsagen, sie habe etwas gegen Ausländer, betont die Erzieherin, die unter anderem Kinder mit Migrationshintergrund betreute. Zum persönlichen Handicap kommt die Angst vor Anschlägen. Angst, dass nicht nur sie, sondern auch die Gesellschaft überfordert wird durch die vielen Flüchtlinge. „Toleranz – das funktioniert bei uns doch oft schon nicht in Familien oder Betrieben. Wie soll es dann zwischen Menschen fremder Kulturen laufen?“, fragt sie. „Es wäre auch ein Unterschied, wenn nebenan nur eine Familie einziehen würde“, sagt Carsten Krautwurst (55).

Maike Krautwurst schrieb an Ralf Stegner

Wegen ihrer gesundheitlichen Verfassung wird es „nicht möglich sein, in diesem Haus wohnen zu bleiben“, erklärt seine Frau. „Ich habe mein ganzes Leben lang Verständnis gehabt, doch nun muss ich an mich denken.“ Das Ehepaar sorgt sich, das Haus am Kronsberg nur mit hohem Verlust verkaufen zu können. Die Gemeinde würde es auch für Asylbewerber mieten, erklärte der Bürgermeister den beiden. Doch der dafür übliche Satz reiche nicht für ihren Hauskredit und den Lebensunterhalt, meint Maike Krautwurst. Deshalb hat sie auch an den Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion, Ralf Stegner, geschrieben. Weil der im Landtag gesagt hatte: „Hilfen für Flüchtlinge finanzieren wir nicht, indem wir anderen etwas wegnehmen.“ Maike Krautwurst sieht das anders: „Wir sind die, die verlieren.“ Sie wünscht sich: Jeder solle „einmal in sich gehen und sich fragen, wie er in unserer Situation fühlen, denken und handeln würde“.

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Ein Artikel von
Kerstin von Schmidt-Phiseldeck
Redaktion Lokales Kiel/SH

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