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Auf den Spuren der Fledermäuse

St.-Nicolai-Kirche in Eckernförde Auf den Spuren der Fledermäuse

Historische Kirchen sind nicht nur Gotteshaus und Kunstschatz, sondern auch Refugium für vielerlei Tierarten. Wenn Sanierungen von Altbauten anstehen, muss darauf geachtet werden, dass Lebensräume für bedrohte Arten nicht ungewollt zerstört oder gestört werden. Das schreibt das Bundesnaturschutzgesetz vor.

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Ein begonnener Nestbau und ein Ei: Kein Zweifel, hier haben Tauben gebrütet, ist sich Christoph Stolle sicher.

Quelle: Christoph Rohde

Eckernförde. Die Kirchengemeinde St. Nicolai hat jetzt einen biologischen Sachverständigen beauftragt, das Kirchengebäude daraufhin unter die Lupe zu nehmen. Denn für St. Nicolai stehen umfangreiche Sanierungen an, deren Kosten ein Baugutachten auf 1,9 Millionen Euro schätzt.

Christoph Stolle ist gut gerüstet. Neben robuster Kleidung hat er eine Stirnlampe dabei, eine Taschenlampe und sogar ein Endoskop. Sein Arbeitsplatz: der riesige Dachboden der St.-Nicolai-Kirche. Eine enge Wendeltreppe im alten Turm-Rudiment der Kirche führt nach oben unter das gewaltige Pfannendach. Dem Blick offenbart sich ein filigranes Dachgebälk von beachtlicher Größe. Rund 600 Quadratmeter misst der Kirchenboden. Stolle richtet sein Augenmerk vor allem auf Fledermäuse. 14 Arten sind in Schleswig-Holstein nachgewiesen, und alle sind geschützt. Doch wie will man die Flattertiere in diesem Balkengewirr ausfindig machen?

Der biologische Sachverständige kennt ihre bevorzugten Aufenthaltsorte. Der Schein der Taschenlampe leuchtet in eine dunkle Verzapfungsstelle hinein. In dieser Holznische, das zeigen Nutzungsspuren, hat eine Fledermaus ihr Quartier gehabt. Wenige Meter weiter stößt der Gutachter auf Flügel von Faltern. Da die Körper fehlen, muss es sich um Fraßreste handeln. Das Braune Langohr beispielsweise habe traditionelle Fraßplätze, erläutert Stolle. Richte man von dort den Blick nach oben, könne man oft weitere Spuren entdecken. Um in verwinkelte Ecken zu blicken, setzt er sogar ein Endoskop ein, dessen Kamera an einem flexiblen Arm selbst tiefe Ritzen erkundet.

Auf einem Balken hat Stolle Kot-Stückchen entdeckt. Anders als bei Mäusen lassen sich die Hinterlassenschaften von Fledermäusen zwischen den Fingern zerreiben. Ein Glimmeranteil deutet auf Reste von Chitinpanzern vertilgter Insekten hin. In diesem Fall geht Stolle von einer Breitflügelfledermaus aus, die sich hier aufgehalten hat. Lebende Tiere entdeckt der Gutachter bei seiner Inspektion zwar nicht. Die gefunden Spuren weisen aber konkret auf „mindestens drei Fledermausarten“ hin, die auf dem Dachboden der Kirche Unterschlupf finden. Neben der Breitflügelfledermaus sind es die Zwergfledermaus und das Braune Langohr. Auch anderes Leben sucht Schutz unterm Kirchendach. Federn, Reste eines Nestes und ein Ei erinnern an Tauben, die hier einmal gurrten. Die sind artenschutzrechtlich allerdings weniger relevant. In ländlichen Kirchen finden sich dagegen schon mal Turmfalken, Eulen, Mauersegler oder Dohlen. Zu beachten bei Sanierungen von Altbauten ist laut Stolle auch die Eignung eines Gebäudes für bestimmte Arten. Diese Potenziale müssten erhalten bleiben. Anders gesagt: Vor und nach dem Eingriff muss der Lebensraum gleich geeignet sein. Ein biologisches Gutachten ermöglicht es, Bauabläufe entsprechend abzustimmen, um Fortpflanzungs- und Ruhestätten etwa von Fledermäusen nicht zu stören, sowie, bei Bedarf, einen Ersatz zu schaffen. So können Artenschutz und Sanierung Hand in Hand gehen.

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Ein Artikel von
Christoph Rohde
Eckernförder Nachrichten

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