12 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
Bürger werden ungeduldig

Ehemalige Ladenzeile in Stift Bürger werden ungeduldig

Artur Ruß wirkt auf den ersten Blick wie ein gemütlicher älterer Herr, der mit seinem Enkel eine Holzhütte zimmern könnte. Und nicht mit anderen Männern ähnlichen Alters ein Aufsehen erregendes Protestschild an einem Bauzaun befestigen würde. Aber er hat es getan.

Voriger Artikel
Die Bürger begehren auf
Nächster Artikel
Fünf Tage, 160 Filme

Hier entsteht bald nichts: Dieses Protestschild hing mehrere Tage am Bauzaun rund um die ehemalige Ladenzeile. Mittlerweile wurde das Schild entfernt.

Quelle: Kerstin v. Schmidt-Phiseldeck

Altenholz.  Vor 17 Monaten brannte die Ladenzeile in Altenholz-Stift komplett nieder. Nicht alles lief zuvor in den Geschäften perfekt, aber Stift hatte ein kleines, lebendiges Zentrum, in dem Bewohner sich trafen, immer etwas los war. Seit dem Abriss der Brandruine vor einem Jahr wirken die traurigen Reste wie eine offene Wunde.

 „Hier entsteht demnächst NICHTS!“ schrie es vor wenigen Tagen von zwei mittlerweile wieder entfernten Protestschildern am Bauzaun. Bürgermeister, Verwaltung, Gemeinderat und Parteien brächten keine Hilfe, so der Vorwurf: „Also schleppen wir Getränkekisten, Einkaufsbeutel, Kartoffelsäcke und Taschen von weit her weiter in diese schöne Wohngemeinde, laufen gern weite Wege zu Bankautomaten, und ansonsten ,schauen wir in die Röhre’! Danke, es reicht – die wohlanständigen Bürger!“

 Nein, nicht jedem gefiel dieser Stil, das Anonyme, die Anschuldigungen. Eine Botschaft des Protestschilds scheint dennoch vielen Stiftern aus der Seele zu sprechen: Sie sind frustriert, dass sich auf dem Gelände der Ladenzeile immer noch nichts getan hat.

 „Es kann ja so nicht bleiben“, sagt Artur Ruß, der beim unangekündigten Besuch ohne Umstände ins Haus bittet. Der 73-Jährige sagt, dass er mit dem Protestschild die Gemeindevertretung „aufrütteln“ wollte. Und dass er Mitstreiter hatte. Ruß spricht unaufgeregt und nicht wie ein polternder Wutbürger über das Thema, „das mir am Herzen liegt“. Er sorgt sich, dass alles einschläft: „Wir brauchen ein Einkaufszentrum“ – die Stifter wären mit vielen Lösungen zufrieden. Die Zeit dafür sei lang genug gewesen.

 In Stift liegt der Anteil älterer Bewohner sehr hoch. Und mancher ist nicht mehr so mobil wie andere, die auf Einkaufsmöglichkeiten auswärts ausweichen. Auch der Stifter Norbert Köhnke nimmt in seinem Umfeld die Frustration wahr. Er unterstützt mit seinem Auto Nachbarn, die eingeschränkter sind. Und findet, „dass man die Verärgerung von Menschen verstehen muss, die zum Beispiel für einen Gang zum Geldautomaten oder für einen kleinen Einkauf nicht gern auf fremde Hilfe angewiesen sein möchten“.

 Sascha Berg vom Friseursalon im Apothekenhaus bekommt über seine Kundschaft einiges von der Stimmung im Ort mit: „Bei vielen herrscht starker Frust.“ Er bezweifelt, dass alles wahr ist, was auf dem Protestschild stand: „Aber es muss sich etwas tun.“ Für die Älteren, die nicht so mobil sind. Und für die Familien, denen der soziale Treffpunkt von früher fehlt. Er wünscht sich mehr Tempo in den bürokratischen Prozessen. Nach dem Brand habe er den Friseursalon innerhalb einer Woche wieder eröffnet – niemand habe das für möglich gehalten. Wie der Blumenladen Kalinka, Zeitschriften Petersen und die Bäckerei Steiskal, die in Container auswichen, blieb er im Ort – „für Stift. Aber es wird schwieriger.“

 Berg und andere Geschäftsleute hatten im Februar die Unterschriftenaktion „Rettet Altenholz-Stift“ initiiert. Seither, so Berg, Kieferorthopädin Anne Béress und Anke Petersen, habe sich der Austausch mit Rathaus und Politikern deutlich verbessert. Petersen bedauert es daher, dass Kritiker Ruß sich nicht bei den Geschäftsleuten über den aktuellen Sachstand zur Ladenzeile informiert habe. Dennoch sorgt sich auch Sascha Berg um den Ortsteil, um das einst lebendige Zentrum: „Ab 14 Uhr ist Stift tot.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Kerstin von Schmidt-Phiseldeck
Redaktion Lokales Kiel/SH

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Eckernförde 2/3