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Literatur und ihre Spielarten

Lange Nacht Literatur und ihre Spielarten

In der zweiten langen Kulturnacht drehte sich alles ums Lesen. Die 13 Veranstaltungen, die Eckernfördes Kulturbeauftragte Andrea Stephan zusammengestellt hatte, machten deutlich, wie unterschiedlich, aber auch wie faszinierend Literatur sein kann.

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Das Meer, die Fliegenfischerei und zumeist auch Wale sind auf den Arbeiten von Bernd Probst zu sehen. Das Besondere daran: Der Meeresbiologe aus Eckernförde hat darauf auch zahlreiche Texte verfasst, die mit bloßem Auge allerdings kaum zu lesen sind.

Quelle: Uwe Rutzen

Eckernförde. Im Künstlerhaus an der Ottestraße lauschen die Besucher ergriffen. Dort liest Mirko Bonné auf Einladung der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft aus seinem Buch „Feuerland“. Der gebürtige Bayer, der schon seit vielen Jahren in Hamburg lebt, schickt die Protagonisten in seinem Erzählband auf Reisen in zumeist extreme Gegenden und Situationen. Mitunter handelt es sich um scheinbar banale Alltagsgeschehnisse, zum anderem werden Lebenskrisen oder existenzielle Fragen beschrieben. Obgleich die Texte wenig spektakulär sind, fühlt sich der Zuhörer doch emotional berührt. Das liegt einerseits an der präzisen und sehr detaillierten Beschreibung der Handlung, besonders aber am fesselnden Erzählstil des 51-Jährigen.

 Wie wär’s denn mal mit einem Finnen? Das aus Esther und Claudia Unzen sowie Gerhard Breier bestehende Trio eckmeck mag die Texte des populären finnischen Schriftstellers Aarto Paasilinna und dessen tiefschwarzen Humor. Für die Lesung in der Stadtbücherei hatten sie sich „Adams Pech, die Welt zu retten“ ausgewählt. Während Claudia Unzen die Regie übernahm und Gerhard Breier auf Klarinette und Säge den musikalischen Part beisteuerte, las Tochter Ester Unzen mit spürbarer Begeisterung und überaus charmant aus dem Roman. Darin geht es um Aatami Rytmättylä. Er hat einen kleinen und sehr leichten Akku erfunden, der Strom im Überfluss liefern kann. Um die Erfindung zu vermarkten, fehlt ihm allerdings das Geld. Glücklicherweise nimmt sich Eeva Kontupohja, eine trinkfeste Strafverteidigerin, des vom Pech verfolgten Weltretters an. Doch die Idee der umweltfreundlichen Energiequelle stößt nicht überall auf Gegenliebe. Die Ölmultis bangen um ihren Reichtum und setzen Killer auf Rytmättylä an.

 Auch im „Spieker“ gibt es an diesem Abend keine leeren Stühle. Auf der in schummriges Licht getauchten Bühne hat Tine Wittler Platz genommen. Die Wohnexpertin aus dem Fernsehen und Kneipenbesitzerin aus Hamburg hat bereits fünf Romane geschrieben. In Eckernförde stellt die 43-Jährige nun ihr Buch- und Filmprojekt „Wer schön sein will, muss reisen“ vor. Ausgangspunkt des Ganzen sind die Fragen: Was ist schön? Wie entstehen Ideale? Und wie gehe ich mit ihnen um? Um Antworten zu finden, begibt sich die Autorin mit einem kleinen Filmteam ins weitgehend unbekannte Wüstenland Mauretanien. Dort gelten runde Frauen als besonders schön und begehrenswert. Um sie für die Ehe attraktiv zu machen, werden sie mitunter von den eigenen Eltern gemästet. Tine Wittler, die sich in Gesellschaft, Kultur und Medien für vermehrte Körpervielfalt und -akzeptanz einsetzt, ist weniger die Vorleserin als vielmehr die Erzählerin. In den Passagen, in denen sie ihr Buch zur Seite legt und von den aufwendigen Vorbereitungen der Reise berichtet, kommt deutlich mehr Spannung als während der eigentlichen Lesung auf. Übrigens: Der Film, der parallel zum Buch erschienen ist, schaffte es auf Anhieb in die Kinos und wurde mit dem Prädikat wertvoll ausgezeichnet.

 „Literatur anders“ lautet das Motto in dieser langen Nacht in der Galerie 66. Anders, weil hier nicht gelesen, Schrift aber dennoch sichtbar gemacht wird. Zum Beispiel in der Malerei von Sabine Bovensiepen, die griechische Texte in ihre Werke eingefügt hat. Auch Bernd Probst, Meeresbiologe, Theologe und Lehrer, fügt umfangreiche Textpassagen in seine Bilder ein – allerdings ist die mit spitzem Bleistift gefertigte Schrift so klein, dass sie nur unter der Lupe nachzulesen ist. Rund 40 Unikate hat der 69-Jährige bislang geschaffen, viele von ihnen für Familienangehörige oder Freunde. Auf nahezu all seinen Werken sind Motive der Fliegenfischerei, der Küste und Wale zu finden. Probst, der aus dem Ruhrgebiet kommt, unterstreicht damit seine Verbundenheit zum Meer und zu seinen Hobbys.

 Helmut Kühl hingegen hat nach seinem Berufsleben noch einmal Kunstgeschichte studiert. Sein Hobby ist die Sütterlin-Schrift. „Mein Großvater war Kapitän. Von jedem Hafen hat er Postkarten nach Hause geschickt“, erzählt er. Allesamt sind in Sütterlin verfasst und noch alle im Besitz der Nachkommen. Der 82-Jährige Kühl weiß viel über die schwungvolle Schrift zu berichten, unter anderem, dass Hitler sie nicht mochte. Weil viele Soldaten während des Krieges die Befehle in Sütterlin nicht lesen konnte, sorgte das Militär für die Abschaffung.

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Ein Artikel von
Uwe Rutzen
Ressortleiter Eckernförder Nachrichten

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