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Entspannende Auszeit mit Therapie

Gettorf Entspannende Auszeit mit Therapie

Es ist das erste Mal, dass Andrea und Andreas Pischke aus Gettorf gemeinsam mit ihren drei Kindern so etwas wie Urlaub machen. „Wir haben uns das vorher nicht zugetraut“, erklärt die 37-jährige Mutter, und ihr 44-jähriger Mann nickt.

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Fast wie Urlaub: Für Andrea und Andreas Pischke aus Gettorf bietet das Familienseminar in Lübeck die Chance, gemeinsam mit ihren Kindern Hannah (8, hinten), Elisa (6) und Leander (3) auch einmal entspannte Tage zu verleben.

Quelle: Sabine Spatzek

Lübeck. Der Grund liegt in der besonderen Situation der Familie: Bei Hannah (8), Elisa (6) und Leander (3) treten genetisch bedingte Entwicklungsstörungen auf, die sich auf das Sprechen, Laufen und andere Fähigkeiten auswirken. Den fordernden Alltag mit drei Kindern mit Behinderungen haben die Pischkes recht gut organisiert, doch eine Reise stellt eine besondere Herausforderung dar.

 Dass die Gettorfer jetzt zusammen mit 18 anderen Familien in ähnlicher Lage sechs entspannte und zudem noch informative Tage an der Ostsee im Lübecker Stadtteil Travemünde-Brodten verbringen konnten, ermöglichte ihnen ein bundesweit einzigartiges Angebot: Schon zum 50. Mal organisierte der Landesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen Schleswig-Holstein (lvkm) mit Sitz in Kiel die Auszeit, die als „Familienseminar Eltern stärken – Kinder fördern“ eine kompakte Mischung aus Therapie, Information und Erholung bietet.

 Die Erwachsenen können Fachvorträge, Workshops oder Einzelberatungen besuchen, während die Kinder täglich fünf Stunden professionell betreut und zum Teil physiotherapeutisch behandelt werden. Auch der Austausch und das Zusammensein mit anderen Betroffenen ist für die Teilnehmer sehr wichtig, berichtet Miriam Schneider vom Landesverband, die das Angebot im Jubiläumsjahr organisiert hat. Sie ist froh, dass die Gesamtkosten von rund 50000 Euro ein weiteres Mal überwiegend aus Spenden finanziert werden konnten.

 Bei Andrea und Andreas Pischke dauerte es nach der Geburt der ältesten Tochter etwa eineinhalb Jahre, bis klar wurde, dass etwas nicht stimmt. Immer wieder, manchmal 50 Mal am Tag, beobachteten sie bei Hannah kurze Momente der Erschlaffung und Abwesenheit, in denen die Kleine wackelte oder hinfiel. „Als ob jemand den Stecker rauszieht“, beschreibt Andreas Pischke das Phänomen mit dem medizinischen Fachbegriff Absencen-Epilepsie. „Hannah bekam dann Medikamente, die nach einigen Monaten sehr gut wirkten.“ Die Entwicklungsstörungen zeigten sich erst später, wie auch bei den beiden jüngeren Kindern, die keine Epilepsie haben. Ursache dafür sei ein „genetischer Strickfehler“, erklärten die Ärzte den Pischkes. Eine genauere Diagnose erhoffen sie sich durch die Teilnahme an einer Forschungsstudie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. „Auch wenn sich dadurch für uns eigentlich nichts ändert, ist die Diagnose wichtig. Zum Beispiel, wenn es um Eingliederungshilfen geht, die richtige Schullaufbahn oder eine Therapie, die die Krankenkasse dann leichter genehmigt.“

 Im Theodor-Schwartz-Haus in Brodten, wo das Familienseminar am Freitag zu Ende geht, haben sich alle fünf Pischkes so richtig wohl gefühlt, was keineswegs selbstverständlich ist. Der bald vierjährige Leander ist der Strahlemann in der Familie, seinem breiten Kinderlachen kann niemand widerstehen. Für die Mädchen dagegen ist es schwieriger, einen Zugang zu fremden Menschen zu finden. „Es ist toll, dass sie zu dritt sind. Sie ziehen sich gegenseitig mit, lachen viel zusammen“, sagt die Mutter. Das helfe auch in stressigen Situationen und in Krisenzeiten. Irgendwann will Andrea Pischke, die wie ihr Mann Beamtin ist, zumindest stundenweise wieder arbeiten. Während sie in Brodten ihre Kinder beobachtet, die gerade fröhlich aus der Betreuung gekommen sind, denkt sie einigermaßen gelassen an die Zukunft: „Wir werden sehen, was kommt.“

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