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„Freiheit ist das höchste Gut“

Entwicklungshilfe „Freiheit ist das höchste Gut“

Vor 32 Jahren floh Haroun Fiazi als 13-Jähriger unbegleitet aus Afghanistan. 1985 kam er in Deutschland an. 2014 kehrte er als Entwicklungshelfer auf Zeit zurück. Wieder zu Hause in Eckernförde zieht er Bilanz: „Freiheit ist das höchste Gut, nach dem wir streben müssen.“

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Familie Fiazi fühlt sich in Eckernförde zu Hause und ist voll integriert: Mirya, Mutter Maryam, Vater Haroun, Edris (von links) und Mina, die Jüngste (vorn).

Quelle: Cornelia Müller

Eckernförde. Eine Wohnung nah am Strand, drei aufgeweckte Kinder im Alter von 13, elf und vier Jahren, ein harmonisches Familienleben, ein guter Job in der Berufsvorbereitung von Flüchtlingen: Haroun Fiazi und seine Ehefrau Maryam schätzen sich glücklich. Beide kamen auf gefährlichen Wegen aus dem Kriegsland Afghanistan nach Deutschland und Dänemark. Viel später lernten sie sich hier kennen. Angst und Kummer verblassten. „Ich habe mein Land nicht vergessen“, sagt Haruon Fiazi: „Ich will ihm etwas von dem geben, was wir empfangen haben.“

 Etwas weitergeben, das man nicht wirklich besitzt: ein Leben in Freiheit, Sicherheit und Frieden. Fiazi ließ der Gedanke nie los. In Kiel war er mit 15 Jahren angekommen. Hier lebte sein älterer Bruder, der vor ihm geflohen war. Er lernte Deutsch, schloss die Schule ab, studierte. 2013 bewarb sich der Diplom-Betriebswirt bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

 „Ich wollte meiner Heimat endlich einen Dienst erweisen. Ich durfte an einem Projekt für die Wasserversorgung in Mazar-i Sharif im Norden Afghanistans teilnehmen“, berichtet er. Er zeigt Fotos. Haroun und die Belegschaft der städtischen Wasserwerke sind zu sehen. Er nimmt Wasserleitungen in Augenschein, erläutert eine neue Software am PC. Ein Bild zeigt eine bitterarme Familie einer unterdrückten ethnischen Minderheit, die den Besucher mit unbändiger Gastfreundschaft empfängt – „einer der nachhaltig bewegenden Momente“.

 „Wir haben mit der GIZ in den zwei vergangenen Jahren für die Wasserwerke eine Datenbank aufgebaut. So können Kunden erfasst, Zahlungen überprüft, Rechnungen geschrieben werden. Und es muss verhindert werden, dass überall heimlich gezapft wird. Strukturen sind unverzichtbar, wenn sich man sich aus dem Chaos befreien will.“ Das klingt wohlüberlegt und geplant. „Aber die Umstände, unter denen die Menschen in Afghanistan leben und arbeiten, konnte ich mir vorher kaum vorstellen“, räumt er ein. „Die Menschen haben fast nichts. Überall Bedrohung, ständig gibt es Anschläge. Kinder gehen auch deshalb nicht zur Schule. Die Korruption regiert. Erst hat der Krieg der Sowjets 1979 mein Land mit Angst und Schrecken überzogen. Dann die Taliban. Das Ausmaß der Zerstörung ist unfassbar. Das Afghanistan, in dem ich aufwuchs und in dem Frauen wie meine Tante an Universitäten studierten, gibt es nicht mehr.“ Die desaströse Lage hat auch gravierende Folgen für Entwicklungshelfer: Sie dürfen den streng geschützten Ort, an dem sie arbeiten und wohnen, nicht ohne Wachleute verlassen. Es wäre lebensgefährlich. Fiazi: „Kollegen, Bücher, Filme haben mich aufrecht gehalten. Mit Frau und Kindern in Eckernförde hatte ich zum Glück über Email und Skype immer Kontakt. Anders hätte ich es kaum schaffen können. Eine immense Motivation ist die Dankbarkeit derer, die wir unterstützt haben.“ Das hat auch die Ehefrau zu Hause gespürt. „Ich war zwar immer in sehr großer Sorge“, bestätigt Maryam Fiazi. „Aber ich verstehe Haroun. Auch ich weine um unser schönes Land. Ich bin trotzdem unendlich froh, dass er zurück ist.“ Junge Afghanen fragten Fiazi immer wieder: „Sollen wir fliehen wie du damals? In Deutschland haben wir doch Zukunft.“ „Ich kann ihre Frustration verstehen“, gibt er zu. „Und doch weiß ich, dass in der aktuellen Situation nicht alle gehen dürfen. Das Land braucht vor allem Einheimische, die es aufbauen. Fünf Millionen Afghanen leben als Flüchtlinge anderswo.“ Wie Haroun und Maryam, die ein Leben mit Zukunft kennengelernt haben. Harouns Vater, Arzt in Kabul, hatte seine Kinder damals mit Schleusern auf den riskanten Weg der Hoffnung geschickt. „Er wollte nicht, dass wir im Krieg sterben“, sagt Fiazi leise. „Meine Geschwister und ich sind ihm dankbar, auch wenn die Flucht extrem gefährlich und lang war. Unsere Kinder haben gleich das Leben in Freiheit erfahren. Diesen Wert lohnt es weiterzutragen. Ich wünsche mir, dass auch sie es tun.“

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Cornelia Müller
Eckernförder Nachrichten

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