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Mit Fahrrad „kein Problem“

Schinkel Mit Fahrrad „kein Problem“

Ein leidenschaftlicher Radfahrer war Ali Mahmoudizadeh in seiner Heimat nicht gerade. Doch nach der Flucht wäre er ohne in der Abgeschiedenheit von Schinkelerhütten aufgeschmissen.

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Einkaufen, Deutschunterricht, Sport oder Kirchgang: Ohne Fahrrad wäre Flüchtling Ali Mahmoudizadeh (rechts) aus dem Iran aufgeschmissen. Damit die Asylbewerber mobil sind, repariert der Schinkeler Peter Nentwig aus dem Flüchtlingsbeirat gespendete Zweiräder zusammen mit sechs weiteren Schraubern.

Quelle: Jan Torben Budde

Schinkel. Auf einem Zweirad flitzte der Iraner zuletzt als Kind über die Straßen von Rascht, gibt der Flüchtling in einer Mischung aus Englisch, Deutsch und Zeichensprache zu verstehen. Im Erwachsenenalter bevorzugte der 26-Jährige das Auto für Fahrten durch die Großstadt nahe dem Kaspischen Meer – zumal er als Autoverkäufer arbeitete. Das war vor der Flucht. Jetzt fährt Mahmoudizadeh wieder Fahrrad. „Kein Problem“, sagt er lächelnd. Strahlend zeigt der junge Mann seinen Drahtesel.

„Auch dieses Fahrrad ist eine Spende aus der Bevölkerung“, erklärt Peter Nentwig aus dem Flüchtlingsbeirat Dänischer Wohld. Der 70-Jährige ist ehrenamtlicher Schrauber. Eine siebenköpfige Crew bringt die gespendeten Zweiräder für Asylbewerber im Amtsbereich Dänischer Wohld wieder in Schuss. „Ich habe kürzlich mein hundertsiebzehntes Fahrrad repariert“, erzählt der Chemiker im Ruhestand. Warum er das macht? „Ich habe keine zwei linken Hände“, sagt der Schinkeler augenzwinkernd, der seit zwei Jahren im Flüchtlingsbeirat mitwirkt.

Davon profitiert nun Ali Mahmoudizadeh. Er radelt täglich nach Gettorf. Für eine Strecke benötigt er 20 Minuten. Nach Kiel dauert es eine Stunde. Anstrengend? Er zeigt auf seine Beine. Seine Miene verrät, dass die Radtouren durchaus gewöhnungsbedürftig sind. Er sagt lächelnd: „Kein Problem.“ In Gettorf kauft Mahmoudizadeh im Supermarkt ein, besucht den Deutschunterricht oder trainiert mitunter im Fitnessraum des Gettorfer Turnvereins – trotz täglicher Radtouren.

Ein weiteres Ziel ist die St.-Jürgen-Kirche. Der Iraner ist evangelischer Christ. Den Übertritt vom Islam gibt er als Grund für die Flucht an. In der Islamischen Republik fürchtete der Flüchtling um sein Leben. Seine Familie lebe noch dort. Ein Smartphone ermöglicht ihm den Kontakt in die Heimat – und dient hier als Übersetzungshilfe.

Ablenkung gibt es in Schinkelerhütten zwischen Wiesen und Kühen kaum. Da bedeutet das Fahrrad für die Asylbewerber in der Flüchtlingsunterkunft eine gewisse Mobilität. Zumal Fahrdienste mit dem Auto laut Nentwig nicht die Regel sind. „Dann handelt es sich um eine Privatinitiative“, sagt er, „wenn jemand wirklich darauf angewiesen ist, weil einer zum Beispiel krank ist.“

Deshalb stellt sich Mahmoudizadeh darauf ein, auch im Winter nach Gettorf zu radeln. „Kein Problem“, sagt er.

Die Qualität der gespendeten Fahrräder bezeichnet Nentwig als unterschiedlich. „Manche sind hervorragend erhalten“, sagt er, „andere schlachten wir aus, um die brauchbaren Teile zu verwenden.“ An machen Rädern bastelt der Schrauber einen ganzen Tag lang in seiner Garage. Auf der Mängelliste stehen meist Licht, Schaltung, Reifen oder die Kette. Materialkosten werden Nentwig zufolge aus dem Etat des Flüchtlingsbeirates beglichen, der sich aus Spenden sowie Mitteln vom Amt Dänischer Wohld zusammensetze. Die Arbeitsstunden zähle die Crew nicht („Ich bin ja Gott sei Dank nicht allein“).

Und es geht weiter. Ab November sollen bis zu 50 Asylbewerber im Lindauer Ortsteil Ruckforde einquartiert werden. Dass die Flüchtlinge nicht selbst an den Fahrrädern schraubten, sei bisher an der Infrastruktur gescheitert, so Nentwig.

Nun wolle die Arbeiterwohlfahrt Gettorf und Umgebung einen Raum zur Verfügung stellen, wo auch Asylbewerber basteln können. „Hilfe zur Selbsthilfe“, erläutert der frühere Wissenschaftler. Laut Vorsitzendem Wulf-Dieter Stark-Wulf werde dafür ein Teil des Carports am Awo-Haus in Gettorf zur Verfügung gestellt.

Mahmoudizadeh weiß sein Fahrrad zu schätzen, obwohl er im Iran kaum auf den Drahtesel stieg: „Kein Problem.“

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