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Ein Leben im Wartezustand

Gettorf Ein Leben im Wartezustand

Der Flüchtlingsbeirat Dänischer Wohld hatte zum zweiten Willkommensabend eingeladen. Etliche Asylsuchende, viele Helfer und Fachleute kamen.

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Diese Asylbewerber aus Syrien berührten die Besucher des Willkommensabends mit ihrem „Lied der WG Fischerstraße“. Zum zweiten Mal hatte der Flüchtlingsbeirat Däischer Wohld ins Gemeindehaus am Pastorengang eingeladen.

Quelle: Kitzelmann

Gettorf. Den Deutschen geht es besser als den meisten anderen Menschen auf der Welt. Was aber wäre, wenn es hier eines Tages keinen Frieden, keine Sicherheit und keinen Wohlstand mehr gäbe? Wenn wir mit Koffern, die nur das Nötigste enthalten, verzweifelt in ein fremdes Land fliehen müssten, um dort um Asyl zu bitten, man uns aber am liebsten sofort zurückschicken würde? Dieser Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch den zweiten Willkommensabend des Flüchtlingsbeirats Dänischer Wohld am Mittwochabend im gut besuchten Gemeindehaus.

 Folter, sexuelle Gewalt, verminte Grenzstreifen, die Menschen daran hindern sollen, dem Elend zu entkommen. Kaum zu fassen, mit welchen Schicksalen Solveigh Deutschmann als Mitglied des Flüchtlingsrates Schleswig-Holstein konfrontiert wird. Besonders schlimm sei es für Kinder. „Sie sind die unsichtbaren Opfer des Krieges“, sagte die Nortorferin.

 Für Betroffenheit sorgte auch das Lied der WG-Fischerstraße. Syrische Männer, die in Gettorf auf ihre Anerkennung warten, erzählten in diesem Lied von ihrer Verzweiflung, die sie zur Flucht trieb, und von ihrer Sehnsucht, eines Tages in ihre Heimat zurückkehren zu können, ohne von Assads Schergen und anderen Terroristen verfolgt zu werden. Syrer bilden die größte Gruppe der dem Amt Dänischer Wohld zugewiesenen Flüchtlinge. Am Donnerstag kamen nach Auskunft von Amtsdirektor Matthias Meins 14 weitere Männer aus Syrien hinzu. Sie hoffen jetzt in der neu hergerichteten Unterkunft in der Bergstraße darauf, dass sie ein dauerhaftes Bleiberecht bekommen.

 Ein Asylverfahren kann sich jedoch über einen langen Zeitraum hinziehen. Auch die Genehmigung, eine Arbeit oder ein Praktikum aufnehmen zu dürfen, erfordert von den Betroffenen oftmals viel Geduld, obwohl ihnen nach drei Monaten das Recht auf eine Beschäftigung zusteht, wie Solveigh Deutschmann erläuterte. Die Wirklichkeit aber sieht manchmal offenbar anders aus. „Warten und Geduld – diese verdammten Wörter“, beklagte Ammar Khalfah. Der Syrer schloss in den 1980er Jahren in Dresden (damals noch DDR) ein Studium zum Diplom-Bauingenieur ab und kehrte vor wenigen Monaten nach Deutschland zurück, weil er in seiner Heimat nicht mehr sicher ist.

 Abgesehen davon, dass neulich zwei Männer aus Eritrea versehentlich mit ihren Fahrrädern auf der Autobahn unterwegs waren, bereitet aus Sicht der Polizei keinerlei Probleme, dass in Gettorf und Umgebung immer mehr Asylbewerber leben. Dies dürfte nicht zuletzt auf das ehrenamtliche Engagement des Flüchtlingsbeirats zurückzuführen sein. „Was Sie leisten, ist große Klasse“, lobte Gettorfs Polizeichef Sönke Bahr. Amtsvorsteher Kurt Arndt (SPD) sagte, dass er „ein bisschen stolz“ sei auf das, was im Amtsbereich in Sachen Flüchtlingsbetreuung geleistet wird.

 Die SPD-Landtagsabgeordnete Serpil Midyatli berichtete, wie sich die Landesregierung auf die Herausforderung ständig steigender Flüchtlingszahlen einstellt. Als Beispiele nannte sie den Ausbau der Landesunterkünfte, eine weitere Aufstockung der Flüchtlingsbetreuungs-Pauschalen für die Kommunen ab 1. Juli und die Einstellung zusätzlicher DAZ-(Deutsch als Zweitsprache)-Lehrkräfte. Als großen Erfolg wertete Midyatli den im Mai in Kiel geschlossenen Flüchtlingspakt. „Wenn wir von den Zielvereinbarungen nur 70 bis 80 Prozent umsetzen, sind wir schon sehr viel weiter“, sagte sie.

 Warum engagieren sich Menschen für den Flüchtlingsbeirat? „Es ist ein Gewinn für beide Seiten“, versicherte Vorsitzender Christian-Albrecht Schnarke. Für Inga Tolk und Kirsten Swane, die seit neun Monaten im Flüchtlingsbeirat mitarbeiten, spielt Dankbarkeit eine große Rolle. Sie möchten mit ihrem Engagement etwas zurückgeben – zum Beispiel dafür, dass ihre Kinder unbeschwert aufwachsen können und dass sie auf der Straße demonstrieren dürfen, ohne dafür eingesperrt zu werden.

 Musikalisch begleitet wurde der Abend von Julia und Bernhard Uhlenwinkel, Meike Jessen und Melanie Schubert.

 Spendenkonto: Ev.-Luth. Kirchengemeinde Gettorf, Förde Sparkasse, IBAN DE07210501700000144758, BIC NOLADE21KIE. Verwendungszweck: Flüchtlingshilfe im Dänischen Wohld.

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