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Freispruch im Großbrand-Prozess Altenholz

Amtsgericht Kiel Freispruch im Großbrand-Prozess Altenholz

Knapp zwei Jahre nach dem Großbrand der Ladenzeile in Altenholz-Stift hat das Schöffengericht den 23-jährigen Angeklagten vom Brandstiftungsvorwurf freigesprochen. „Nichts spricht für seine Täterschaft“, fasste die Vorsitzende Elisabeth Bellmann am Dienstag zusammen. Die Staatsanwaltschaft prüft die Revision.

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Dieses Luftbild der abgebrannten und abgerissenen Ladenzeile in Altenholz macht deutlich: Seit bald zwei Jahren klafft eine weiträumige, triste Baulücke im Ort, der sein Zentrum verloren hat.

Quelle: Ulf Dahl (Archiv)

Kiel. Für neun Wochen zu Unrecht erlittene U-Haft sei Kevin S. finanziell zu entschädigen. In ungewöhnlicher Schärfe kritisierte die Richterin die Ermittlungsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft. „Der Angeklagte hatte von Anfang an keine Chance“, sagte Elisabeth Bellmann in der Urteilsbegründung. Früh und einseitig habe sich die Polizei auf Kevin S. als Täter festgelegt. „Der Angeklagte war einem Apparat ausgesetzt, der offenbar kein Interesse an einem rechtsstaatlichen Verfahren hatte.“

So hätten die Strafverfolger entlastende Umstände, die gegen die Schuld von Kevin S. sprachen, nicht berücksichtigt. Dazu gehörte laut Urteil eine belastende Aussage seiner Ex-Freundin (16), die diese noch vor Anklageerhebung widerrufen habe. Ihren Rückzieher habe die Staatsanwaltschaft „wider besseres Wissen“ ignoriert, so die Richterin. Eine Stunde zuvor hatte die Staatsanwältin auf schuldig plädiert und anderthalb Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung für den Angeklagten gefordert.

Zeugen belasteten die Polizei

Laut Urteilsbegründung schilderten im Prozess zwei weitere Belastungszeugen aus dem näheren Bekanntenkreis des Angeklagten „glaubhaft und empört“, wie sie von der Polizei unter Druck gesetzt worden seien. „Ich habe keinen anderen Ausweg gesehen, als ihn zu belasten“, hatte ein 22-Jähriger am zweiten Verhandlungstag erklärt. „Ich hatte Angst und wollte da raus.“ Danach seien die Beamten freundlicher geworden und hätten Schokolade auf den Tisch gelegt.

Die Vorsitzende warf den Ermittlern zudem vor, Hinweisen auf andere potenzielle Verdächtige nicht nachgegangen zu sein. Wie berichtet hatte sich vor zwei Wochen überraschend eine Zeugin bei der Polizei gemeldet, die einen ehemaligen Verehrer als möglichen Täter ins Spiel brachte.

Der damalige Feuerwehrmann einer Nachbargemeinde habe sich ihr gegenüber mit der Brandstiftung gebrüstet, soll sie erklärt haben. Laut Urteil spielte dies jedoch keine Rolle für den Freispruch. Anträge der Staatsanwaltschaft, die neue Zeugin und den von ihr Beschuldigten im Prozess zu hören, hatte das Schöffengericht zurückgewiesen.

Viele Unstimmigkeiten

Die Unstimmigkeiten führten am Ende dazu, dass das Schöffengericht „nicht die erforderliche Überzeugung von der Schuld des Angeklagten“ gewann, so die Urteilsbegründung. Bereits nach zwei Verhandlungstagen habe man „nicht einmal mehr einen hinreichenden Tatverdacht festgestellt“.

Die Leiterin der Kieler Staatsanwaltschaft, Birgit Hess, zweifelt dagegen daran, dass die Widersprüche, die zum Freispruch führten, den Kern des Tatvorwurfs betreffen: „Wir prüfen das Rechtsmittel“, sagte sie auf Nachfrage.

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Kommentar

Das Publikum im Kieler Prozess um die verheerende Brandstiftung im Ortszentrum von Altenholz-Stift sah sich zeitweise in eine Episode aus dem Gerichtsfernsehen versetzt: So unglaublich erschienen die überraschenden Wendungen in dem Fall, dessen Lösung Polizei und Staatsanwaltschaft schon fest im Griff zu haben glaubten.

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