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Gefühlt wie eine Bittstellerin

Altenholz Gefühlt wie eine Bittstellerin

Den 26. November 2014 werden viele Altenholzer nicht vergessen: Damals brannte die Ladenzeile im Ortsteil Stift ab. Rita Riese-Tick verlor ihr Allee-Café. Und fühlt sich von ihrer Versicherung in dieser unverschuldeten Notlage nicht gut behandelt. Die verweist auf die Verträge.

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Nur den Messbecher aus ihrer Kindheit und das Hinweisschild hat Rita Riese-Tick noch von ihrem Allee-Café in der Ladenzeile. Hinten ist der frühere Terrassenbereich zu sehen.

Quelle: Kerstin v. Schmidt-Phiseldeck

Altenholz. Rita Riese-Tick muss schlucken, als sie am Bauzaun steht. „Da war die Terrasse“, sagt sie und zeigt auf die von Unkraut überwucherten Reste hinter der früheren Ladenzeile. Die 63-Jährige war für die Qualität ihrer selbst gebackenen Torten bekannt. Als die Schwentinentalerin am frühen Morgen des Brandtages kam, ahnte sie nichts: „Und dann sah ich meine Küche lichterloh brennen!“ Ein Feuerwehrmann habe sie tröstend in den Arm genommen.

 „Mein erster Gedanke war: Bist du richtig versichert?“ Sie hatte bei der Provinzial eine Inventarversicherung über 45000 Euro abgeschlossen. Bei der Raisdorfer Filiale fühlte sie sich immer gut betreut. Kurz nach dem Feuer habe ihr ein Provinzial-Mitarbeiter am Brandort gesagt, dass sie wegen des Totalschadens die volle Summe bekommen werde, erklärt Riese-Tick.

 Dann die böse Überraschung: Die Versicherung erstattete ihr lediglich den Zeitwert, etwa 29000 Euro: „Und das musste ich als Ertrag noch versteuern.“ Die volle Summe bekomme sie erst, wenn sie wieder ein Café eröffnet: „Weil ich mich ja sonst bereichern würde.“ Auch ihr langjähriger Berater habe das nicht nachvollziehen können. Ihm selbst sei die betreffende Klausel in den Bedingungen nicht bekannt gewesen.

 André Marotz ist bei der Provinzial Leiter der Abteilung für Komplexschäden. In der Tat habe die Café-Betreiberin „Anspruch auf die Wiederbeschaffung zum Neuwert zu heutigen Preisen“. Anders als bei einer privaten Haftpflicht werde bei Firmenversicherungen der volle Wert aber nur gezahlt, wenn das Inventar tatsächlich wieder angeschafft wird. Diese Information sei bei der ersten Aussage am Brandort untergegangen, räumt die Provinzial ein. Das sei aber rasch aufgeklärt worden. Am 17. Dezember überwies die Versicherung den Zeitwert. Das später gemachte Angebot, noch ein Drittel der ausstehenden Summe zu zahlen, sei nicht unüblich: Mancher Kunde sei froh über einen Schlussstrich.

 Er will nicht ausschließen, dass den Ansprechpartnern von Rita Riese-Tick die einschränkende Klausel nicht bekannt war, erklärt André Marotz: Über 1500 Kollegen arbeiteten im Provinzial-Vertrieb und müssten die ganze Bandbreite der Versicherungen kennen. Man könne nicht erwarten, dass jeder „alle Klauseln kennt“.

 Auch bei der Auszahlung ihrer Betriebsunterbrechungsversicherung fühlte sich Rita Riese-Tick nicht gut behandelt. Zwar erhielt sie letztlich die volle Summe für ein Jahr. Doch immer wieder habe sie nachweisen müssen, dass sie sich um die Neueröffnung kümmert. „Ich war bemüht, habe mir überall Objekte angeguckt, bis nach Eckernförde hin“, sagt die 63-Jährige. Ihre Verhandlungen seien auch daran gescheitert, dass sie oft das doppelte oder dreifache der Versicherungssumme hätte investieren müssen. Sie habe sich in unzähligen Telefonaten mit der Versicherung „wie eine Bittstellerin“ gefühlt. In einer Situation, in der sie über Nacht ihre berufliche Existenz verloren hatte.

 Marotz erklärt, bei zwei weiteren versicherten Betrieben war schnell klar, dass es weitergehe. Das erleichterte die Regulierung. Jeder Kunde mit Unterbrechungsversicherung habe eine Schadensminderungspflicht. Dazu gehört, schnell Alternativen zu suchen. Dennoch habe die Provinzial bis Februar schon gut fünf Monatsbeträge überwiesen. Nach einem halben Jahr habe man auch mal nachgehakt, wie intensiv die Café-Betreiberin sich umhörte: „Es war unsere Pflicht, sie darauf hinzuweisen, dass sie sich kümmern muss.“ Dennoch kann Marotz nachvollziehen, „dass das Gefühl entsteht, ein Bittsteller zu sein“.

 Rita Riese-Tick hätte sich von ihrer Versicherung eine Einzelfallbetrachtung gewünscht, in der ihr Alter oder die lange Verbundenheit berücksichtigt wird. Was sie verloren hat, kann niemand mit Geld aufwiegen, sagt sie. Geblieben ist ihr das Hinweisschild auf das Café. Und ein Messbecher aus Metall, mit dem sie schon als Kind Zutaten abmaß.

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Ein Artikel von
Kerstin von Schmidt-Phiseldeck
Redaktion Lokales Kiel/SH

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