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Rätselhaftes und Kurioses

Gettorf Rätselhaftes und Kurioses

Um ihn ranken sich dramatische, geheimnisvolle und kuriose Geschichten: Der weit über 500 Jahre alte Turm der St.-Jürgen-Kirche gilt als Wahrzeichen der Gemeinde.

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Der Kirchturm von St. Jürgen gilt als ein Wahrzeichen Gettorfs, in dessen gut 500-jähriger Geschichte sich allerhand dramatische, kuriose und geheimnisvolle Begebenheiten ereigneten.

Quelle: Jan Torben Budde

Gettorf. Ihm ist sogar ein Gedicht gewidmet, das der ehemalige Bürgermeister Burckhard Kasten über das 64 Meter hohe Bauwerk geschrieben hat: Aus allen Himmelsrichtungen kann man ihn sehen, auf Felsgestein erbaut, auf einer Anhöhe stehen. Dabei lohnt nicht nur der Blick auf, sondern auch vom Turm. Auf Anfrage werden Führungen angeboten. Einen Einblick in seine bewegte Geschichte geben Artikel, Dokumente, Ansichtskarten, Kalender und Bilder im historischen Archiv in Gettorf.

 Keine poetischen Ergüsse, sondern Bücher, Bilder und Schriftstücke schlummern in der Mühle „Rosa“. Beim Durchforsten von Fotoalben und Aktenordnern können Werner Johannsen, Jürgen Maag, Walter Stange und Rainer Feddersen aus der ehrenamtlichen Archivgruppe die Kirche durch ein Fenster sehen. Den Unterlagen zufolge stand das Gotteshaus schon 1319. Der Bau des Turms begann aber erst 1438. Gut 50 Jahre dauerte der Kraftakt – bis 1491.

 Schon bald war das Dach (zu) heiß begehrt. „Im Dreißigjährigen Krieg haben die Schweden die Eindeckung geklaut“, so Maag und Johannsen. Die Soldaten benötigten das Blei für Munition. Deshalb sei der Turm 1649 erstmals mit Holzschindeln eingedeckt worden. Da dann Kriege und Krankheiten das Land beutelten, wurde die Kirche lange Zeit vernachlässigt. Johannsen: „Es wurde ernsthaft erwogen, den Turm der Kirche abzubrechen.“ Das war 1822. Der Kelch ging an ihm vorüber. Stattdessen wurde der Turm während der Schleswig-Holsteinischen Erhebung (1848 bis 1851) aufgestockt: Ein Zimmermann baute eine Holzkonstruktion auf der Spitze, um von dort dänische Kriegsschiffe in der Eckernförder Bucht zu beobachten.

 Vor rund 100 Jahren wäre der Kirchturm fast den Flammen zum Opfer gefallen. „Der Meierhof brannte“, so Jürgen Maag, „fliegende Funken übertrugen das Feuer auf die Holzschindeln.“ Aufzeichnungen zufolge ließ der Frost im Januar 1913 das Löschwasser in den Schläuchen gefrieren, weshalb Handwerker mit Beilen und Äxten das Dach retteten. „Der Funkenflug verbrannte den Mantel meiner Mutter, die das Feuer als Kind sah“, erzählt Jürgen Messer, der mitunter im Archiv zu Gast ist. Dem Gettorfer fällt noch eine Anekdote ein: Auf dem Kirchturm wurde früher an Silvester trompetet. Einmal warteten die Bürger jedoch bis nach Mitternacht auf den Hörgenuss. „Ein Spaßvogel hatte die Zeiger der Turmuhr festgebunden“, so der 82-Jährige.

 Sogar ein Geheimnis hütet der Kirchturm. Was Keile, Haken und bildhafte Figuren in Findlingssteinen an der Süd- und Westseite bedeuten, ist Maag zufolge bis heute ungeklärt – schon 1967 wurde in einem Artikel über die „merkwürdigen Zeichen“ spekuliert. Heidnische Symbole? Oder war es der Baumeister? „Es ist ein Rätsel“, so der 70-Jährige.

 Unterdessen betrachtet Walter Stange alte Fotos, worauf Handwerker zu sehen sind, die 1935 das Kirchturmdach neu eindeckten. Im Fahrstuhl Marke Eigenbau – ein Bootsmannstuhl – hievten sich die Männer hinauf. Vor drei Jahren waren wieder Dachdecker im Einsatz. 55000 Schindeln kamen auf den Kirchturm. „Es ist ein Wunder, dass wir die Sanierung so fein hinbekommen haben“, sagt Pastorin Christa Loose-Stolten angesichts großer Spendenbereitschaft. „Gettorf verändert sich, der Kirchturm bleibt.“ Wer ihn besichtigen möchte, kann sich an Ehemann Karl-Heinz Loose wenden: Tel. 04346/938820.

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