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Prost Neujahr – ohne Alkohol

Hilfe bei Suchtproblemen Prost Neujahr – ohne Alkohol

Rotwein zur Weihnachtsgans oder ein Glas Sekt zu Silvester? Dieter Stropp lässt seit über 21 Jahren die Finger vom Alkohol. „Ich habe früher gesoffen“, sagt der 65-Jährige ohne Umschweife. Im Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe in Gettorf unterstützt er Menschen, die Suchtprobleme haben.

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Lässt seit über 20 Jahren die Finger vom Alkohol: Dieter Stropp ist Moderator des Freundeskreises für Suchtkrankenhilfe in Gettorf. „Wir weinen und lachen zusammen“, sagt der 65-Jährige.

Quelle: Jan Torben Budde

Gettorf/Haby.  Stropp zog im Oktober 1994 die Reißleine: Auslöser war sein Zusammenbruch an einer Autobahnraststätte bei Remscheid. „Ich war mit 4,75 Promille gefahren“, denkt er zurück. Es folgte eine Entgiftung in Eckernförde. Zwei bis drei Flaschen Wodka hatte Stropp zuletzt getrunken – täglich. Lange Zeit bestimmte der Alkohol sein Leben. „Meinen ersten Brand hatte ich zur Konfirmation“, erzählt der gelernte Elektroinstallateur, der von der Westküste stammt, „doch das Saufen habe ich bei der Marine gelernt.“ Es sei in den 70er Jahren nicht ungewöhnlich gewesen, mit Restalkohol zum Dienst zu erscheinen. Ob nun Kummer, Schüchternheit, Gruppenzwang oder lässige Cowboys in US-Filmen mit Whisky und Zigarette: Anreize zum Trinken gebe es reichlich. Für Alkohol zahlte er bis zu 1500 Mark im Monat. Zudem fuhr Stropp zwölf Autos kaputt. „Ich habe ein Einfamilienhaus die Kehle hinuntergespült“, überschlägt er. Ihm habe niemand angesehen, wenn er zwei Promille hatte. Warnungen von Familie und Freunden ignorierte er, selbst als seine Frau mit Scheidung drohte und ihm ein Kollege ins Gewissen redete.

 Wirklich klar wurde Stropp das Suchtproblem in den 80er Jahren. „Ich funktionierte nicht mehr ohne Alkohol“, erzählt der Rentner, der im öffentlichen Dienst tätig war. Zitternde Hände, unkontrollierte Bewegungen und Sehschwächen nennt er als Anzeichen. Sobald er trank, verschwanden die Schwierigkeiten. „Der Kater ist übrigens die erste Form der Entzugserscheinung“, sagt er. Wann sollten die Alarmglocken läuten? Wer jeden Abend zwei oder mehr Gläser Wein trinke und feststelle, dass es mehr werde, der sollte seinen Konsum überdenken, so Stropp. „Und wenn man morgens eine Fahne hat und darauf angesprochen wird.“ Häufige Begründungen wie „ein anstrengender Job“ lässt der ausgebildete Suchtkrankenhelfer und Gruppenleiter nicht gelten.

 Laut Bundesministerium für Gesundheit verursachen Drogen und Suchtmittel in Deutschland erheblich gesundheitliche, soziale und volkswirtschaftliche Probleme. Nach repräsentativen Studien rauchen 14,7 Millionen Menschen, 1,8 Millionen sind alkoholabhängig und Schätzungen legen nahe, dass 2,3 Millionen von Medikamenten abhängig sind. Rund 600000 Menschen haben Probleme mit illegalen Drogen und gut eine halbe Million mit dem Glücksspiel. Zudem wird davon ausgegangen, dass etwa 560000 Menschen onlineabhängig sind.

 „Jeder darf zu uns kommen“, wirbt Stropp für die Selbsthilfegruppe in Gettorf, die etwa 20 Frauen und Männer von Anfang 40 bis Mitte 70 zählt. „Wir weinen und wir lachen zusammen“, sagt er, „es wird vorwurfsfrei gearbeitet.“ Ob Rückfall, Ärger im Beruf oder Familie – sämtliche Gespräche bleiben in den vier Wänden. Zudem stehen Theaterbesuche, Kegel- oder Grillabende auf dem Programm. Stropp hat die Alkoholsucht lange besiegt. Eine Begebenheit rührt ihn aber noch immer: „Irgendwann nahm mich mein Sohn in den Arm und sagte, dass er stolz auf mich ist.“

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