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Hof Kubitzberg in Altenholz Das Gleichgewicht gefunden

Er trinkt seinen Kaffee mit Genuss. Jedes Wort klingt überlegt. „Jeder hier hat seine Gabe, sein Talent“, sagt Andreas Andolfatto. Er fühle sich wohl auf Hof Kubitzberg. „Ich könnte mir vorstellen, bis zur Rente hier zu bleiben“, sagt er über die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen.

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Fühlt sich auf Hof Kubitzberg in Altenholz wohl: Andreas Andolfatto (32) arbeitet in dem Öko-Betrieb im Gemüseanbau, was ihm Halt im Alltag gibt.

Quelle: Jan Torben Budde

Altenholz. Hinter ihm liegt ein steiniger Weg – mit Ängsten, Drogen und Aufenthalten in der Psychiatrie.

Aus dem Hühnerstall ist Gackern zu hören. In Sichtweite ruckelt ein Traktor über das Feld. Getreide, Gemüse und Futter werden auf dem Öko-Hof angebaut. Zudem leben Rinder und Gänse in dem landwirtschaftlichen Betrieb, bei dem es sich um eine Betriebsstätte der Schleswiger Werkstätten handelt, die wiederum eine Einrichtung der Norddeutschen Gesellschaft für Diakonie ist. Laut Betriebsleiter Christian Oberländer-Wille arbeiten dort 60 Frauen und Männer mit psychischer Erkrankung – einer von ihnen ist Andreas Andolfatto.

Einige Zeit lebte der junge Mann sogar auf dem Hof, doch seit Mai hat er eine eigene Wohnung in Altenholz. „Dort fühle ich mich wohl“, sagt Andolfatto. Jeden Morgen geht er zum Hof Kubitzberg, um von 8.15 bis 15 Uhr im Gemüsebau zu arbeiten. Er genießt dort die Idylle mit Wald und Wiesen. „Ich kann Pausen machen, wenn ich möchte“, sagt er. Er spricht von einer sozialen Gemeinschaft und einem verständnisvollen Umgang. Er bestreite seinen Lebensunterhalt mit dem Lohn für seine Tätigkeit, Kindergeld und Grundsicherung als Zuschuss. Seine Medikament bringe ihm ein ambulanter Pflegedienst, denn Andreas Andolfatto hat nach eigener Aussage eine seelische Behinderung. Diagnose: Schizophrenie.

Der Vegetarier beschreibt sich als sensiblen, intuitiven Menschen, dessen Gedanken oft um Probleme wie Krieg, Massentierhaltung, Konsum, Größenwahn und die Oberflächlichkeit in der Gesellschaft kreisen. So engagierte er sich in der kapitalismuskritischen Occupy-Bewegung. Unterdessen zählten Lärm, Zeitdruck, Stress und Prüfungsangst stets zu seinen größten Feinden. „Uhren machten mir schon als Kind Angst“, erzählt der gebürtige Kieler. Er schaffte trotzdem die Fachhochschulreife und leistete dann Zivildienst. Eine Ausbildung absolvierte Andolfatto aber nicht.

Mit 18 Jahren schlittert der junge Mann in den Drogensumpf. Es beginnt mit Marihuana. „Später kamen Ecstasy, Kokain und Heroin dazu“, verrät er. Er leidet unter Schlafstörungen und Albträumen. Doch der Naturfreund redet sich ein, dass die Drogen sein Bewusstsein schärfen. Das Gift löst eine regelrechte Gier nach der Natur aus. Nachts macht Andolfatto lange Spaziergänge. „Ich bin kilometerweit gegangen“, erzählt er. Auch um Lärm und Hektik der Stadt zu entfliehen. Denn ob nun Straßenverkehr oder Mensa-Job – die Geräuschkulisse belastet ihn. Mit 23 Jahren kommt er in Kiel erstmals in die Psychiatrie. „Das war hart für mich“, denkt Andolfatto zurück, „ich kam mir vor wie im Gefängnis.“  Bei seinem dritten Klinikaufenthalt stößt er in einer Broschüre auf Hof Kubitzberg. „Ich habe jetzt ein neues Gleichgewicht“, sagt Andolfatto.

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