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Langes Warten auf die Familie

Flüchtling in Kosel Langes Warten auf die Familie

Dem Krieg entkommen, aber die Angst um die Familie, die auch nach Deutschland kommen sollte, bleibt. Der Angehörigennachzug für anerkannte Asylbewerber wird zur unerträglichen Hängepartie. Familien drohen zu zerbrechen. Ein Beispiel ist die Geschichte von Bassam Shamoun (35), der in Kosel lebt.

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Bassam Shamoun zeigt auf dem Tablet sein Haus in der Nähe der Front. Die Familie lebt weiter in großer Angst. Marx Harder und Jan-Friedrich Conrad aus Kosel (v.l.) betreuen Familienväter, die auf den versprochenen Nachzug hoffen.

Quelle: Cornelia Müller

Kosel. Shamoun blickt angespannt auf das Tablet und zeigt die Frontlinie in Damaskus und wie nah das Haus seiner Familie ist. „Ich habe große Angst um meine Frau Rania und unsere kleine Tochter“, sagt er. „Losiana ist 16 Monate. Am 23. Juni 2015 habe ich sie zuletzt in den Armen gehabt. Ich muss wohl akzeptieren, dass wir uns frühestens Ende 2017 sehen. Wenn überhaupt jemals.“

 Rückblende: Shamoun ist Jurist – und Christ. Ein Jesus-Tattoo zeigt das unmissverständlich. Seine Ehefrau (heute 28) ist schwanger. Beide leben in Damaskus. IS-Kämpfer würden ihn und die Familie töten. Die Front rückt näher. Männer seines Jahrgangs werden jetzt als Reservisten eingezogen. Als das Baby da ist, bereitet Shamoun alles vor. Als Asylbewerber könnten Syrer in Deutschland binnen drei Monaten den Nachzug beantragen, heißt es. Er klopft alles genau ab, überträgt Rania Eigentumsrechte, klärt das Sorgerecht. Die gefährliche Flucht übers Mittelmeer nimmt er mit Ranias Zustimmung auf sich. Ihr und dem Baby will er das nicht zumuten. Im August 2015 erreicht er Deutschland. Shamoun wird der Gemeinde Kosel zugewiesen. Der Willkommenskreis kümmert sich um ihn und die anderen neun Flüchtlinge. Jeder hat einen Paten. Er ist hoch motiviert, paukt wie verrückt Deutsch, ist dankbar für jede Hilfe, will sich schnellstens integrieren. Mitte Januar 2016 ist sein Asylgesuch anerkannt. Er beantragt den Nachzug, wie es die Ausländerbehörde rät, liefert alle Papiere. Über Email und Skype hält er Kontakt mit Rania und Losiana, die ständig das Geschützfeuer hören. Im März hat er Kontakt mit der deutschen Botschaft in Damaskus. Nachzugsanträge könnten erst ab Frühjahr 2017 bearbeitet werden, heißt es. Seine Betreuer Marx Harder und Jan-Friedrich Conrad in Kosel glauben an einen Irrtum. Sie schreiben Ende Mai an Ministerpräsident Torsten Albig (SPD).

 Zweienhalb Wochen später antwortet die Staatskanzlei: „Dem zuständigen Auswärtigen Amt sind dieses Problem und auch die Folgeeffekte für die Menschen, die ihre Familie zurücklassen mussten, bewusst. Dort wird massiv auf eine Verbesserung der Situation hingewirkt.“ Daher errichte die Internationale Organisation für Migration (IOM) jetzt im Auftrag der Bundesregierung Büros in Istanbul, Gaziantep und Beirut mit insgesamt 48 Mitarbeitern. Sie würden Familien zügig zum Gespräch einladen, Anträge prüfen und Vorbereitungskurse anbieten. Man habe die angespannte Lage erkannt und reagiert.

 Das klingt gut. Die Tatsachen sind andere. Harder: „Die ersten uns bekannten Termine für Familien, bei der IOM vorzusprechen, datieren auf September 2017. Diese Familienväter sind länger als Bassam anerkannte Asylbewerber. Nach unserer Kenntnis folgen nach dem Gespräch weitere Monate Ungewissheit. Uns scheint fast, dass der Nachzug aus politischen Gründen verzögert wird. Das wäre unmenschlich.“

 Bassam Shamoun streicht übers Tablet. „Vielleicht kehre ich zurück. Dann bin ich bei Rania und Losiana, wenn alles ganz schlimm wird“, sagt er. „Es ist zu schwer zu hoffen, wenn man sein Kind auf dem Screen aufwachsen sieht und jeden Tag Angst hat.“

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Ein Artikel von
Cornelia Müller
Eckernförder Nachrichten

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