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Einblick in dunkelste Seelen

Lesung Heinz Strunk Einblick in dunkelste Seelen

Bestseller-Autor Heinz Strunk hat am Mittwochabend in der Stadthalle Eckernförde aus „Der goldene Handschuh“ gelesen. Vor 200 Zuschauern ließ er die Figuren aus der Geschichte rund um Frauenmörder Fritz Honka regelrecht wieder auferstehen. Düster, grell, komisch und traurig zugleich.

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Der in Harburg geborene Heinz Strunk liest aus dem Buch „Der goldene Handschuh“ mit echtem Hamburger Slang.

Quelle: Kai Pörksen

Eckernförde. Auf seinem linken Mittelfinger ist ein Anker tätowiert, am Handgelenk glänzt eine goldene Kette und eine goldene Uhr. Das passt alles gut, denn Bestseller-Autor Heinz Strunk hat aus Hamburg eine Geschichte von St. Pauli mitgebracht: „Der goldene Handschuh“.

„Der goldene Handschuh“ ist eine Kneipe, in der Frauenmörder Fritz Honka Anfang der 1970er-Jahre seine Opfer suchte. Die Geschichte ist düster, grell, komisch und traurig zugleich, und vor allem ist sie nichts für Zartbesaitete. Strunks Wortwahl ist ebenso drastisch wie das Milieu, in das er aus Recherchegründen eintauchte. 150 „Sitzungen“ absolvierte der in Harburg geborene Autor in der Kaschemme im Rotlichtviertel von Hamburg, und das will etwas heißen. Die Kneipe ist sieben Tage die Woche 24 Stunden geöffnet, der Fußboden klebt permanent, in den Ecken sitzen finstere Gestalten, Alkohol fließt in Strömen, abstruse Weltansichten bestimmen die Gespräche.

Vielseitiges Talent: Heinz Strunk schreibt, liest und musiziert gleichermaßen erfolgreich.

Quelle: Kai Pörksen

„Der Laden wird in dritter Generation geführt“, so Strunk, ab und zu werde er renoviert, aber nur so, dass es keiner merke. „Da sitzen einige Leute 20 Stunden und trinken bis zum Umfallen. Andere fallen drei Tage nicht um, obwohl sie schon tot sind. Das hat wegen der Schichtwechsel bloß keiner gemerkt“, erzählt Strunk.

In der Kneipe lässt er in seinen „Sitzungen“ die Dialoge und oft auch Monologe der Gäste auf sich wirken. Das ist Teil eins der Recherche. Ein weiterer Teil ist der Besuch des Staatsarchivs Hamburg, in dem er Einblick in die 18 Prozessordner des Falls Honka bekommt. „Ich glaube, ich war der erste, der dort nach so langer Zeit hineingeschaut hat“, so der Autor.

Der „Goldene Handschuh“ ist das Auffangbecken gestrandeter Menschen. Der eine wird „Leiche“ genannt, weil er so hinfällig aussieht. Ein anderer „Soldaten-Norbert“, weil er ein ehemaliger SS-Offizier ist. „Anus“ ist der Spitzname des Kellners, der eigentlich Arnold heißt. Alle lachen über seinen Spitznamen – auch der Kellner selbst, der aber nicht weiß, was er bedeutet. Und schließlich ist da auch Fiete, der Fritz Honka ist. Er nimmt ab und zu eine arme weibliche Seele mit in sein Zuhause, das gerade einmal 18 Quadratmeter groß ist und so schmutzig, dass nur ein Abriss für eine Bereinigung sorgen könnte.

Und irgendwann einmal läuft bei ihm alles aus dem Ruder. Vom Alkohol beseelt ist nicht nur er, sondern auch Opfer Gerda, Geilheit und Abscheu halten sich gegenseitig die Waage, und bald riecht es in der Wohnung nach Verwesung. In der Abseite liegen die zersägten Leichen, und Gerda gehört nun dazu. Strunk liest nicht nur vor seinen etwa 200 Zuhörern, er lässt seine Figuren regelrecht wieder auferstehen. Die Besucher seiner Lesungen werden sich höchstwahrscheinlich zukünftig mit dem in den 70er-Jahren üblichen „Honkagruß“ begegnen: Man gibt sich die Hand und vollzieht sägende Bewegungen. Ein bisschen Schauder gehört zum Leben halt dazu.

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