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Der Himmel ist nicht überall blau

Eckernförde Der Himmel ist nicht überall blau

Der Sand ist weich, die Koffer sind schwer. Schon nach wenigen Schritten stehen erste Schweißperlen auf der Stirn. Doch Sana Ghobbeh ist zäh. Zwei Stunden lang zieht die 31-Jährige die beiden Gepäckstücke unter sengender Sonne über den Eckernförder Strand. Eine Performance, die für Aufmerksamkeit sorgt. Und genau das bezweckt die junge Künstlerin aus dem Iran.

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Schweißtreibende Performance: Um auf die Situation von Flüchtlingen aufmerksam zu machen, zog die Künstlerin Sana Ghobbeh mehrere Stunden lang zwei schwere Koffer durch den Sand des Eckernförder Strandes.

Quelle: Uwe Rutzen

Eckernförde. „Mein Vater pflegte zu sagen, dass der Himmel stets dieselbe Farbe hat. Egal, wohin man geht“, erzählt die zierliche Frau, die in Teheran geboren und aufgewachsen ist. Sie hat dies im Kindesalter als Symbol von Gleichheit verstanden. Später habe sie herausgefunden, dass der Himmel verschiedene Farben haben kann. Einige Menschen würden unter einem roten Himmel leben: „Sie werden in Armut, Ungerechtigkeit, Unfreiheit, Krieg und Blut geboren. Sie werden in Rot geboren.“

Sana Ghobbeh hat sich in Rot gekleidet, als sie sich in der Nähe des Ostsee-Info-Centers aufmacht, zwei rote Koffer durch den Sand zu ziehen. Nacheinander. Zunächst den einen ein Stück, dann geht sie zurück, um den anderen zu holen. Das wiederholt sich einige hundert Mal. Die Künstlerin keucht hörbar. Die Schritte werden kürzer und langsamer. Sana Ghobbeh geht an ihre Grenzen. Doch ans Aufgeben denkt sie nicht. Viele tausend Menschen haben das auch nicht getan, als sie auf der Flucht das Mittelmeer überquerten, um auf der Suche nach Schutz vor Krieg und Verfolgung ins vermeintlich sichere Europa zu gelangen. Viele von ihnen ertrinken. Und die es schaffen, müssen als Asylsuchende unter teils unwürdigen Bedingungen in Lagern ausharren. „Das ist eine menschliche Tragödie“, sagt die Künstlerin. Mit ihrer Performance will sie versuchen, für einige Stunden ganz persönlich nachzuvollziehen, was die roten Menschen durchmachen, wenn sie ihr ganzes Leben in wenige Koffer packen, auf der Suche nach einer glücklichen Zukunft.

Dabei weiß Sana Ghobbeh selbst nicht, wie es mit ihr weitergeht. Zwei Jahre lang hat sie in Schweden an einem wissenschaftlichen Projekt mitgewirkt. Dafür, so erklärt Norbert Weber aus dem Vorstand des Schleswig-Holsteinischen Künstlerhauses „Otte 1“ in Eckernförde, besaß sie eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, die auch für Deutschland gilt. Doch das Visum läuft am 31. August aus. Es zu verlängern, ist nicht so einfach, wie vermutet. Erhält sie nicht bis zum Wochenende eine Genehmigung der Behörden, hierbleiben zu dürfen, muss sie zurück nach Teheran, um dort ein neues Visum zu beantragen. Dabei wollte sie als Stipendiatin noch bis Ende November in „Otte 1“ bleiben, um danach für zwei Semester in Brüssel zu studieren.

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Ein Artikel von
Uwe Rutzen
Ressortleiter Eckernförder Nachrichten

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