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Schliemann stellt Standort Trojas in Frage

Eckernförde Schliemann stellt Standort Trojas in Frage

„Ist Troja schon gefunden?“ Diese Frage stellt nicht irgendjemand, sondern Ernst Schliemann, der Urgroßneffe des Troja-Entdeckers Heinrich Schliemann (1822-1890). Der ehemalige Marineoffizier, klassische Nautiker und passionierte Segler aus Eckernförde hat sich mit dem Vermächtnis seines berühmten Verwandten auseinandersetzt.

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Geheimnisvoller Ort: Tübinger Archäologen an der Ausgrabungsstätte von Troja in der heutigen Türkei.

Quelle: Carola Große-Wilde

Eckernförde/Hisarlik. Wie einst der Urgroßonkel nahm er Homers Geschichte vom Trojanischen Krieg beim Wort. Auf Basis der Angaben im Epos prüfte er, ob die beschriebene Schiffsreise der Griechen nach Troja für Menschen der Bronzezeit überhaupt machbar war. Das Resultat seiner Analyse: Entweder hatte sein Urgroßonkel unrecht und es muss neu nach Troja gesucht werden – oder Homers Angaben müssen korrigiert werden.

 In diesem Februar hat Ernst Schliemann (66) seine Machbarkeitsstudie den Archäologen der Texas A&M Universität in College Station vorgestellt. In ihr untersucht der Experte, ob mit Schiffstechnik der bis 1200 v. Chr. andauernden Bronzezeit bei den vor den Dardanellen herrschenden Windverhältnissen die Fahrt nach Troja möglich war. „Darstellungen und Zeugnisse ergeben, dass Schiffe damals einen Mast mit Rahsegel und keinen Kiel hatten. Die Möglichkeit gegen den Wind zu segeln, gab es nicht. Hieraus ergibt sich, dass die aus Süden kommende griechische Flotte von jedem stärkerem Nordwind – die vorherrschende Windrichtung vor den Dardanellen – nach Süden abgetrieben worden wäre.“ Doch an der türkischen Küste vor der Dardanellen-Meerenge hätte sie nach Ansicht des Urgroßonkels ankommen müssen. Auf dem küstennahen Hügel von Hisarlik hatte Heinrich Schliemann nach eigenen Angaben in den 1870er Jahren Troja wiederentdeckt. Er habe damals die Lagebeschreibung Homers wörtlich genommen, um den Ort zu finden.

Ernst Schliemann hat Homers Bericht über den Trojanischen Krieg kritisch geprüft. Er ist sich jetzt nicht mehr sicher, dass sein Verwandter tatsächlich Troja gefunden hat.

Quelle: Rainer Krüger

 Ernst Schliemann prüfte auch die Möglichkeit, ob die laut Homer 1168 Schiffe große Flotte des Königs Agamemnon nach Hisarlik gerudert worden sein könnten. Daran hegt er Zweifel. „Die mittlere Distanz zwischen den Ausgangspunkten der Flotte im südlichen Mykene und der Besikbucht bei Hisarlik beträgt 430 Kilometer. Bei einer realistischen Rudergeschwindigkeit von 3,7 Kilometern pro Stunde würde dies einen Zeitbedarf von 120 Stunden ohne Unterbrechung bedeuten. Dabei muss ein Teilstück von 250 Kilometern offener See überbrückt werden, wobei keine Pausen durch Ankern eingelegt werden können, da die Wassertiefen um 200 Meter liegen.“

Liegt Troja an der türkischen Südküste?

Eine alternative Route entlang der griechischen Küste wäre mit 1100 Kilometern zwar deutlich länger gewesen. Sie hätte den Vorteil gehabt, dass abends und bei Schlechtwetter Unterbrechungen möglich gewesen wären. Doch auch sie hält Ernst Schliemanns für unrealistisch. „Wo man jedoch Anker- und Liegeplätze für 1168 Schiffe finden will, bleibt offen“, formuliert er. „Wenn die Griechen diese Route nahmen, muss ihre Flotte wesentlich kleiner gewesen sein.“ Für 30 bis 100 Schiffe mit 1500 Männern wäre die Fahrt machbar gewesen. Wie selbst diese Angreiferzahl zehn Jahre – so lang dauerte laut Homer der Krieg – vor Hisarlik hätte überleben können, ist für Ernst Schliemann allerdings noch ungeklärt. Aus nautischer Sicht scheint ihm jedoch eine andere Reise der Flotte möglich. Dann hätte ihr Weg allerdings angesichts der Wetter- und Strömungsbedingungen einer Ost- oder Westrichtung folgen müssen. Dann wäre das Erreichen der türkischen Südküste möglich gewesen. „Dort wurden schon Schiffe aus der Bronzezeit gefunden“, weiß er. Aus Sicht des Nautikers könnte Troja auch dort liegen.

 Schliemann hofft, mit der Studie die Troja-Forschung neu anzuregen. Das würde weitere Ausgrabungen einschließen. „Bei Hisarlik wurden bisher keine Überreste eines Hafen gefunden. Ihn hätte Troja aber benötigt, wenn es den Zugang zu den Dardanellen kontrollierte.“ Auch Untersuchungen an der türkischen Südküste oder Unterwasserausgrabungen könnten neue Erkenntnisse bringen: „Wenn ein bronzezeitliches Schiff mit Kiel entdeckt wird, würde Homers Beschreibung auch aus nautischer Sicht wahrscheinlicher.“

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