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Euthanasie Schüler hörten zu

Siegfried (2), Antje (4), Gebhard (4), Angelika (4), Hannelore (3). Fünf von 56 Namen getöteter Kindern in der Kinderklinik von Hamburg-Rothenburgsort (heutiges Institut für Hygiene und Umwelt). Eines einte sie: Sie hatten mittlere bis leichte Behinderungen. Und sie hatten keine Fürsprecher.

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Eines der 56 allein in Rothenburgsort bei Hamburg getöteten Kinder: Siegfried (4), mit einer Kinderkrankenschwester.

Quelle: Kai Pörksen

Eckernförde.  So waren sie leichte „Beute“ für die Nazis, die sie als unwertes Leben ansahen und auswählten, einen frühen Tod zu sterben.

 Am Eckernförder Jungmann-Gymnasium beschäftigten sich die neunten Klassen am Dienstag im Rahmen eines Fachtages mit dem Thema NS-Euthanasie. Gastreferent war Andreas Babel, Journalist aus Celle, der im Rahmen von Recherchen über dieses Thema auch auf eine Eckernförder Ärztin stieß: Emma Lüthje aus dem Borbyer Liliencronweg (1912 - 1995). Sie zählte zu einem 13-köpfigen Ärzteteam, von denen neun bei der Tötung von Kleinkindern eifrig mitmachten. Vier Ärzte widersetzen sich der Anordnung, Sanktionen hatten sie nicht zu befürchten. Denn das Befolgen der Anordnung war freiwillig. Die Neun handelten also aus voller Überzeugung.

 Babel stieß über ein Bild Hitlers mit seinem Adjutanten Fritz Darges, aufgenommen auf dem Berghof, auf das Thema. Dessen Frau war Helene Sonnemann, eine angesehene Ärztin nach dem Krieg in Celle (1911 - 1998), ein Mitglied der „Gesellschaft“. Sie wurde später in den 1960er Jahren Leiterin des dortigen Kinderkrankenhauses. „Ich habe mich gefragt, wieso nicht schon längst jemand über diese Geschichte gestolpert war“, so Babel.

 Gemeinsam mit Emma Lüthje aus Eckernförde und anderen Ärzten des Rothenburgsorter Kinderkrankenhauses sitzt sie beim vergnüglichen Kaffeetrinken im Park. Sie haben den Eid des Hippokrates geschworen, doch für die kleinen Kinder gilt nicht der Schwur, das Leben um jeden Preis zu erhalten. Und das bis zum Schluss: Die oben erwähnte Hannelore, kaum drei Jahre alt, wurde noch zehn Tage vor Kriegsende 1945 geopfert.

 Die Methode war perfide: So wurde beispielsweise das Schlafmittel Luminal in einer Dosis verabreicht, die zu einer Lungenentzündung führte. Und da diese dann nicht behandelt wurde, starben die Kinder. Ein kaum nachweisbares Verbrechen, dass zumeist erst durch freiwillige Eingeständnisse der Ärzte später zu Tage kam. Einer Schuld waren sie sich nicht bewusst.

 Repressalien nach dem Krieg hatten die Mediziner kaum zu befürchten. „Wieso nicht?“, fragen die Schüler. Die Antwort: Fachärzte wurden gebraucht, auf sie konnte nicht verzichtet werden bei Millionen zu versorgenden Menschen. Doch die Geschichte der Eckernförderin sprach sich herum.

 Wieso haben sich die Ärzte aber dazu hinreißen lassen? Dazu gebe es mehrere Theorien, so Babel. Da sei einmal der Wunsch nach Karriere gewesen, der zu vorauseilendem Gehorsam geführt haben könnte. Hinzu sei die Nazi-Ideologie gekommen. „Der behinderte Mensch wurde nicht als Mensch gesehen, sondern als Sache. Damit legitimierte sich die Täter selbst sein Handeln“, versucht Babel eine Erklärung. Still war es in der Aula des Schulzentrums, vor allem bei der Information, dass die Ärztinnen auch nach dem Krieg noch aktive Sterbehilfe angeboten haben sollen.

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