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Selbstheilungskraft der Küste

Steilküste in Schwedeneck Selbstheilungskraft der Küste

Wild, bizarr und zerklüftet: Die Steilküste von Schwedeneck wird von Erosion geprägt und präsentiert sich in ständigem Wandel. Dr. Klaus Schwarzer (61) vom Institut für Geowissenschaften der Kieler Christian-Albrechts-Universität erklärt, warum in diesem Abschnitt so viel Leben steckt.

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Klaus Schwarzer vom Institut für Geowissenschaften der Kieler Uni hat sich auf Küstengeologie spezialisiert.

Quelle: Kerstin v. Schmidt-Phiseldeck

Schwedeneck. Küstengeologie ist seit mehr als 30 Jahren der Schwerpunkt des Wissenschaftlers. Er forscht dazu vor allem in Nord- und Ostsee, im Südchinesischen Meer, in der Andamanensee und im Nordosten Brasiliens. Bis zu einen halben Meter pro Jahr weicht die Steilküste im Bereich Schwedeneck zurück, erklärt Schwarzer. Der Abbruch ist allerdings sehr variabel: Manchmal verschwinden nur wenige Zentimeter, in anderen Jahren kann es ein Meter sein: „Ein starker Nordoststurm zusammen mit einem Hochwasser bewirkt viel.“ Vor allem im Winter sehen Spaziergänger die Folgen, zum Beispiel im Abschnitt bei Dänisch Nienhof: Baumstämme und Erdklumpen zeugen am Strand von Abgängen, manchmal auch ganze Geröllhalden am Fuße des Hangs.

Das Kliff der Steilküste besteht aus Material der letzten Eiszeit: Grauer, zäher Geschiebemergel, der auch mal Steine enthält oder Risse bildet, prägt die Hänge. Braunrote Partien entstehen durch herausgelöstes und an der Luft oxidiertes Eisen: „Es rostet.“ In Schwedeneck fallen zudem die vielen – helleren – Sandschichten auf: Diese Schmelzwassersande sind Spuren von längeren Tauperioden in der Eiszeit und an ihrer gleichmäßigen Schichtung zu erkennen. Die hohen Sandanteile machen die Steilküste bei Schwedeneck so lebendig, erklärt der Geologe: Denn Sand erodiert viel leichter als der Geschiebemergel. Außerdem ist dieser Küstenabschnitt sehr exponiert und der Welleneinwirkung bei Stürmen aus Nordost ausgesetzt.

Frische Abbrüche an der Steilküste verunsichern Spaziergänger schon mal: Kann da noch mehr rutschen? Wie nah darf ich ans Kliff? Grundsätzlich ist die Steilküste bei Schwedeneck aber viel stabiler hinsichtlich plötzlicher großer Ausbrüche als zum Beispiel die Kreidefelsen von Rügen, die in einigen Bereichen durch vorgefertigte Risse leicht abbrechen, erklärt Klaus Schwarzer. Auch das Brodtener Ufer bei Lübeck bringt durch seine Entstehungsgeschichte mehr vorgeprägte Instabilität mit: Es wurde von zwei Gletscherzungen in die Zange genommen.

Dennoch: Wenn es friert und wieder taut, sollte man in Schwedeneck vorsichtiger unterwegs sein, etwas Abstand zum Hang halten. Die Gefahr eines Abbruchs innerhalb von Minuten sei aber geringer: „Hier rutscht es eher als dass die Küste von oben abbricht“, erklärt der 61-Jährige. Dabei spielt Feuchtigkeit eine wichtige Rolle: Sie sickert durch den Sand und staut sich auf wasserundurchlässigen Schichten. Liegen diese schräg zum Meer hin geneigt, kann ein Teil des Hanges rutschen. An der Steilküste in Dänisch Nienhof sieht man immer wieder solche abgesackten Schollen. Manche sind sehr groß und tragen Bäume, die dann schon mal etwas schräg stehen.

Der Geologe zeigt auf einige „hakenschlagende“ Bäume am Hang: Ihr Stamm macht eine Kurve – ein Zeichen dafür, dass der Hang hier ganz langsam rutscht. Denn die auffälligen Bäume hatten genug Zeit, ihre Wuchsrichtung zu ändern. Die Vegetation zeigt Spaziergängern auch, was im Boden steckt: Die Buchen in Dänisch Nienhof weisen auf viel Kalk hin. Nadelhölzer sind ein Indiz für eher sandigen Boden, erklärt Schwarzer.

Trotz der Abbrüche und Rückgänge bleibt das Profil einer Küste immer ähnlich, wenn der Mensch nicht ins Gleichgewicht eingreift, erklärt der Geologe. Material, das abbricht, gelangt zum Teil ins Wasser, wird woanders angespült und trägt dort wieder zum Küstenaufbau bei. „Die Küste hat eine gewisse Selbstheilungskraft“, sagt Schwarzer. Je flacher die Küste durch eingetragenes Material ist, desto weiter draußen brechen sich die Wellen – und umso stabiler bleibt der Bereich.

Küste in Bewegung

Die Küste ist weit mehr als nur eine Linie, erklärt der Geologe Klaus Schwarzer: Dazu gehört landseitig jene Fläche, die bei Sturmhochwässern überflutet werden kann, und unter Wasser der Bereich, wo sie den Meeresboden bewegen: „Das kann je nach Exposition der Küste bis zu 20 Meter Wassertiefe gehen.“ Der steigende Meeresspiegel – an Schleswig-Holsteins Ostseeküste waren es etwa 15 Zentimeter in den vergangenen 100 Jahren – sorgt dafür, dass auch künftig der Steiluferabbruch weitergeht. Von einem Kubikmeter Geschiebemergel, der von der Steilküste abbricht, bleiben vor allem die großen Steine und Kies vor Ort. Das feine Material wie Ton und Schluff wird ins Meer gespült. Kalk löst sich im Wasser. Sand wandert zum Teil entlang der Küste und baut an anderer Stelle schöne Strände und neues Land auf.

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Ein Artikel von
Kerstin von Schmidt-Phiseldeck
Redaktion Lokales Kiel/SH

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