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Seegras, der verkannte Tausendsassa

Eckernförde Seegras, der verkannte Tausendsassa

Auf der Klimale in Eckernförde zeigten findige Unternehmer, was man alles mit Seegras anfangen kann. Und manches davon hat bereits eine lange Tradition.

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Schlafen auf Natur gebettet: Kristian Dittmann aus Schwackendorf besinnt sich auf eine traditionelle Verwendung von Seegras aus der Ostsee. Er füllt das gereinigte und getrocknete Material in Kissen, Polster und Matratzen.

Quelle: Christoph Rohde

Eckernförde. „Ist das das Zeug, das am Strand rumliegt?“, fragt Sabine Ebel beiläufig. Doch dann findet Seegras und das, was man daraus machen kann, ihr Interesse. „So ein Kissen fühlt sich gut an“, sagt sie. Seegras wird bei Ostwind tonnenweise an den Strand gespült. Die Entsorgung kommt die Küstengemeinden teuer zu stehen.

 Sie wachsen vor der Ostseeküste, dort, wo das Sonnenlicht noch vordringt: Seegraswiesen. Unscheinbar unter Wasser wiegen sich die Halme in der Dünung. Doch Seegraswiesen sind mehr als ein Rasen auf sandigem Meeresgrund. „Biologisch bilden sie eine Oase in der Wüste“, sagt Meeresbiologe Kristian Dittmann. Sie sind schützende Kinderstuben für Fische, bremsen die Strömung des Wassers, vermindern die Erosion am Strand. Nicht zuletzt produziert Seegras den gerade für das Binnenmeer Ostsee wichtigen Sauerstoff. Am Boden entwickeln die Pflanzen ein dauerhaftes Wurzelgeflecht. „Es wurde schon ein tausend Jahre altes Wurzelwerk gefunden“, weiß Dittmann.

 Am Strand bietet sich ein anderes Bild. Nach starkem Ostwind türmt sich Seegras am Spülsaum, fängt an zu stinken, da es in den unteren Treibselschichten an Sauerstoff fehlt. Strandgäste und Touristiker mögen das nicht. Seegras wird abgefahren und zur Kompostierung gebracht. Allein in Eckernförde kamen vergangenes Jahr 1861 Tonnen zusammen. Kosten von fast 100000 Euro summierten sich. Dass man Seegras auch nutzbringend verwenden kann, zeigte das Klima-Festival Klimale.

 Dittmann, der Meeresbiologe, beispielsweise füllt in seiner Schwackendorfer Strandmanufaktur gereinigtes und getrocknetes Seegras in Kissen, Polster und Matratzen. „Seegras als Stopfwolle – das war bis in die 60er Jahre gang und gebe“, sagt er. „Dann kam die Chemie.“ Seegras ist für ihn ein hochwertiger Füllstoff aus der Natur. Er ist nach seinen Angaben milbenfrei, schimmelfrei und atmungsaktiv. Wer auf einem Seegras-Kissen schlafen möchte, muss allerdings einen gewissen Raschelfaktor einkalkulieren. Dafür riecht es dezent nach Strand und Meer.

 Seegras kann aber noch mehr: Jörn Hartje hat vor acht Jahren sein Haus mit den Meerespflanzen gedämmt. Seegras, sagt er, sei einer der ersten konventionell gehandelten Dämmstoffe. So wurde beispielsweise das in den 30er Jahren errichtete Rockefeller Center in New York mit dem Naturmaterial gedämmt. „Es brennt nicht, schimmelt nicht, ist frei von Zusätzen, lässt sich problemlos entsorgen und besitzt eine lange Lebensdauer“, sagt Hartje. Es gebe über 400 Jahre alte Häuser mit noch intakter Seegrasdämmung. Überzeugt von diesen Qualitäten, hat er inzwischen die Firma Seegrashandel aufgebaut. Laut Hartje reichen 20 Zentimeter Seegrasdämmung, um die aktuelle Wärmeschutzverordnung einzuhalten, 35 Zentimeter für den Passivhausstandard. Derzeit wird ein Feriendorf an der Ostsee mit dem maritimen Naturmaterial gedämmt. Auch aus Eckernförde würde Hartje Seegras abnehmen – „wenn die Qualität stimmt“.

 Seegras kann außerdem als Bodenverbesserer dienen. Und es lässt sich für den Küstenschutz verwenden. In Eckernförde gab es jüngst ein Pilotprojekt, bei dem Seegras zum natürlichen Unterbau für die Anlage einer kleinen Düne wurde. Doch noch ist Seegras ein Nischen-Produkt. Allerdings eines mit Potenzial – gerade an der Ostsee.

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Ein Artikel von
Christoph Rohde
Eckernförder Nachrichten

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