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Als Steckrüben die Hauptnahrung waren

Nachkriegsjahre in Gettorf Als Steckrüben die Hauptnahrung waren

Nachkriegszeit gleich Wirtschaftswunder? Mitnichten. Ende des Zweiten Weltkriegs prägten Not, Hunger und Flüchtlingselend die ersten Jahre. In der Gettorfer Mühle erzählten Zeitzeugen.

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Ursula Brügmann, Alida Templin und Christel Bahr (v.l.) berichten, wie sie die Nachkriegszeit in Gettorf erlebt haben. Sie gehören zu den Zeitzeugen, die sich noch an die Jahre von Flucht und Neuanfang erinnern können. Das Interesse an dem Abend ist groß: Gut 70 Besucher (unteres Foto) füllen die Mühle und lassen sich von einem Dokumentarfilm auf die Thematik einstimmen.

Quelle: Christoph Rohde

Gettorf. Immer weniger Zeitzeugen gibt es, die noch aus eigenem Erleben davon berichten können. In Gettorf nahm sich Freitagabend der Mühlen- und Verschönerungsverein des Themas an. Kein Stuhl war in der Mühle mehr frei, als Hans-Christian Sacht (82), Christel Bahr (82), Alida Templin (82) und Ursula Brügmann (85) von einer Zeit der Entbehrungen aber auch eines wieder aufkeimenden Lebensmuts berichteten.

 Ein Film von Kay Gerdes (NDR), Die Jahre danach, stimmte auf eine Zeit ein, die eine ganze Generation prägte. Vor 70 Jahren strömten Hunderttausende von Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten in das von Kriegsschäden weitgehend unversehrt gebliebene Schleswig-Holstein. Sie drängten sich in Notunterkünften und Baracken, froren in den eisigen Wintern 1946/47, litten unter Hunger und Diskriminierung. Am Schlimmsten war für die Älteren das Gefühl, dass sie in der neuen Heimat plötzlich „niemand mehr waren“. Anders empfanden die Kinder den Neuanfang.

 Ursula Brügmann gab einen bewegenden Einblick in das, was sie als Pommernmädchen auf der Flucht erlebte. Wie sie sich im Wald und auf Heuböden versteckte, wie sie mit ansehen mussten, wie ein Mädchen erschossen wurde, das „nicht gewillt war“. 1946 kam die Ausweisung – „an meinem Geburtstag, das werde ich nie vergessen“. Einem Strohlager in der Eckernförder Willers-Jessen-Schule folgte die erste Notunterkunft in Dibberns Gasthof. Lebhaft in Erinnerung blieb Brügmann eine gutmütige Bäuerin in Stubbendorf, die den Flüchtlingskindern einen Topf voll gekochter Kartoffeln schenkte, der gerade auf dem Herd stand. „Das sind wir mal richtig satt geworden.“

 Die Situation in Gettorf hatte Alida Templin weniger schlimm empfunden, als es der Dokumentarfilm über Schleswig-Holstein zeigte. Auch in der Wohldgemeinde gab es Flüchtlingsbaracken, das größte Lager befand sich in der Kirchhhofsallee. „Mit den einheimischen Kindern hatten wir keine Schwierigkeiten“, erzählte sie. Nur die Mütter, die hatten keinen Kontakt. „Gettorf“, sagte Templin, „das war meine Jugend“. Auch Christel Bahr bestätigte: „Wir sind zur Schule gegangen, da waren wir drin in der Gemeinschaft.“ Doch auch die Enge in den Baracken blieb im Gedächtnis haften: „vier Familien auf 20 Quadratmetern“.

 Experte in Sachen Gettorfer Nachkriegszeit ist Hans-Christian Sacht. Der 82-Jährige hatte bereits vor längerer Zeit diese prägenden Jahre aufgearbeitet, als sich Einheimische, ausgebombte Kieler und Flüchtlinge aus dem Osten ein Dorf teilten. 1939 zählte Gettorf 1770 Einwohner, 1946 waren es mit 4200 mehr als doppelt so viele. Die Not war groß. Für die Flüchtlinge gab es eine Toilettenbaracke mit Plumpsklos. War die Wäsche gewaschen, kamen anschließend die Kinder in die Seifenlauge. Zweimal wöchentlich wurde Wurstbrühe (ohne Wurst) ausgegeben. Hauptnahrungsmittel waren Steckrüben. Massenhaft gehaltene Kaninchen lieferten rares Fleisch, Felle für Kleidung und Mist für die Selbstversorgergärten. „Trotz der schlimmen Umstände, ließ sich die Bevölkerung nicht unterkriegen“, sagte Sacht.

 Man baute Tabak an, brannte schwarz Schnaps und erste findige Unternehmer wurden aktiv. So entstand in Gettorf eine Gerberei, die Kaninchenfelle veredelte, eine Zigarrenmarke namens „Gramlich Sonnenschein“, eine Tauschzentrale und eine Badeanstalt, in der man für ein paar Pfennige zehn Minuten in der Badewanne liegen konnte. Vereine und Verbände trugen laut Sacht dazu bei, viele Vorurteile zwischen Einheimischen und Flüchtlingen abzubauen. Schon früh erwachte ein gesellschaftliches Leben wieder mit Vogelschießen, Reit- und Fahrturnieren, Kino im Gasthof und Tanz (Winter-Eintritt: ein Brikett).

 Brigitte Rumpf, Moderatorin und Mitorganisatorin des Abends, kündigte an, dass aufgrund des großen Andrangs die Veranstaltung über die Nachkriegsjahre an anderer Stelle wiederholt werden soll. „Die Zeit ist reif, über diese Jahre zu sprechen“, sagte sie. „Wenn nicht jetzt, wann dann.“

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Ein Artikel von
Christoph Rohde
Eckernförder Nachrichten

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