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Wie „Carpool Karaoke“ die Medien bewegt

Michael Kessler Wie „Carpool Karaoke“ die Medien bewegt

„Baby, you can drive my car“: Immer mehr TV- und Hörfunkformate finden im Auto statt. Über die Intimität des Roadmovies.

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Michael Kessler richtet den Rückspiegel in „Sitzheizung gibt´s nicht“.

Quelle: DPA

Berlin. Den Rückspiegel gerichtet, die Handbremse gelöst, das Radio aufgedreht. Und los geht die Fahrt. Beschrieben wird hier nicht der morgendliche Weg zur Arbeit, sondern der Auftakt eines immer häufigeren Typs von Fernsehsendung.

Gerade hat Wil Smith auf dem Beifahrersitz gesagt, man habe ihn schon oft gefragt, ob er nicht Barack Obama spielen wolle. Und der Ex-Präsident selbst habe ihm merkwürdigerweise attestiert, für die Rolle die richtigen Ohren zu haben. Smith war jüngst zu Gast beim erfolgreichen US-Format „Carpool Karaoke“. Moderator James Corden bildet dafür mit Stars wie Katy Perry, Jennifer Lopez, Lady Gaga, Stevie Wonder, Elton John, Michelle Obama oder Madonna eine Fahrgemeinschaft auf Zeit, singt mit ihnen und entlockt ihnen manch privates Geständnis. Die Beatles-Zeilen „Baby you can drive my car / Yes I’m gonna be a star“ (Baby, du kannst mein Auto fahren / Ich werde ein Star sein) klingen da gleich ganz anders.

Auch im deutschen Rundfunk finden sich immer mehr Talk-Sendungen, die jenseits des Studios entstehen. Michael Kessler fährt in seinem neuen Format „Sitzheizung gibt’s nicht“ für ZDFneo Promis wie Bastian Pastewka, Carolin Kebekus oder Tim Mälzer durch die Gegend, und zum 90. Geburtstag von Martin Walser ließ sich der Schriftsteller für den SWR von Literaturkritiker Denis Scheck um den Bodensee chauffieren.

James Cordon kutschiert Elton John in „Carpool Karaoke“,

James Cordon kutschiert Elton John in „Carpool Karaoke“,

Quelle: dpa

Der Journalist und Moderator Jörg Thadeusz kutschiert ab dem 15. August (22.15 Uhr) für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) Politiker durch Berlin – eine „Fahrbereitschaft“ der anderen Art und Weise. Zum Auftakt dieser mobilen Reise zur Bundestagswahl gibt die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt die Mitfahrerin, es folgen Alexander Gauland (AfD), Christian Lindner (FDP) und Dietmar Bartsch (Die Linke). Vorbilder für die Sendung seien die österreichische Sendung „Wahlfahrt“ – und eben „Carpool Karaoke“, heißt es. Thadeusz kommentiert: „Ich habe als Sanitäter drei Jahre lang Menschen gefahren, die schlechter beieinander waren, als es meine Fernsehgäste – hoffentlich – sind.“

Weshalb boomt das mobile Talken? Die Autofahrt hebt die unfreiwillige Statik vieler Gesprächsformate auf. Im zwangsweise begrenzten Raum sitzen sich Interviewer und Interviewter nicht gegenüber, sondern fahren nebeneinander her durch die Landschaft. Der fehlende Augenkontakt vereinfacht das zwanglose Plaudern, das fehlende Publikum lockt selbst notorische Talkshowmuffel aus der Reserve. Das Autoformat öffnet dem Schüchternen die Tür, sich selbst zu öffnen. Wer nichts schlimmer findet, als sich vor Livezuschauern auszustellen, kann sich in der kleinen Kammer vielleicht aussprechen.

Jörg Thadeusz besorgt die Fahrbereitschaft für Politiker

Jörg Thadeusz besorgt die Fahrbereitschaft für Politiker.

Quelle: Twitter

Im Wagen ist man in der Öffentlichkeit und doch zugleich im halb privaten Raum, die eigentümliche Mischung bietet eine gute Grundlage fürs Gespräch. Das Auto sorgt zudem für eine ideale Interviewbeziehung: Der Fragesteller sitzt meist am Steuer und gibt so schon rein symbolisch die Richtung vor, gleichzeitig chauffiert und hofiert er den Prominenten. Das Schnurren des Motors ist meditativ, erlaubt Denkpausen ohne Druck, das stetig wechselnde Draußen inspiriert zum „Ich sehe was“-Spiel.

Die gemeinsame Autofahrt fühlt sich gleich ein bisschen nach Familienurlaub an, bei Pinkelpause und Streit ums Radioprogramm verschwindet der Alltag im Rückspiegel. Auch für den Zuschauer bieten diese Roadmovies eine ganz besondere Intimität. Geschult von filmischen Pendants wie „Knockin’ on Heaven’s Door“, „Thelma & Louise“ oder „Erbsen auf halb sechs“ weiß er: Nicht das physische Ziel ist wichtig, sondern der gemeinsam zurückgelegte Weg. Die Art des Fortbewegungsmittels ist dabei zweitrangig, das Fahren wird zum Selbstzweck.

Die Fahrgemeinschaft steigt nicht aus dem Auto aus, wie sie eingestiegen ist. Durch die geteilten Erlebnisse auf der Straße hat man sich ein ganz klein wenig in dieselbe Richtung entwickelt.

Der Zuschauer sitzt quasi auf der Rückbank und belauscht das vermeintliche Zwiegespräch. Da ist was in Bewegung.

Von Nina May/RND

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