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Anwohner fühlen sich massiv belästigt

Kirchenweg in Kiel Anwohner fühlen sich massiv belästigt

Bis zu 150 Menschen sollen im Kirchenweg 34 in Kiel-Gaarden leben: Ein Zustand, der die Anwohner auf die Palme bringt. Sie fühlen sich von ihren Nachbarn massiv belästigt. Die Hausverwaltung verspricht nun Abhilfe.

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Müll vor dem Haus ist ein gewohnter Anblick. Einige Bewohner schlachten Sperrmüll nach Verwertbarem aus und lassen die Reste einfach liegen. Manchmal stapelt sich der Abfall denn meterhoch.

Quelle: Martin Geist

Kiel. „Lärm, Müll, kein Respekt, kein Anstand.“ Ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, gibt eine Gaardenerin Antwort auf die Frage, was ihr zum Haus Kirchenweg 34 einfällt. Drei bis vier Menschen leben dort in einem Zimmer, gut und gern 150 mögen es im ganzen Haus sein. Für die Nachbarschaft, in der auch die oben zitierte Frau wohnt, bedeutet das massive Beeinträchtigungen.

Unbehagen regt sich mittlerweile aber auch an anderen Stellen. Nicht zuletzt bei den Hauseigentümern, die im Projekt „Wohnwert Gaarden“ mitarbeiten und anstreben, durch Modernisierung und bedachte Auswahl von Mietern die Qualität ihrer Häuser und möglichst ganzer Straßenzüge zu heben.

Durch die Zustände im Kirchenweg 34 – das Haus wechselte in den vergangenen Jahren mehrfach den Besitzer –, aber auch in anderen Häusern, sehen sie diese Bemühungen krass unterlaufen. Von einer „extremen Wohnsituation“ ist die Rede in einer von Haus-und-Grund-Chef Sönke Bergemann und dem „Wohnwert“-Koordinator Wulf Dau-Schmidt unterzeichneten Petition an den Kieler Bürgermeister.

Das Haus an der Ecke Kirchenweg/Steinmarderweg ist voll bis unters Dach. Die Nachbarn bekommen die Folgen zu spüren. Foto: Martin Geist

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„Gaarden ist seit Jahrzehnten ein multikultureller Stadtteil und soll es bleiben“, heißt es in dem Schreiben. Und weiter: „Was damals für zum Beispiel türkische Werftarbeiter gedacht war, wird heute oft von europäischen Zuwanderern aus dem Balkan bewohnt. Das wäre kein problematisches Thema, außer wenn die Situation nicht ausgenutzt würde.“

Ausgenutzt sehen die Unterzeichner die Situation durch ein höchst fragwürdiges Geschäftsmodell. Häuser werden zimmerweise vermietet, damit sich ein möglichst hoher Profit ergibt. Aber auch ein hoher Preis für die Betroffenen. So heißt es in der Petition: „Die vermieteten Zimmer dienen zum Wohnen, Schlafen, Kochen, oft auch zum Wäsche waschen. Oft beeinträchtigt Feuchtigkeit und Schimmel die Lebenssituation der Bewohner. Besonders für Kinder ist dies nicht zumutbar.“

Nicht verwunderlich ist es deshalb für die „Wohnwert“-Leute, dass sich die überwiegend aus Rumänien und Bulgarien stammenden Bewohner möglichst viel im Freien aufhalten. Das führe dann zu Belastungen für die gesamte Nachbarschaft, wie auch die Anwohnerin bestätigt, die lieber anonym bleiben will: „Die Leute sitzen vor unserer Haustür, man muss sich mit Mühe seinen Weg bahnen, und alles ist voller Sonnenblumenkerne. Manchmal habe ich denen schon einen Besen in die Hand gedrückt, und einmal hat sogar eine Frau gefegt.“

Besonders leidet die in einem Haus auf der anderen Straßenseite wohnende Frau unter dem Lärm. Oft bis weit nach Mitternacht, oft auch im Beisein von Kindern, werde Bier getrunken und mehr als lautstark geredet. Immer wieder rufen die Nachbarn dann die Polizei, die wenigstens vorübergehend für Besserung sorgt.

Die Folgen sind nach Schilderung der Gaardenerin gravierend. Obwohl das eigene Mietshaus „in Ordnung“ sei, seien schon zwei Mieter ausgezogen. „Und es werden noch mehr“, weiß sie, sich selbst nicht davon ausnehmend: „Wenn ich die Möglichkeit habe, bin ich hier weg.“

Genau das fürchtet die Initiative „Wohnwert“. Engagierte Vermieter, die in direkter Nachbarschaft zu solchen Häusern Eigentum haben, „möchten gerne investieren, sind aber wenig motiviert“. Mehr noch: „Manche Häuser verlieren an Wert und sind gefährdet, zum gleichen ‚Geschäftsmodell‘ zu konvertieren.“

Die Hauseigentümer appellieren deshalb an die Stadt Kiel, „diese Vermietungsbedingungen nicht länger zu dulden und die zur Verfügung stehenden ordnungsrechtlichen Maßnahmen zeitnah zu ergreifen und auszuschöpfen“. „Wir wollen die Zustände verbessern“, versichert Jessica Nödlich von der Firma Firma GF Consulting, die seit wenigen Monaten für die Verwaltung des Hauses im Kirchenweg zuständig ist. Kleine Erfolge gebe es bereits. Etwa weniger Müll im Haus und ein bewältigtes Rattenproblem. Mittelfristig soll zudem die Zahl der Bewohner deutlich gesenkt werden. Ziel sei es, ganze Wohnungen an Familien zu vermieten. Das brauche allerdings Zeit.

Akuten Handlungsbedarf sieht auch die Gaardener Runde, in der eine Vielzahl von sozialen Organisationen des Stadtteils sitzt. Sie fordert von der Stadt eine Strategie für den Umgang mit Schrottimmobilien und vom Land eine ähnliche Handhabe wie sie das seit gut einem Jahr geltende Wohnungsaufsichtsgesetz in Nordrhein-Westfalen bietet. Kommunen können aufgrund dieses Gesetztes Mindestanforderungen und Mindestgrößen für Wohnraum definieren, um gegen Überbelegungen vorgehen zu können. Sie können aber auch verwahrloste Häuser komplett für unbewohnbar erklären.

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Foto: Müll vor dem Haus ist ein gewohnter Anblick. Einige Bewohner schlachten Sperrmüll nach Verwertbarem aus und lassen die Reste einfach liegen. Manchmal stapelt sich der Abfall denn meterhoch.

Entschieden zurückgewiesen hat der Verwalter des Hauses Kirchenweg 34 den Vorwurf der Initiative „Wohnwert Gaarden“, wonach die Immobilie aus Gewinnstreben so überbelegt werde, dass das gesamte Umfeld darunter leide. Vielmehr sehen sich Verwalter und Eigentümer von den anderen Hausbesitzern und auch von der Stadt alleingelassen.

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