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Was ist aus den Kneipenterroristen geworden?

25 Jahre „Youth Wars“ Was ist aus den Kneipenterroristen geworden?

Rivalisierende Jugendbanden waren im Kiel der neunziger Jahre ein gewaltiges Problem. Regisseur Karl Siebig hat 1991 über die Kneipenterroristen einen Film gedreht. 25 Jahre danach haben wir uns auf die Suche nach den Protagonisten von „Youth Wars“ gemacht.

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Bernd Knauer von den Kneipenterroristen ist heute Kult.

Quelle: Screenshot: Youtube

Kiel. Schießereien auf offener Straße, Jugendliche mit Baseballschlägern und Elektroschockern, dazu reichlich Bier und kernige Sprüche wie „Laboe ist fällich!“: In Karl Siebigs Film „Youth Wars“ – Beobachtungen in der norddeutschen Provinz“ war das Kieler Ostufer vor 25 Jahren kein besonders gemütliches Pflaster. Rivalisierende und oft auch kriminelle Banden mit Namen wie „Kneipenterroristen“, „Tigers“ oder „Mad Dogs“ nutzten jede Chance zur körperlichen Auseinandersetzung und sorgten zwischen Gaarden und Laboe für reichlich Arbeit bei Polizei und Sozialarbeitern.

„Die Kieler Nachrichten waren damals voll von Meldungen über Prügeleien und Schießereien aus diesen Stadtteilen“, erinnert sich der Regisseur. Diese Zeitungsberichte waren es, die ihn zur Arbeit am Film motivierten. Er wollte den namenlosen Jugendlichen ein Gesicht geben, sie begleiten und selbst zu Wort kommen lassen. Daraus ist ein gut einstündiger Film entstanden, der Anfang der neunziger Jahre für einen Paukenschlag in der Landeshauptstadt sorgte, die Kriminalprävention auf neue Beine stellte und kurze Zeit später auch beim RTL-Magazin „Spiegel TV“ ausgestrahlt wurde. Eben auch, weil er seine Protagonisten ernst nahm, sie nahezu unkommentiert schnacken und machen ließ, dabei zahlreiche (un)freiwillig komische Situationen einfing und zeigte: Fast alle Jugendlichen hatten zwar in der Schule nicht sonderlich gut aufgepasst, aber das Herz am rechten Fleck.

Heute ist „Youth Wars“ über die Grenzen Kiels hinaus berühmt: Er wurde bei Youtube über 100.000 Mal geklickt, wird auf Viral-Blogs wie „Urbanshit" verlinkt und von Promis wie Jan Böhmermann zitiert . Sprüche wie “Ja jede Mudder hat ein schöne Tochta!”, „Eigelbs“und „Laboe is fällich!“ sind dabei eng mit einem Namen verknüpft: Bernd Knauer von den Kneipenterroristen. Er, dieser damals geschätzt Anfang 20-jährige Kerl mit Schnauzer und Vogelspinne, genießt heute Kultstatus. Hipster tragen Jutebeutel mit seinem Konterfei und in der Szenekneipe „Subrosa“ hängt ein gerahmtes Foto. Ob ihm das klar ist? Das weiß niemand so genau, denn seit den Dreharbeiten ist Knauer wie vom Erdboden verschluckt. Zahlreiche Gerüchte ranken sich um ihn. Wir haben nachgeforscht: bei Regisseur und Produzent, an den Drehorten und bei Zeitzeugen aus der Jugendarbeit.  Was ist aus Knauer und den anderen Kielern Raufbolden von damals geworden?

Zu Gast bei Regisseur und Produzent

Karl Siebig und Produzent Detlev von der Goltz empfangen uns in Siebigs Atelier in Kiel-Schilksee. Hier widmet sich der Regisseur seiner zweiten Leidenschaft: dem Malen von norddeutschen Landschaften und Selbstportraits, auf denen er noch faltenfreier aussieht, als er mit seinen knapp 70 Jahren eh noch ist. Die Kieler Jugendbanden scheinen ihm keine Sorgenfalten ins Gesicht gegraben zu haben. An die wilden Jahre erinnert er sich immer noch gern. „Das war eine verrückte Zeit.“

Mehrere Wochen begleiteten er und von der Goltz die Banden auf dem Ostufer, zunächst ohne Kamera um ihr Vertrauen zu gewinnen. Während der Dreharbeiten wurden die Filmemacher zu unauffälligen Begleitern. „Gestellt war da nix“, so von der Goltz. „Die waren wirklich so.“ Über einige Szenen habe das Film-Team kontrovers diskutiert, viele Sequenzen rausgeschnitten. „In den Kneipen haben die einfach die Vodkaflaschen mitgehen lassen, als wär es das Natürlichste auf der Welt.“ Nach Ende der Produktion meldeten sich die Jugendlichen noch oft bei Siebig, baten um einen väterlichen Rat oder „den ein oder anderen Füffi“. Zuviel für den Regisseur, er brach den Kontakt rasch ab. „Ich bin Filmemacher, kein Sozialarbeiter.“ Wo ihre Protagonisten heute stecken, darüber können auch Karl Siebig und Detlev von der Goltz nur mutmaßen.

Geschichten eines Kieler Bloggers

Vielleicht weiß ein anderer Zeitzeuge mehr: Mathias Winks, ursprünglich aus Kiel-Mettenhof, mittlerweile ein erfolgreicher Blogger, der sich auch im nicht mehr ganz so jugendlichen Alter „MC Winkel“ nennt. Partys hat er schon vor 25 Jahren gern gefeiert und ist dabei oft an die Kneipenterroristen geraten. „Die waren überall dabei, das waren echte Rabauken. Wenn die betrunken waren, haben sie ganz schön randaliert.“ Ungefähr zehn Jugendgangs gab es damals in Kiel, schätzt er. „Herrlich bekloppt“ seien deren Mitglieder gewesen, „damals war alles Kraut und Rüben, wirklich lustig.“

Für Winks gingen die Treffen jedoch selten gut aus. Die Gangs hatten für den gestriegelten Popper und seine Freunde nicht viel übrig. Auf seinem Blog berichtet der Kieler vom Ärger mit den Banden, der ihm unter anderem einen Bänderriss im Fuß einbrachte, als er vor einem Mitglied der „Mad Butchers“ flüchtete. Einem Kumpel habe Bernd Knauer in einem Linienbus der KVG höchstpersönlich einen Zahn ausgeschlagen, erinnert er sich. Sein Fehler: Er hatte sich in Popper-Kluft aufs raue Ostufer gewagt. „Für uns war die Atmosphäre dort sehr befremdlich.“

Wenn man Winks zuhört, könnte man meinen, das Lebensgefühl der Kieler Jugendlichen bestand damals vor allem daraus, sich grüppchenweise gegenseitig zu verprügeln – und daran auch noch Spaß zu haben. Seine Begründung klingt so einfach wie einleuchtend: „Kiel war damals schon schläfrig. Sich in Gangs zusammenzuschließen, war das einzige, was man machen konnte.“

Später wurde der heutige Blogger ruhiger, absolvierte eine solide Ausbildung und verabschiedete sich aus dem wilden Partyleben. Mit den Kneipenterroristen um Bernd Knauer hatte er kaum noch etwas zu tun. „Mich würde aber durchaus interessieren, was die Jungs heute so treiben.“ Uns auch.

Sozialarbeiter erinnern sich

Ein nächster Versuch bei den Menschen, die in dieser hitzigen Zeit immer mittendrin waren und trotzdem einen kühlen Kopf bewahren mussten: die Sozialarbeiter vom Ostufer. Rena Mirbach, Jochen Polster, Kerstin Hamann-Nagar und Geertje Freese können sich noch gut an wilde Abende in den Jugendtreffs der Stadt erinnern. Besonders mittwochs zur wöchentlichen Jugenddisko mit 200 Leuten sei es brisant gewesen. „Da brannte im Saal die Luft“, sagt Hamann-Nagar. Oft sei es zu Schlägereien gekommen, zu denen die Polizei gerufen werden musste. „Irgendwie ist es ein Wunder, dass trotzdem nicht mehr passiert ist, kleinere Waffen waren damals Usus bei den Jugendlichen.“

Die Sozialarbeiter versuchten zwar, alles im Blick zu behalten und erhielten auch oft Tipps von Gangmitgliedern, die eine verabredete Schlägerei vorab verrieten, ihre Arbeit unterschied sich jedoch stark von der heutigen, präventiv angelegten Vorgehensweise. „Wir waren offene Jugendtreffs ohne spezielle Angebote und als Erzieher lediglich Ansprechpersonen. Das Credo hieß damals: Hauptsache weg von der Straße“, erläutert Geertje Freese. Erst die vielen gewalttätigen Auseinandersetzungen in der Stadt führten bei den Trägern zu einem Umdenken. In regelmäßigen „Ostuferrunden“ diskutierten Erzieher, Polizei und Stadt, wie sie die Jugendlichen besser in den Griff bekommen können. „Viele kamen aus Familien, in den sich die Eltern kaum um ihre Kinder gekümmert haben. Die Gangs waren da eine Art Ersatz“. Auch die Kneipenterroristen ließen sich in den Treffs öfter blicken, hinterließen aber keinen nachhaltigen Eindruck. „Bei unseren Ehemaligentreffen war keiner von denen dabei“, sind sich die Vier einig.

Hier finden Sie Fotos zum Film "Youth Wars" und den Kieler Kneipenterroristen.

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Unterwegs auf dem Ostufer

Nochmal auf Anfang. Wir versuchen es am Schluss direkt dort, wo „Youth Wars“ entstanden ist: auf den Straßen des Ostufers. Der Vinetaplatz in Gaarden ist auch heute ein Ort mit eher rauem Charme. Die lokale Trinkerszene hat sich am Rand unter dem Häuservorsprung eingerichtet. Und endlich: Mittendrin steht einer, der sich noch gut an die Kneipenterroristen erinnern kann und sogar in „Youth Wars“ länger zu Wort kommt. Seinen Namen möchte er nicht nennen. Aber der schlacksige, hochgewachsene Kerl ist bei näherem Hinsehen klar als Anführer der damaligen „Blues“ aus Laboe zu erkennen. Von seinen ehemaligen Rivalen weiß er kaum etwas zu berichten. Nur soviel: „Die trauen sich hier nicht her!“ In den Wellingdorfer Kneipen sollen wir unser Glück versuchen, rät er.

Die Lokale dort tragen bodenständig-fantasievolle Namen: „Murats Imbiss“, „Koralle“. Sie sehen von innen und außen noch genauso aus wie vor 25 Jahren und auch die Gäste scheinen die gleichen geblieben zu sein. Die Frage nach den Kneipenterroristen gibt Murat jedenfalls gleich an seine Kundschaft weiter: „Die kennst du doch noch, von früher, na klar!“ Seit gut 20 Jahren habe sich aber keiner der ehemaligen Stammgäste mehr an seinen Tresen gesetzt, ist sich der Wirt sicher. War der Tipp des ehemaligen Blues-Anführers doch kein gutgemeinter Tipp, sondern ein geschicktes Ablenkungsmanöver?

Wir fragen eine, die es wissen muss: Jenny Dulap. Ihre Kneipe „Norddeutsches Eck“ war Drehort des Films. Schon als Kind sei sie durch die verrauchte Ein-Raum-Gaststätte gekrabbelt, erzählt die heute 30-Jährige. Damals war ihre Mutter Vera dessen Pächterin. „Youth Wars“ kennen beide nicht, mit Namen wie „Kneipenterroristen“ oder „Mad Dogs“ können sie aber sehr wohl etwas anfangen. „Die sind hier Stammgäste und genauso chaotisch wie früher. Für diese Leute ist das hier immer noch ihre Kneipe.“ Wilde Partys werden bei Dulap aber nicht mehr gefeiert. Mittlerweile seien es vor allem Beerdigungen, die den harten Kern der Gangs zusammenbringen. Wenn einer von ihnen stirbt, wird das im Norddeutschen Eck begossen. Viel mehr mag die Wirtin nicht über ihre treue Kundschaft berichten. Auch berühmt-berüchtigte Rabauken haben ein Recht auf Privatsphäre. Aber immerhin: Es gibt sie noch und sie sind sich irgendwie treu geblieben. Mehr muss man ja auch eigentlich nicht wissen.

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