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40 Jahre Wohngemeinschaft

Drachensee-WG 40 Jahre Wohngemeinschaft

Wer seinen Alltag wegen einer Behinderung nicht ohne fremde Hilfe meistern konnte, für den gab es lange Zeit nur die eigene Familie oder das Heim. Höchste Zeit war es deshalb aus Sicht vieler Betroffener, als die Stiftung Drachensee 1976 ihr erstes Wohnhaus eröffnete.

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Drachensee-Bereichsleiter Wolfgang Assel, der langjährigste Bewohner Thomas Trademann, Bewohnerin Janina Emmel, Hausleiter Stefan Grosse Frericks und Bewohner Julian Tepling (hinten von links) sowie Brigitte Dibbern und Beata Erdmann (vorne von links) in der Küche der älteste Wohngruppe der Stiftung Drachensee.

Quelle: Martin Geist

Kiel-Hammer. Demnächst feiert die Einrichtung ihr 40-jähriges Bestehen. „Männerwohnheim 1“ hieß anfangs das Haus auf dem Gelände von Hof Hammer. Nicht ohne Grund, denn bis in die 1980er-Jahre hinein hielten sich darin tatsächlich nur Männer auf. Thomas Trademann, der schon 1978 dort einzog, kann sich noch gut an die Atmosphäre erinnern, die bisweilen recht rau und herzhaft war. „Gemischt ist es besser“, lautet sein Fazit. Der Umgang wird nach seiner Erfahrung freundlicher, wenn Frauen dabei sind, und irgendwie ist es auch weniger langweilig.

Wobei Langeweile zumindest im Grundsatz kein Problem ist. Wer noch nicht im Rentenalter ist, geht tagsüber seiner Arbeit in einer der Drachensee-Werkstätten nach, und ansonsten gibt es noch die ganz normalen Alltagspflichten. Einkaufen, Frühstück und Abendbrot zubereiten, am Wochenende, wenn die Stiftungsküche kalt bleibt, wird außerdem selbst gekocht.

„So viel Eigenständigkeit wie möglich, so viel Hilfe wie nötig“, formuliert Hausleiter Stefan Grosse Frericks die Devise. Das gilt auch dann, wenn Konflikte auftreten. Erst einmal gilt, selbst klarzukommen. Gelingt das nicht, dann stehen selbstverständlich Grosse Frericks und seine drei Kollegen vermittelnd bereit.

"Wunderbar harmonisch"

Nötig ist das aber selten. Bemerkenswert selten sogar, meint Bereichsleiter Wolfgang Assel von der Stiftung Drachensee. Immerhin vier Frauen und zehn Männer leben zurzeit auf vergleichsweise engem Raum zusammen, und in Anbetracht dieser Umstände läuft es aus Sicht von Assel geradezu „wunderbar harmonisch“. Verglichen mit den ursprünglichen Verhältnissen geht es heute andererseits geradezu luxuriös her. Weil der Bedarf so groß und der Platz so begrenzt war, brachte die Stiftung Drachensee im einstigen Männerwohnheim bis zu vier Personen in Etagenbetten unter. Seit einem Umbau samt Erweiterung im Jahr 1996 hat jeder ein Einzelzimmer und teilt sich mit dem Nachbarn Dusche und WC.

Auf die Hardware allein kommt es allerdings nicht an. Entscheidend fürs Wohlfühlen ist nicht zuletzt der Halt, den die Gruppe gibt. Und auch das gute Verhältnis zu den anderen Einwohnern von Hammer. Bei Festen oder Flohmärkten mischen sich die Drachenseer regelmäßig unters Volk, laden andererseits zu sich ein, wenn bei ihnen etwas los ist.

Viele Veränderungen in 40 Jahren

Jeder und jede wünscht sich deshalb, dass das auch in Zukunft so bleibt. Und obwohl Hof Hammer weitgehend abgerissen und mit neuen Wohnhäusern bebaut wird, geht dieser Wunsch in Erfüllung. Wenn es 2017 oder 2018 ernst wird mit dem inklusiven Wohnquartier soll zunächst das neue Haus für die Drachensee-Gruppe errichtet werden, erst danach rücken die Abrissbagger ihrem jetzigen Domizil ans Gemäuer. Die Wehmut darüber hält sich in Grenzen, denn im Neubau entstehen richtige kleine Wohnungen mit eigenem Bad und allem was sonst noch dazugehört. „Das wird viel schöner“, freut sich Janina Emmel, die außerdem sehr froh darüber ist, dass alle bisherigen Betreuer mit umziehen und sich insofern nichts ändert.

Viel geändert hat sich dagegen in den vergangenen 40 Jahren bei der Stiftung Drachensee. Mittlerweile betreut sie im ganzen Stadtgebiet und Schönkirchen elf Wohnhäuser, in denen etwa 200 Männer und Frauen leben. Der Bedarf, so sagt Wolfgang Assel, sei damit weitgehend gedeckt, Defizite macht er lediglich bei Wohnungen für sehr junge Erwachsene aus. Gefeiert wird das 40-jährige Bestehen der Wohngruppe auf Hof Hammer am 3. September beim alljährlichen Sommerfest. Das soll aus diesem Anlass größer ausfallen als sonst.

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